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Mehr als nur "Crazy": Schauspieler Robert Stadlober im Interview

Zwischen Goebbels und „Verschwende deine Jugend“ – Robert Stadlober ist einer der vielseitigsten Schauspieler der Gegenwart. In seinem neuen Film spielt er einen toten Clown.

Robert Stadlober sitzt im Café des Gartenhauskinos und wirkt erstaunlich unprätentiös für jemanden, der schon als Teenager zum Gesicht einer ganzen Generation wurde. Genau, „Crazy“, „Sonnenallee“, „Verschwende deine Jugend“. 

Sein aktueller Film ist schwerer Stoff. In „Vier minus drei“ von Regisseur Adrian Goiginger geht’s um Verlust, Erinnerung, den Versuch, neu aufzubrechen, wenn alles vorbei scheint. Robert Stadlober, das darf man ohne zu spoilern sagen, stirbt früh im Film, ebenso wie die beiden Kinder, die er mit seiner Frau, gespielt von Valerie Pachner, hat. Sie bleibt alleine, was ihr hilft, sind die Erinnerungen, die wir in Rückblenden sehen.

„Schwerer Stoff?“, fragt Robert Stadlober und denkt kurz nach. „Ja vielleicht, aber ich finde den Film trotz aller Tragik doch auch leicht und hoffnungsvoll. Und stellenweise durchaus lustig.“

Im Film, der auf dem autobiografischen Roman von Barbara Pachl-Eberhart beruht, sind er und seine Frau zwei Clowns. Sie arbeitet als Krankenhaus-Clownin, versucht Kindern mit roter Nase und  geschminktem Gesicht ein wenig Freude und Farbe in den grauen Alltag zu zaubern, Stadlobers Charakter Heli arbeitet freiberuflich, sieht sich als poetischen Clown. 

Robert Stadlober

Natürlich hat Robert Stadlober auch "Mut zum Hut"

©Kurier/Gilbert Novy

Zur Recherche hat Robert Stadlober unter anderem die Autobiografie von Roncalli-Gründer Bernhard Paul gelesen. „Mit hohem Erkenntnisgewinn“, wie er betont. Zu Gast im Zirkus ist er als Vater zweier Kinder ohnehin oft. Und gern. 

Dennoch sind Clowns  Figuren, die auf eigenartige Weise die Menschheit spalten. Man liebt sie – oder man hasst sie. Zu welcher Seite gehört Robert Stadlober privat?  

„Als Teenager fand ich Clowns natürlich uncool. Aber mit der Zeit, übers Schauspielen hauptsächlich, hat sich meine Meinung ganz klar  geändert.“ 

Großen Einfluss, gibt Robert Stadlober in dieser Hinsicht zu, hatte dabei auch Otto Sander. „Er war, glaube ich, auch ein sehr guter Clown auf seine Art. Und er hat mir die Augen dahingehend geöffnet, dass in jeder vernünftigen Tragik auch Komik sein muss – und umgekehrt. Dass man die Menschen am ehesten erreicht, wenn man sie zum Lachen bringt. Und dann erst zum Weinen.“ 

Robert Stadlober, Valerie Pachner

Robert Stadlober und Valerie Pachner in Adrian Goigingers "Vier minus drei"

©nikolett kustos/alamode film/polyfilm

Früher Erfolgslauf

Robert Stadlober ist zwar erst 43, hat in seiner erstaunlich langen Karriere aber beides zur Genüge geschafft: Die Zuschauer zum Lachen und zum Weinen zu bringen. Mit zwölf Jahren drehte er seinen ersten Film, den  ZDF/Arte-Krimi „Ausweglos“, an der Seite des großen August Zirner. „Übrigens auch ein großer Clown und ein wahnsinnig lustiger Mensch“, so Stadlober. 

Wie es dazu kam war purer Zufall, es gab keinen künstlerischen Background seitens der Eltern, auch keine diesbezüglichen Ambitionen. „In der Schule tauchte eines Tages jemand auf, der alle, die sich interessierten, zu einem Casting einlud. Und da bin ich eben hin“, erinnert er sich. 

Warum? „Weil man in dem Alter doch immer IRGENDETWAS machen möchte. Ich hätte wahrscheinlich genauso gut Eishockeyspieler werden können – aber es waren zufällig eben Leute vom Film, die zu uns kamen.“

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Und der junge Robert war vom ersten Tag an begeistert. „Mein erster Dreh war ein Nachtdreh. Das heißt ich durfte bis sieben Uhr in der Früh aufbleiben – es war wie ein Traum“, erzählt er heute. Davor musste er im Wohnwagen aber noch seine Hausübungen machen. „Und August (Zirner) hat sie korrigiert“, sagt Stadlober lachend. 

