Attwenger im Interview: "Zum Glück sind wir nicht verheiratet"
Mit „wos“ brachten Attwenger ihr zwölftes Album heraus – und überzeugen durch bekannte Tugenden: Wortwitz, Experimentierfreude und sehr viel Groove.
Seit 36 Jahren machen Markus Binder und Hans-Peter Falkner gemeinsam unter dem Bandnamen Attwenger Musik. Dialekt, intelligente Wortspiele, bissige Kommentare treibende Beats und ein Akkordeon machten sie zum europaweiten Phänomen. Sogar in Indonesien, Mexiko, den USA und Simbabwe spielten sie erfolgreiche Konzerte.
Im freizeit-Interview sprechen sie über ihre Langzeitbeziehung, Musik, Feminismus – und Handys in der Straßenbahn.
Einer mag grün, der andere gelb? Kein Problem für Binder und Falkner
©Helmut WimmerGratulation zum neuen Album! „wos“ ist wieder ein atemberaubender Genre-Mix, Gstanzeln treffen auf Dancehall, der Boarische auf Dub, dazu Rockabilly und Elektronik – so frisch wie eh und je!
Hans Peter Falkner: Vielen Dank. Ja, ich denke, die 36 Jahre hört man uns nicht an.
Markus Binder: Im Gegenteil eigentlich. Wir haben für die Liveshows einen uralten Song mit einem aktuellen gemixt und sind draufgekommen, dass wir heute schneller spielen als 1992.
Sie sind seit 36 Jahren als Duo aktiv – länger als viele Ehepaare zusammen sind. Wie darf man sich Ihre Beziehung vorstellen?
Binder: Na zum Glück sind wir nicht verheiratet! (lacht) Aber ja, wir sind schon beste Freunde. Nur, wenn’s um uns als Attwenger geht, dann ist das eben eine künstlerische Kooperation. Das ist schon was anderes ... Auch schwierig oft, deshalb gibt’s wohl nur wenige Bands, die so lange zusammenbleiben.
Falkner: Manchmal will ich gelb und er grün ... (lacht)
Binder: Ja, wir sind oft NICHT einer Meinung. Aber wir leben ja auch nicht zusammen. Dafür sitzen wir oft stundenlang gemeinsam im Auto, wenn wir auf Tour sind.
Falkner: Bei weit mehr als 1.000 Konzerten heißt das, dass es praktisch nichts gibt, was man vom anderen nicht weiß.
Binder: Aber wenn wir nicht aufnehmen oder live spielen, sehen wir uns oft wochenlang nicht.
Falkner: Vielleicht ist das ja auch hilfreich ...
Binder: Hm, in den aktuellen Songs geht’s um Sozialismus, missglückte Entnazifizierung, Feminismus ... ich denke nicht, dass man das unter „altersmilde“ einordnen kann.
Attwenger haben nichts von ihrer Energie verloren. „Im Gegenteil, wir spielen heute schneller als 1992“
©Benjamin RauberAuf dem sehr lässigen, klassischen Attwenger-Titel „hendihenga“ geht’s um exzessiven Handygebrauch. Ganz ehrlich: Gehören Sie auch zu den 99 Prozent der Fahrgäste in öffentlichen Verkehrsmitteln, die sofort aufs Handy schauen, sobald sie sitzen?
Binder: (lacht) Auweh, ja, das tu ich schon auch. Aber ich hab eine Entschuldigung: Ich schreibe meine Texte auf dem Handy. Ich darf also ...
Falkner: Er schaut schon sehr viel. Dabei hat er sich erst viel später als ich eines zugelegt. Aber ganz ehrlich muss man einfach sagen: Wir sind halt alle gern am Handy.
Binder: Ja, wobei’s halt schon wirklich ein Wahnsinn ist, welchen dubiosen Inhalten man übers Handy völlig ungefiltert ausgesetzt ist. Wenn ich nur an diese ganzen Manosphere-Blogger denke – ein Graus, ich weiß auch nicht, wie man junge Menschen hier tatsächlich schützen sollte.
In „feministische gstanzeln“ drehen Sie den Spieß gewissermaßen um, oder?
