Zwei Personen stehen in einem dunklen Raum mit offenem Deckengebälk, über ihnen hängt eine Schaufensterpuppe kopfüber.

Osterfestspiele Salzburg: Wenn Wagner auf Techno trifft

DJ Anja Schneider und Sven Marquardt – Fotograf und Türsteher im weltbesten Technoclub – übersetzen Wagner in ein düsteres Gesamterlebnis. Was Club und Oper gemeinsam haben.

Sie weiß, wie man einen Dancefloor zum Auszucken bringt, welche Regler hoch müssen und welcher Track im richtigen Moment alles kippen lässt. Anja Schneider ist DJ, Labelchefin und Podcasterin, seit Jahren eine fixe Größe der Berliner Techno- und House-Szene. 

Sven Marquardt wiederum ist der Mann mit dem entscheidenden Blick – vielen bekannt als Türsteher des Berliner Berghain, des wohl berühmtesten Technoclubs der Welt. Doch hauptberuflich ist er international gefeierter Fotograf: Marquardts Bilder entstehen für Modemarken und hängen in Ausstellungen auf der ganzen Welt. Sie sind rau, reduziert und von großer Intensität. Es gibt harte Kontraste, unmittelbare Nähe, Gesichter mit Geschichte statt glatter Oberfläche.

 

Wagners Ring als Techno-Projekt

Gemeinsam haben die beiden „Heartbroken“ entwickelt. Das ist eine dunkle, geheimnisvolle, technoide Übersetzung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, die am Donnerstag, 2. April, bei den Osterfestspielen Salzburg auf die monumentale Felsenreitschule trifft. „Es geht um die Gesamtemotion, die durch Anjas Musik während ihres DJ-Sets und meine Bilder in bewegter Form und der großartigen Kulisse des Hauses entsteht“, sagt Marquardt im Gespräch mit der KURIER freizeit.

Als Schneider die Anfrage aus Salzburg erreichte, sagte sie sofort zu. „Mich hat es gereizt, über meinen eigenen Kontext hinauszudenken.“ Clubkultur trifft auf Hochkultur. Was zunächst nach einem Widerspruch klingen mag, liegt näher zusammen, als man denkt: „Eine Wagner-Oper dauert lange und führt durch ganz unterschiedliche Emotionen. Man sitzt stundenlang da, das fordert – und viele Opernbesucher sprechen von einem regelrechten Rauscherlebnis. Genau das kenne ich auch aus dem Club. Man durchlebt Höhen und Tiefen, denkt zwischendurch: Jetzt will ich eigentlich nach Hause. Und dann kommt plötzlich ein Stück, das einen wieder vollkommen packt“, sagt Schneider. 

Diese emotionale Reise sei die Schnittmenge: „Musik kann einen in einen Rausch versetzen – in der Oper genauso wie bei elektronischer Musik.“

Frau mit schulterlangem Haar trägt ein gepunktetes Oberteil und Rock, lehnt an einem Hocker vor hellem Hintergrund.

Anja Schneider, fotografiert von Sven Marquardt. Sie gehört seit Jahrzehnten zu den 
prägenden Stimmen der Berliner Techno-und House-Szene   

©sven marquardt

Ähnlich denkt Sven Marquardt, der bei „Heartbroken“ für die visuelle Ebene verantwortlich ist und seit Jahren die Berliner Clubkultur visuell prägt – mit Porträts von DJs oder ikonischen Plattencovern. Auch Anja Schneider stand vor seiner Kamera. Dramatik spiele in seiner Arbeit eine zentrale Rolle, besonders in der Schwarz-Weiß-Fotografie. „Leidenschaft und Intensität begleiten mich seit Beginn“, sagt der Künstler.

 

Wenn Klassik auf Techno triff

Dass musikalische Grenzüberschreitungen kein Nischenthema mehr sind, zeigen Beispiele der vergangenen Jahre. Im Vorjahr interpretierte etwa das österreichische Drum-and-Bass-Duo Camo & Crooked gemeinsam mit den Wiener Symphonikern Johann Strauss am Donauinselfest neu. Doch die Wurzeln dieser Annäherung reichen weiter zurück – und führen auch nach Berlin.

Ob Orchestermusiker, Opernsänger oder DJ, alle sind viel unterwegs, lange von zu Hause weg und arbeiten unter oft belastenden Bedingungen.