Es folgten Rollen im Thriller „Nach uns die Sintflut“, im Tatort, bei Schimanski und Bella Block, im Polizeiruf 110.  Mit „Sonnenallee“ und „Crazy“ kam schließlich der große Durchbruch auch im Kino. Robert Stadlober war damals ganze 17 Jahre alt. Wird einem das selbst bewusst als Teenager, wenn alles so Schlag auf Schlag geht?  

"Ich hab ja keinen Vergleich“, sagt Robert Stadlober, „bei mir war’s eben so. Aber ich glaube, in diesem Alter geht ohnehin immer alles Schlag auf Schlag – egal, was du machst. Das erste mal verliebt, der erste Alkohol, die ersten nächtlichen Abenteuer, die ersten Ferien mit Freunden. Das erleben wir doch alle!“

Es geht um die Geschichte

Stimmt es, dass er schon  mit 16 von zu Hause auszog? „Ja, das stimmt. Ich war noch gar nicht ganz 16, eigentlich“, bestätigt er. Die Berliner Waldorfschule, in die er eigentlich ging, hatte ihn vor die Wahl gestellt, entweder mit dem Filmen oder mit der Schule aufzuhören. Die Entscheidung fiel Robert Stadlober nicht schwer. Mit seinen Gagen konnte er die Schulgebühr für eine Privatschule zahlen, die seine Drehtage eher entschuldigte. 

Robert Stadlober wollte Filme machen, seine Mutter vertraute ihm. So weit, dass sie ihm schließlich erlaubte, auszuziehen. Das klingt nach einem jungen Mann, der sehr früh erwachsen geworden ist und der früh Verantwortung übernommen hat. „Erwachsen werden war nie das Ziel“, sagt er dazu lachend. „Verantwortung übernehmen allerdings schon.“

Die künstlerischen Erfolge, egal ob auf der Theaterbühne, im Fernsehen oder im Kino, gaben Mutter und Sohn im Nachhinein jedenfalls Recht. 

Robert Stadlober: Goebbels

Robert Stadlober und Fritz Karl als Joseph Goebbels und Adolf Hitler in "Führer und Verführer"

©Condor Films

Erstaunlich, welche Bandbreite Robert Stadlober abdeckt. Egal ob Comedy oder Drama, klassisches oder absurdes Theater, Held, Versager oder, wie in „Führer und Verführer“, Joseph Goebbels selbst – Stadlober weiß zu überzeugen. 

Wie wählt er eigentlich seine Rollen aus? „Ich hab im Lauf der Jahre erkannt, dass mein persönlicher Geschmack nicht unbedingt mit meinem Schaffen zu tun haben muss“, erklärt er dazu. „Es gibt Genres, die mir persönlich vielleicht gar nicht so zusagen, in denen aber eine Geschichte erzählt werden soll, die ich spannend finde. Am wichtigsten sind mir aber die Menschen, die diese Geschichten erzählen wollen. Wenn ich merke, dass es ihnen auf der Seele brennt, bin ich eigentlich für jeden Schabernack zu haben.“

Musik-Tipps vom Experten

Was über Robert Stadlober  auch einige seiner Fans nicht wissen: Er spielt nicht nur selbst in Indie-Bands – er hat in Wien vor mehr als 20 Jahren auch ein Plattenlabel mitgegründet: Siluh Records. „Ich traf Bernhard Kern an einem Mittwoch beim London Calling im Flex. Wir mochten die gleiche Musik, verstanden uns, trafen uns öfter. Wir dachten daran, eine Musikkneipe zu eröffnen oder einen Plattenladen. Und dann wurde es doch ein Label!“ 

Da man nicht immer die Gelegenheit hat, einen preisgekrönten Schauspieler, der auch Label-Chef ist, nach gutem österreichischen Futter für die Playlist zu fragen: Zum Abschluss bitte fünf empfehlenswerte Acts! 

„Culk auf jeden Fall, Sophie Löws Stimme, ihre Texte sind ein Wahnsinn. Dann Pauls Jets, die hör ich gerne, The Zew, Paul Pluth natürlich, Monsterheart. Ach, und dann auf jeden Fall noch Alles Exhausted, die Supergroup mit Sophie und Romy von Pauls Jets!“

Andreas Bovelino

Über Andreas Bovelino

Redakteur bei KURIER freizeit. Ex-Musiker, spielte in der Steinzeit des Radios das erste Unplugged-Set im FM4-Studio. Der Szene noch immer sehr verbunden. Versucht musikalisches Schubladendenken zu vermeiden, ist an Klassik ebenso interessiert wie an Dance, Hip-Hop, Rock oder Pop. Sonst: Texte aller Art, von philosophischen Farbbetrachtungen bis zu Sozialreportagen aus dem Vorstadt-Beisl. Hat nun, ach! Philosophie, Juristerei und Theaterwissenschaft und leider auch Anglistik durchaus studiert. Dazu noch Vorgeschichte und Hethitologie, ist also auch immer auf der Suche einer archäologischen Sensation. Unter anderem.

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