Binder: Ja, das war mir ein Anliegen. Ich meine, wie kann das sein, dass Frauen einfach immer noch weniger verdienen als Männer? Wo sind die Frauen in den Führungsetagen der Konzerne? Oder beim G20-Gipfel? Mehr als 30 Politiker dabei, darunter drei oder vier Frauen ...
Falkner: Da hatten wir allerdings schon Diskussionen. Weil deshalb ist ja nicht automatisch alles schlecht, was Männer gemacht haben.
Binder: Aber Männer wissen’s mittlerweile doch auch, dass sie falsch liegen. Ich denke, da hat sich bei vielen in den letzten Jahren schon ein Bewusstsein gebildet. Weil es gibt doch nur zu gewinnen, wenn sich die Dinge endlich angleichen. Auch für Männer.
Falkner: Ich hätt den Text trotzdem anders geschrieben. (lacht) Aber so ist das in einer Beziehung! Es ist jedenfalls schade und eigentlich absurd, dass wir 2026 überhaupt noch über das Thema Gleichberechtigung sprechen müssen.
Binder: Klar, das ist es. Man muss sich immer wieder in Erinnerung rufen, wie lange es überhaupt gedauert hat, bis Frauen einigermaßen gleiche Rechte hatten. Das Wahlrecht, Zugang zu Universitäten, Berufswahl – apropos, bis in die 1970er brauchten Frauen ja auch bei uns noch die Einwilligung ihres Mannes, wenn sie arbeiten gehen wollten.
Als Sie in den frühen 1990ern anfingen, war Dialekt im österreichischen Pop quasi nicht vorhanden. Oder besser: nur als wienerisch. Bundesländer-Dialekte galten als folkloristisch. Fühlen Sie sich bestätigt, wenn heute Dialekte aus allen Ecken Österreichs zu hören sind? Oder ist die Szene schon verwässert?
Binder: Gute Frage. Wir kommen auf unseren Touren ja in ganz Österreich herum – und tatsächlich hören wir fast überall gute Musik, oft im Dialekt. Aber das Medienzentrum ist eben in Wien. Hier wird bestimmt, wer das Next Big Thing wird. Was in Tirol passiert, muss es erst nach Wien schaffen. Uns ist das in den 90ern gelungen. Ich denke nicht, dass es heute leichter ist. Die Hörer sind inzwischen offener für sprachliche Unterschiede, das ist gut – aber wer es nicht nach Wien schafft, wird nicht gehört.
Falkner: Das wurde damals von uns auch nie besprochen, es war einfach so. Wir wollten in unserer Sprache singen. Wir kommen aus einer anderen Zeit, haben einen anderen Background als die meisten Bands heute. Ich hab ja lange in der Familien-Musi mitgespielt. Vom „Attwenger-Gstanzel“ kommt auch unser Name. Im Grunde waren schon mein Vater und eigentlich auch mein Großvater „Ur-Attwenger“. Immer offen für neue Töne. Als mir mein großer Bruder als Kind zum ersten Mal Jimi Hendrix vorgespielt hat, war klar, dass ich meine Quetschn einmal durch den Verzerrer jagen werde. (lacht)
Könnten Attwenger heute auch so durchstarten wie vor 36 Jahren?
Binder: Darüber habe ich letztens selbst nachgedacht! So auf die Art: Wenn das unsere erste Platte wäre – wie erfolgreich könnte sie sein? Ist natürlich rein hypothetisch und nicht zu beantworten. Denn die Zeiten sind ja völlig andere. Wir haben damals alles aufgesogen, Nirvana, Grunge, Techno, Punk – alles, was uns selbst bewegte. Und dazu im Dialekt, mit Akkordeon und Schlagzeug unser Ding gemacht. Das gab’s davor so noch nicht. Heute ist das Grundrauschen viel lauter, und es fehlen die klaren Kanäle, auf die man sich früher geeinigt hat. Ich weiß nicht, wie wir als neue Band heute abschneiden würden. Aber eines weiß ich, denn daran hat sich nichts geändert: Bei jedem Song, den ich schreibe, sitze ich vor einem weißen Blatt. Damals wie heute. Denn egal, wie viele CDs du schon gemacht hast: Du fängst immer wieder neu an.
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