Weißer Sportwagen mit nach oben geöffneten Flügeltüren und auffälligem Heckspoiler auf weißem Hintergrund.

Als Autos richtig kompromisslos sein durften

In den Achtzigern und Neunzigern gab es Autos, die waren Exzess auf Rädern. Ein neuer Bildband zeigt, warum diese Ära der Übertreibung heute wieder so fasziniert.

Irgendwo zwischen Midlife-Crisis und Kindheitstraum ist es passiert. Die rasanten, lauten und kompromisslosen Autos der Achtziger und Neunziger sind wieder heiß begehrt. Sammler machen Plätze in ihrer Garage frei. Ikonen, die eine Weile auf der sprichwörtlichen Parkspur standen, brechen bei Auktionen wieder alle Rekorde.

Während modernes Autofahren immer digitaler, leiser und sauberer wird, wächst offenbar die Sehnsucht nach einer Zeit, in der Designer noch komplett eskalierten: Keilform ja bitte, scharfe Kanten sowieso. Und wenn nicht, dann bitte Kurven, aber von der weichsten Sorte.

Roter Geländewagen mit gelben Streifen, großem Schriftzug „Honcho“ und robustem Reifen von Goodyear.

Der Jeep J-10 Honcho Sportside aus dem Jahr 1981 war die luxuriöse Variante eines Geländewagens. 

©Photo MITOKINO, Courtesy of Petersen Automotive Museum, Neon Rides, gestalten 2026

Turbolader waren Pflicht. Und die Formel-1-Helden wie Senna und Prost fuhren stets am Limit – und tragischerweise darüber hinaus. Supercars von heute zitieren ehrfürchtig den Lamborghini Diablo oder den Lotus Esprit.

Ein weißer Ferrari wie aus Miami Vice

Es liegt wohl auch daran, dass die Kinder und Jugendlichen von einst heute bereits gesetzteren Alters sind und eventuell auch die finanziellen Mittel haben, sich ihre Träume von einst zu erfüllen. Sie haben den DeLorean dutzendfach nach dem Blitzeinschlag abheben sehen, sonntagnachmittags, halb liegend auf dem Sofa. Der weiße Ferrari Testarossa in „Miami Vice“ brannte sich ins kollektive Gedächtnis einer Generation. K.I.T.T. nahm nicht nur all das vorweg, was heute die Künstliche Intelligenz kann.

Ab den Achtzigern begann man, wieder kräftig auf die Pauke zu hauen. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung kehrte der Wille zur Übertreibung zurück.

Der schneidige Pontiac Firebird Trans Am war mit seinen glatten, kontrollierten Linien einfach cool. Zumindest in den Augen ganzer Generationen Zehnjähriger. Und auf den ersten PlayStations jagten sie mit kantigen Pixel-Boliden durch „Gran Turismo“, lange bevor sie überhaupt einen Führerschein hatten und wussten, was Haftpflichtversicherung bedeutet.

Genau diesem goldenen Zeitalter des analogen Rausches widmet sich der neue Bildband „Neon Rides“ aus dem Gestalten Verlag. Es ist eine Liebeserklärung an eine Epoche, in der Autos als Poster über Betten hingen und ein V12 mehr zählte als jedes Software-Update.

Luxuriöses Auto mit beigem Gucci-Muster am Dach, goldenen Details und auffälligen Felgen, weißer Lackierung und roten Zierstreifen.

Die Achtziger waren protzig, ausladend und gar nicht dezent. Das gilt auch für den Cadillac Seville, ausgestattet von Gucci (1984) 

©Photo MITOKINO, Courtesy of Petersen Automotive Museum, Neon Rides, gestalten 2026

Die besondere Strahlkraft der Autos aus den Achtzigern liegt in ihrer Zeit – oder im Zeitgeist, wie man damals gerne zu jeder Gelegenheit sagte. Das Auto war in den Siebzigern gezähmt worden. Stichworte Ölkrise, zu hohe Unfallzahlen, Tempolimits. Alles wurde – nicht zum Nachteil der Autoinsassen – vernünftiger. Aber eben auch optisch braver.

Ab den Achtzigern begann man, wieder kräftig auf die Pauke zu hauen. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung kehrte der Wille zur Übertreibung zurück. Durch den ungezähmten Kapitalismus, der von manchen geradezu zur Religion erhoben wurde, sollten Autos wieder etwas behaupten und Präsenz zeigen. Vernunft war kein Verkaufsargument mehr, im Gegenteil. Hinzu kam ein technischer Moment, der das alles erst möglich machte. Turbolader wurden serienreif, neue Materialien veränderten Gewicht und Proportionen.

DER Lamborghini

Vorne dabei: die Italiener. Und bei denen gab es kein Vorbeikommen am Lamborghini Countach 5000 S, dieser weißen, eckigen Ikone. Er ist so etwas wie der Schulterpolster-Anzug mit Vokuhila auf Rädern: nicht schön im klassischen Sinn, aber unmöglich zu übersehen. Firmengründer Ferruccio Lamborghini beauftragte 1970 seinen Designer Marcello Gandini ein Nachfolgemodell seines Miura aus dem Jahr 1966 zu gestalten. Aber das Ziel war es, etwas zu bauen, das es auf der Straße so noch nie gegeben hatte. Der keilförmige Countach stellte eine Revolution im Sportwagenbereich dar. Besonders mit den markanten Scherentüren. Niemand hatte so etwas. Lamborghini sollte dieses Merkmal Jahrzehnte beibehalten.