Anja Schneider über Gemeinsamkeiten zwischen Oper und Club

 Ganz vorne dabei war das Berghain seit der Eröffnung vor mehr als 20 Jahren. „In den Anfangsjahren war das Berghain einer der ersten Clubs, die bewusst Brücken zur Hochkultur gebaut haben“, sagt er. Eine Inszenierung des Staatsballetts gehörte ebenso dazu wie eine Opernaufführung gleich im ersten Jahr. Dazu war er fürs Goethe-Institut rund um den Globus unterwegs: „Das ist ja auch eine Institution, die Kultur aus Deutschland in die Welt gebracht hat.“

Person mit Sonnenbrille, Gesichtstattoos und Handschuhen hält eine rote Blume in dunkler Umgebung.

Sven Marquardt ist das bekannteste Gesicht der Berliner Nacht, obwohl er dort gar nicht mehr so oft anzutreffen ist. 

©simon geisberger

Auch in anderer Hinsicht ähneln sich Hoch- und Clubkultur. „Ob Orchestermusiker, Opernsänger oder DJ, alle sind viel unterwegs, lange von zu Hause weg und arbeiten unter oft belastenden Bedingungen. Auch die mentalen Herausforderungen ähneln sich“, sagt Schneider.

Es wird intensiv

Die klassischen Wagner-Geschichten wollen die beiden nicht eins zu eins abbilden: „Wagner ist nichts, was man früher einmal gut fand und heute nicht mehr, sondern etwas, das sich in vielen Bereichen immer noch anwenden lässt, sowohl inhaltlich als auch historisch. Deshalb gehen wir den Stoff auf unsere eigene Weise an, ohne uns zu sehr an den großen Wagner zu klammern“, sagt Schneider. „Es ist eine intensive Geschichte, die stark über Gefühle funktioniert.“

Ob in der Felsenreitschule getanzt werden darf? Verbieten wird es niemand. Im Vordergrund steht für beide jedoch etwas anderes: die emotionale Wirkung. Das Berühren, das Mitnehmen. Danach gibt es ohnehin eine Aftershowparty.

Anja Schneider

ist DJ, Produzentin und Labelbetreiberin. Geboren in Nordrhein‑Westfalen, lebt sie seit 1994 in Berlin, wo sie die House‑ und Technokultur mitprägte. Sie moderierte eigene Radioshows auf RadioEins und Fritz. Heute produziert sie den Interview‑Podcast Club Room „Backstage“, in dem sie Persönlichkeiten aus Kultur, Medien und Politik trifft.
 

Diese emotionale Wucht spiegelt sich in Sven Marquardts Bildern wider. Grimmig, kraftvoll, vom Leben gezeichnet – oft mit Narben, Tattoos und harten Gesichtszügen – erinnern seine Porträts unweigerlich an Wagners Figurenwelt. „Ich habe nie gedacht, meine Fotos müssten unbedingt wie Wagner sein“, sagt Marquardt. Und doch tragen viele seiner Arbeiten eine Bildsprache, die an Krieger denken lässt, an Gestalten zwischen Macht und Verletzlichkeit. „Man kann stark sein und gleichzeitig verletzlich. Es hat mit Sensibilität, Wachsein, Stärke und Schwäche zu tun.“

Dass seine Bilder in Salzburg gemeinsam mit Schneiders Klängen eine Bühne finden, ist mehr als ein glücklicher Zufall. Der Ort spielt für Sven Marquardt eine zentrale Rolle. Große, monumentale Räume haben seine Arbeit von Anfang an geprägt – Kraftwerke, alte Industriehallen „Als wir zur Besichtigung in der Felsenreitschule waren, haben wir sofort gedacht: Wow!“

Zwar kenne man solche Dimensionen aus der Berliner Clubkultur, doch die monumentale Steinbühne Felsenreitschule habe eine eigene Qualität. „Man spürt ihre Geschichte in dem Moment, in dem man den Raum betritt“, sagt Marquardt. Die Monumentalität, die fast kathedralenartige Wirkung dieser Kulisse habe beide tief beeindruckt. „Der Raum bringt eine eigene Emotion mit, und genau das ist für meine Bilder entscheidend.“

 

Ibiza passt nicht

Schneider plaudert aus dem Nähkästchen: Sie traf Marquardt vor Jahren am Flughafen von Ibiza. Er hatte dort eine Ausstellung und sagte: „Ich bin froh, dass ich in den Flieger steige. Das hat nicht gepasst.“ Daran erkenne man, wie wichtig ein Raum ist. „Nicht jeder Ort trägt jede Kunst. Mit der Felsenreitschule haben wir jetzt einen Raum, in den wir sehr gut hineinpassen“, sagt Marquardt.

