Oberkörper einer Person mit ausgebreiteten Armen und gold-violetter Maske vor rotem Hintergrund.

100 Jahre "Traumnovelle": Wenn nach der Orgie die Masken fallen

Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ erschien 1926 – ein Werk, das hinter die Fassade der Ehe blickt. Wie es entstand und wie Stanley Kubrick es in Eyes Wide Shut neu interpretierte.

Ein nächtliches Gespräch kann vieles auslösen.

Der Arzt Fridolin und seine Frau Albertine erzählen einander, wie sie im Urlaub nach flüchtigen erotischen Blickwechseln mit fremden Menschen von leidenschaftlichen Gefühlen überwältigt wurden. Sie verraten einander geheime Wünsche und Fantasien. Sie öffnen damit eine Tür, die sich nicht mehr schließen lässt.

Getrieben von Eifersucht und gekränkter Männlichkeit streift Fridolin durch zwei Wiener Nächte. Er begegnet einer trauernden Frau, die ihm ihre Liebe gesteht, lernt die Prostituierte Mizzi kennen, wird von Burschenschaftern blöd angemacht und gerät schließlich in eine geheime Orgie mit Masken in einer Vorstadtvilla. Fridolin bleibt Beobachter, wird enttarnt und muss seine Verkleidung ablegen.

Welche Wünsche die Träume offenlegen

Während er sich in reale Gefahr begibt, träumt Albertine von einem amourösen Abenteuer im Urlaub. Traum und Wirklichkeit beginnen zu verschwimmen, und die bürgerlichen Sicherheiten geraten ins Wanken.

Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Novellen des 20. Jahrhunderts. Stanley Kubrick verlegte die Handlung 1999 unter dem Titel "Eyes Wide Shut" ins winterliche New York – mit einem sich ins Gedächtnis bohrenden Pianomotiv, einer aufregenden Sex-Party, einem eigenen Ende und Nicole Kidman, die im Unterhemd ihren damaligen Göttergatten Tom Cruise an die Wand spielte.

Die erste Buchausgabe erschien 1926 im S. Fischer Verlag, nachdem die Novelle von Dezember 1925 bis März 1926 in mehreren Teilen in der Berliner Zeitschrift "Die Dame" abgedruckt worden war.

„So spät erst?“, mag man sich anlässlich des 100-jährigen Jubiläums denken. Denn gefühlsmäßig scheint der Text eher ins Altösterreich der Jahrhundertwende zu gehören. In eine Welt überkommener Moralvorstellungen, sexueller Triebunterdrückung und aufkommender Traumforschung und weniger in die wilden Zwanzigerjahre mit ihren neuen Freiheiten und dem Tanz auf dem Vulkan. Aber Schnitzler blieb immer Schnitzler.

Was die Traumnovelle mit Psychoanalyse zu tun hat

Er trug den Stoff über ganze Jahrzehnte mit sich. Bereits seit den 1880er-Jahren beschäftigten Schnitzler zwei Motive, die er später zusammenführte. Erstens die Geschichte eines Arztes, der auf der Straße angerempelt wird und untätig bleibt. Zweitens die Eifersucht eines Mannes, ausgelöst durch den Traum seiner Geliebten. In der Traumnovelle verschmelzen diese beiden Erzählkerne zu einem dichten psychologischen Geflecht.

Schnitzlers Text steht im Bann der Freudschen Psychoanalyse, meinen viele Vertreter der Literaturwissenschaft – auch wenn Schnitzler nie ein Schüler Freuds war und der Psychoanalyse als Mediziner eher skeptisch gegenüberstand. Doch wie Sigmund Freud erkundet die Traumnovelle das brüchige Gefüge bürgerlicher Moral. 

Fridolin konnte sich vor der Ehe austoben, seine Frau blieb – wie sich das gehörte – hingegen keusch. Und dann gärt es. Es gibt verdrängte Wünsche, erotische Fantasien und Angstbilder, die nachts umso mächtiger zurückkehren.

Der Historiker Peter Gay bezeichnete Schnitzler daher als Freuds „literarischen Doppelgänger“: einen Schriftsteller, der das Unbewusste nicht theoretisch, sondern erzählerisch freilegt.