Weißer Sportwagen mit nach oben geöffneten Flügeltüren steht in einem modernen Innenraum, im Hintergrund arbeitet eine Person an einem Tisch.

Ein Lamborghini Countach aus dem Jahr 1989, wie er in Martin Scorseses Film "The Wolf of Wall Street" zu sehen war. Bei einer Versteigerung 2023 in New York.

©REUTERS/MIKE SEGAR

Unter der Haube hatte er 370 PS, die Maximalgeschwindigkeit wirkt mit 250 km/h dann erstaunlich langsam. Damals reichten sie völlig. Und gut Ding braucht bekanntlich Weile. Aber auch die Amerikaner machten plötzlich ernst.

Hatten sie sich in den Siebzigern noch mit Wurzelholz-Interieurs und viel Wohnzimmer-Gemütlichkeit eingerichtet, kamen nun wirklich wuchtige Karosserien und Motoren, die röhrten: „Hier bin ich!“

Markantes Design und übertriebene Proportionen wurden zum Sinnbild eines Exzesses, den die Achtziger genüsslich auf die Spitze trieben. Es war das Jahrzehnt der ganz großen Supercars: vom Porsche 959 (1986) bis zum Ferrari F40 (1987). 

Eine runde Sache 

Dann kam 1990 der Bruch. Mit dem Honda NSX – in den USA als Acura verkauft – passierte etwas Unerwartetes. Plötzlich ging Supercar luxuriös und komfortabel im Fahrerlebnis. Die Formen dazu auch weicher. Genau richtig für die Neunziger.

Gelber Sportwagen mit aerodynamischer Form, großem Heckspoiler und silbernen Felgen, seitlich fotografiert.

Der Jaguar Sport XJR-15 hat schon rundere Formen, wie es sich für Anfang der Neunziger gehört  

©Photo MITOKINO, Courtesy of Petersen Automotive Museum, Neon Rides, gestalten 2026

In dem Jahrzehnt wurden sie nicht nur runder, sondern mitunter auch schräger und bunter. Sondermodelle interpretierten die Hot-Rods aus den Fünfzigern neu – und sei es als fahrbarer PAC-Man

Als sogenannte Art Cars wurden Serienmodelle zu rollenden Kunstobjekten, bunt bemalt, umgebaut und oft mit politischen oder satirischen Botschaften. In den Neunzigerjahren fuhren bei der Houston Art Car Parade in Texas hunderte solcher Gefährte durch die Stadt.

Wer dieses Spektakel heute erleben will, muss nicht in die Vergangenheit reisen: Beim Fasching auf Martinique brummen noch immer farbenfrohe Autos durch die Straßen von Fort de France. Selbst die Deutschen, sonst eher bekannt für automobile Zurückhaltung und Vorstadtseriosität und für Autos, die problemlos vor jeder Derrick-Villa parken konnten, ließen es plötzlich krachen. 

Künstler machten BMW bunt

Den Anfang machte schon in den 1970ern eine Idee des französischen Auktionators und Rennfahrers Hervé Poulain: Künstler sollten Rennwagen bemalen. Was spielerisch begann, wurde schnell zur Kunstgeschichte auf Rädern. Alexander Calder, Frank Stella, Andy Warhol oder Roy Lichtenstein setzten den Pinsel an.

Sportwagen mit bunter, geometrischer Linienbemalung auf weißem Grund, frontal fotografiert, auf weißem Hintergrund.

Frank Stella gestaltete 1979 den BMW M1 Procar. Er war in guter Gesellschaft, denn auch Andy Warhol machte ein Auto bunter  

©Photo MITOKINO, Courtesy of Petersen Automotive Museum, Neon Rides, gestalten 2026

Spätestens mit 9/11 war die große Party vorbei. 2001 markierte das Ende einer sorglosen Ära, nicht nur politisch, sondern auch kulturell. Unsicherheit trat an die Stelle von Übermut. Das zeigte sich auf der Straße: Autos wurden wieder braver, vernünftiger, kontrollierter.

Gleichzeitig tauchten die ersten erfolgreichen Hybridmodelle auf. Am anderen Ende des Spektrums übernahmen die wuchtigen SUVs den Treibstoffhunger der PS-Monster.

Gelbes Auto in Form der Pac-Man-Figur mit sichtbarem Motor und der Aufschrift „Pac-Man Rod“ an der Seite.

Eine Neuinterpretation der Hot Rods aus den 1950er-Jahren: der PAC-Man-Rod aus Kalifornien aus dem Jahr 1982  

©Photo MITOKINO, Courtesy of Petersen Automotive Museum, Neon Rides, gestalten 2026
Buch

Buch

Neon Rides: Cars and Culture of the ’80s and ’90s, 288 Seiten, Gestalten, ca. 62 Euro  

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

ist Redakteur bei der KURIER Freizeit. Seit Dezember 2020 schreibt er über Reisen, Kultur, Essen und Lifestyle. Kurz: über alles, was schön ist und Spaß macht. 2011 startete er in der KURIER-Chronik als Mitarbeiter für Oberösterreich, später produzierte er lange verschiedene Regionalausgaben.

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