Bis heute gilt er in vielen Medien mit seinem tätowierten Gesicht und großen Piercings als der gestrenge Zerberus des Berghain. Seit Jahren berichten sie über den „Eisenmann“ an der schweren Metalltür, der mit unbewegter Miene aus der langen Menschenschlange das Publikum für die perfekte Partynacht zusammenstellt. 

Kürzlich war Marquardt zu Gast in einem Podcast, in dem er zuletzt vor zwölf Jahren gesprochen hatte. „Dabei habe ich gemerkt, dass ich nach außen immer noch stark mit der Nacht assoziiert werde“, sagt er. Dabei sei sein Leben seit rund zehn Jahren ein anderes: geprägt vom Tag, vom Reisen, von fotografischen Dokumentationen und langfristigen Projekten. „Die Nächte“, sagt Marquardt, „überlasse ich inzwischen eher den jüngeren Generationen.“

Sven Marquardt

ist Fotograf, Künstler und Berliner Clubikone. Er wuchs in Ostberlin auf und prägte die Punk-, New-Wave- und Künstlerszene am Prenzlauer Berg maßgeblich mit. In den 1990er-Jahren begann er als Türsteher des Berghain‑Vorgängers Ostgut zu arbeiten. Als Fotograf kooperiert er mit Labels wie Hugo Boss und Adidas, unterrichtet Fotografie und zeigte seine Arbeiten in Ausstellungen rund um den Globus. Zudem hatte er einen Gastauftritt im Actionfilm John Wick: Kapitel 4.     

Ganz losgelassen hat ihn die Nacht trotzdem nicht. Sie ist der Ursprung von vielem – nicht umsonst trägt seine Biografie den Titel „Die Nacht ist Leben“. Nachsatz: „Obwohl ich als Fotograf immer nur mit Tageslicht gearbeitet habe.“

 

Wie oft steht Sven Marquardt an der Berghain-Tür?

Gänzlich weg ist er von der Berghain-Tür nicht. Wenn er in Berlin ist, steht er dort gelegentlich. Wie oft und wann genau, bleibt ein Geheimnis.

Anja Schneiders Verhältnis zur Nacht ist im Lauf der Zeit ebenfalls ein anderes geworden. „Unsere Leidenschaft hat sich nicht verändert, wohl aber unsere Prioritäten“, sagt sie. Das gilt auch fürs Publikum. Menschen in ihrem Alter kämen zwar gerne zu Partys, „aber wenn ich sage, ich lege um drei Uhr morgens auf, ernte ich leere Blicke“. Also verlegte Schneider ihre Partyreihe PuMp kurzerhand in den Nachmittag: samstags von 16 bis 22 Uhr, am Gelände der Clubinstitution Tresor. Zu christlichen Zeiten – und mit Austern.

Gerade in heutigen Zeiten ist Freiheit wichtig. Und die gibt es in Berlin noch.

Sven Marquardt zur Lage der Party-Hauptstadt

Auf Berlin und das Nachtleben wird seit einiger Zeit – wieder einmal – ein Abgesang angestimmt. Mieten steigen, Clubs müssen schließen, junge Partytouristen kommen nicht mehr so oft wie früher. „Klar, es sind nicht immer nur Good News. Gerade in heutigen Zeiten ist Freiheit wichtig. Und die gibt es noch. Das ist nicht selbstverständlich“, sagt Marquardt. „Es ist auch gut, dass sich Dinge erneuern – sie müssen es sogar.“

Auch Schneider widerspricht der Untergangserzählung: „Wir haben immer noch das Potenzial, dass junge Menschen Ideen haben und sie auch realisieren. Und das findet man anderswo nur mehr schwer.“

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

ist Redakteur bei der KURIER Freizeit. Seit Dezember 2020 schreibt er über Reisen, Kultur, Essen und Lifestyle. Kurz: über alles, was schön ist und Spaß macht. 2011 startete er in der KURIER-Chronik als Mitarbeiter für Oberösterreich, später produzierte er lange verschiedene Regionalausgaben.

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