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Echte Trachten: Stolz getragen und liebevoll bewahrt

In Vorarlberg sind Trachten lebendiges Kulturgut. Sie werden vererbt, liebevoll aufbewahrt und nur zu besonderen Anlässen getragen.

Ein klarer Sonntagmorgen im Bregenzerwald. Sonnenstrahlen fallen auf die Hänge, Glocken klingen durchs Tal, und vor der Kulisse der Berge versammeln sich Menschen in prachtvollen Gewändern. Wer in Vorarlberg unterwegs ist, begegnet dabei keiner nostalgischen Folklore, sondern vielmehr gelebter Tradition. Hier hat die Tracht einen besonderen Stellenwert, denn sie ist Teil der Identität. „Unsere Trachten sind und bleiben durch die vielen Trägerinnen und Träger lebendig“, sagt Ulrike Bitschnau, Vorsitzende des Vorarlberger Landestrachtenverbands. „Sie wirken nicht verstaubt, wenn sie mit Stolz und Freude getragen werden – von Menschen aller Altersgruppen.“ Für Bitschnau ist das Tragen einer Tracht auch Ausdruck von Heimatverbundenheit und Selbstverständnis und sie betont: „Eine Tracht soll vor allem einem selbst gefallen.“

Vier historische Trachten 

In Vorarlberg unterscheidet man zwischen „historischen“ und „erneuerten“ Trachten. Zu den historischen zählen die Gewänder aus dem Montafon, dem Großen Walsertal, dem Kleinen Walsertal und dem Bregenzerwald. Diese vier Trachten zählen zu den ältesten, noch tragbaren Trachten im deutschsprachigen Raum. Jede Region trägt ihre eigene Geschichte – in Stoff, Stickerei und Formensprache, wie die Montafoner Tracht, die 2023 in das Nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO Österreich aufgenommen wurde. Gewürdigt wird damit nicht das Kleidungsstück an sich, sondern das Wissen um seine Herstellung und die Weitergabe dieser Kunst.

Charakteristisch sind die aufwändigen Stickereien aus Seide und Baumwolle auf schwarzem Samt – etwa auf Schürzenbändern, Brusttuch, Ärmeln oder Zopfbändern. Für eine Garnitur benötigt eine erfahrene Stickerin rund 500 Stunden Handarbeit. Auch die Männertracht beeindruckt: eine knielange Lodenhose, die rote Weste – im Montafon „Lieble“ genannt –, die dunkle Joppe und der schwarze Zylinder. „Diese Trachten zählen zu den ältesten im Land und sind eng mit der Lebensweise der Menschen verbunden“, erklärt Bitschnau. „Sie werden mit Stolz getragen und oft über Generationen weitergegeben.“

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Handgemacht: Prachtvolle Stickereien zeichnen die Montafoner Tracht aus

©Philipp Schilcher

Stolz und Schlichtheit 

So sind auch die Trachten im Großen und Kleinen Walsertal nicht nur Kleidung. Viele Stoffe und Trachten, die heute getragen werden, stammen noch aus Familienbesitz über Generationen hinweg und sind mit Geschichte verwoben: „Die Tracht wird vererbt oder verschenkt und so Stück um Stück zusammengestellt.“ Besonders auffällig ist die Walser Frauentracht: Sie umfasst im kleinen Walsertal einen Rock mit Plisseefalten und Volants, der hier immer mit Unterrock getragen wird, einer Schürze und dazu eine schlichte weiße Bluse. Ergänzt wird das Ensemble durch Strümpfe und niedrige Schnallenschuhe. Bei formellen Anlässen kommen Kopfbedeckungen wie „Huat“ oder „Chappa“ zum Einsatz, und junge, ledige Frauen tragen den festlichen „Chrans“, eine kunstvolle Krone aus Draht, Perlen und Schleifen.

Rankweil  am 12.4.2025   Jahreshauptversammlung Landestrachtenverband Vorarlberg, Neuwahlen, Ulrike Bitschnau, Bgm. Katharina Woess-Krall, LH Markus Wallner

Ulrike Bitschnau, Vorstand Vorlberger Landestrachtenverband

©Mathis Fotografie/Dietmar Mathis

Auch im Großen Walsertal sind die Stickereien, Tücher und Kopfbedeckungen von Region zu Region leicht unterschiedlich. Bei Männern stechen vor allem die von Hand gefertigten Stickereien auf den Gilets ins Auge. Bitschnau betont: „Jede Region hat ihre eigenen Trachten. Es würde nie jemand auf die Idee kommen, neue zu erfinden. Man ist mit dem Bestand zufrieden – und stolz darauf.“

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Die Juppen der Bregenzwälder Tracht werden kunstvoll bestickt, die Röcken sind in engste Falten gelegt

©Antonios Larentzakis

Handwerkliches Meisterwerk 

Die Juppe, die Frauentracht des Bregenzerwalds, ist ein handwerkliches und kulturelles Meisterwerk – und gehört ebenfalls zum UNESCO-Kulturerbe Österreichs. Der tiefschwarze, glänzende Rock besteht aus dicht gefälteltem Leinen. Bis zu 600 Falten werden von Hand gelegt und fixiert – eine Arbeit, die höchste Präzision erfordert. „Die Juppenwerkstatt in Riefensberg ist für den Erhalt der Bregenzerwälder Juppe eine wichtige Institution“, so Bitschnau. Dort wird der Stoff für diese Tracht nach einem Geheimrezept eingefärbt und geglättet. Oben trägt Frau ein fein gearbeitetes Mieder und verschiedene Kopfbedeckungen, etwa das Schappale, eine Krone aus filigranen Gold- oder Silberdrähten. Gürtel und Accessoires – der Bändel oder die Keadora – sind handgestickt oder in Klöppeltechnik gefertigt. Jede Juppe wird individuell angepasst und begleitet ihre Trägerin oft ein Leben lang.

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Die Tracht aus dem Kleinwalsertal strahlt eine alpine Robustheit aus, die die Lebenswelt der Bergbauern wiederspiegelt

©Frank Drechsel www.alpin.photo

Handwerk mit Herz

Dass die Tracht in Vorarlberg nicht im Museum verstaubt, liegt auch am Engagement des Landestrachtenverbands. Bitschnau: „Wir bieten Schulungen und Kurse für unsere Mitglieder an – handwerkliche Fortbildungen, Tanzleiter-Ausbildungen, Kindertrachtenfeste. Jeder, der sich in einer Region heimisch fühlt, ist willkommen.“ Wichtig sei dabei die Vorbildwirkung: „Wenn ich selbst von etwas überzeugt bin, kann ich das gut weitergeben und andere begeistern.“ So wird das Wissen weitergetragen – in Familien, Vereinen, Schulen.

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Zur Bregenzerwälder Tracht gehört die Juppe das Schappale. Das ist eine goldene Flitterkrone, die von ledigen Mädchen bis zu ihrer Hochzeit getragen wird
©Antonios Larentzakis

Getragen wird die Tracht heute vor allem zu besonderen Anlässen: bei Festspieleröffnungen, Konzerten, Prozessionen, Ehrungen und Hochzeiten. „Im Alltag tragen wir sie nicht – wir haben ausschließlich Festtagstrachten“, betont Bitschnau und grenzt klar ab: „Eine Tracht hat immer einen historischen Hintergrund, sie ist maßgeschneidert und oft über Generationen im Besitz einer Familie.“ Deshalb gilt: Sagen Sie niemals Dirndl zu einer echten Tracht.

Dorothe Rainer

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dorothe.rainer@kurier.at

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