Sigmund Freud beschäftigte die Traumnovelle

Doch es gibt auch gegenteilige Meinungen: Anders als im psychoanalytisch interpretierten Traum seien die Traumbilder in der Novelle nicht verhüllt, sondern höchst konkret. Auf jeden Fall: In einem ihrer Briefwechsel vermerkte Freud kurz nach Erscheinen der Novelle in einem Postskriptum: „Über Ihre Traumnovelle habe ich mir einige Gedanken gemacht.“ Mehr Anerkennung aus berufenem Mund war kaum denkbar, auch wenn Freud nicht aufklärte, wie ihn das Werk beschäftigt hatte.

Nach längerer Pause nahm Arthur Schnitzler Anfang der 1920er-Jahre die Arbeit an der Traumnovelle wieder auf. 1921 zerbrach seine Ehe mit Olga Gussmann. In seinen Tagebüchern protokollierte er damals genau jene Themen, die den Text tragen: sexuelles Begehren, Eifersucht und die Risse in der Ehe. 

Das kann zu einer autobiografischen Lesart verleiten; die Forschung warnt – wie oft in solchen Fällen – jedoch vor einer direkten Gleichsetzung von Leben und Werk. Vielmehr greift Schnitzler auf persönliche Erfahrungen zurück, um die Krise bürgerlicher Intimität literarisch-analytisch zu durchleuchten

Wie Schnitzlers Traumnovelle ursprünglich heißen sollte

Was auf jeden Fall gesichert ist. Schnitzler wollte die Traumnovelle eigentlich Doppelnovelle nennen. Immerhin verschränkt sie Fridolins nächtliche Odyssee und Albertines detaillierten Traumbericht. Beide Teile spiegeln und kontrastieren einander. 

Am Ende ist das Paar aber wieder vereint. Ein Happy End, sozusagen. Doch das war nicht immer fix, Schnitzler hatte auch andere Enden – verständlicherweise bei all den aufregenden Erlebnissen – im Talon. Im Juni 1916 vermerkte er in seinen Skizzen „Ihre spätere Versöhnung und Erzählung der Abenteuer, worin sie sich wiederfinden.“

Passend zum Jubiläum hat das Online-Portal „Arthur Schnitzler digital“ der Universität Wuppertal soeben eine historisch kritische Edition der Traumnovelle veröffentlicht – samt sämtlicher überlieferter Dokumente zu ihrer Entstehung.

Schnitzler plante mit Verfilmung

Darunter findet sich auch ein 29-seitiger Typoskript-Entwurf zu einem Filmskript. Schnitzler begann auf Wunsch des Regisseurs G. W. Pabst zu schreiben. Das war Ende 1930. Zu Schnitzlers Lebzeiten kam die geplante Tonverfilmung nicht mehr zustande. Doch sein Skript wirkt nach: Es zählt heute zu jenen Vorarbeiten, auf die sich wohl Stanley Kubrick fast siebzig Jahre später stützte, als er mit Eyes Wide Shut eine Kinoadaption schuf.

Schon zuvor wurde die Traumnovelle mehrfach verfilmt: 1969 spielte Karlheinz Böhm die Hauptrolle in einer deutschsprachigen Adaption, Erika Pluhar war seine Frau. Im Vorjahr verlegte eine weitere Verfilmung die Handlung ins Berlin der Gegenwart – mit prominenter Besetzung, darunter Nikolaj Kinski und Detlev Buck

Die Traumnovelle im Wiener Volkstheater

Dazwischen gab es immer wieder Theateradaptionen – etwa eine viel beachtete im Wiener Stundenhotel Orient im Jahr 2007 oder aktuell im Volkstheater. Das zeigt, wie präsent und wandlungsfähig dieser Stoff noch hundert Jahre nach seiner Erstveröffentlichung ist.

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

ist Redakteur bei der KURIER Freizeit. Seit Dezember 2020 schreibt er über Reisen, Kultur, Essen und Lifestyle. Kurz: über alles, was Freude macht. 2011 startete er in der KURIER-Chronik als Mitarbeiter für Oberösterreich, später produzierte er lange verschiedene Regionalausgaben.

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