Beziehungskrise: Warum im Urlaub nichts besser wird
Die Reise ist gebucht – doch auf engem Raum eskaliert schnell eine Beziehungskrise. Eine Psychotherapeutin erklärt, wie Paare richtig reagieren.
Der gemeinsame Sommerurlaub soll eigentlich die schönste Zeit des Jahres sein, in Wahrheit ist er aber für viele Paare ein Stresstest auf engstem Raum. Vor allem dann, wenn es schon im Vorfeld in der Beziehung kriselt.
„Im Urlaub wird in Wirklichkeit nicht über konkrete Dinge wie über die vergessene Badehose oder das schlecht zugeschraubte Sonnenöl gestritten. Das ist nur ein Vorwand“, sagt die Wiener Psychotherapeutin Katharina Henz. Es gehe vielmehr um Emotionen und alte Kränkungen.
Trennung nach Urlaub
Mehreren Studien zufolge findet ein Drittel aller Trennungen und Scheidungen Ende August bzw. September, direkt nach den Ferien, statt. Das bestätigt auch Henz. Viele Paare schleppen sich bis zur Reise in der Hoffnung, dort werde alles besser. Doch das sei ein Irrglaube: „Im Urlaub wird gar nichts besser. Genau das Gegenteil ist der Fall“, betont die Expertin. Die Enttäuschung darüber ist dann oft der Eskalationspunkt.
Auch beim Thema Sex seien die Erwartungen zu hoch. „Warum sollte ausgerechnet im Hotelzimmer, wo man sich nicht wahnsinnig zu Hause fühlt, der Sex plötzlich besser sein?“ Statt der Erwartung, dass es „im Bett krachen muss“, rät sie, lieber auf kleine Momente von Intimität zu setzen – Händchenhalten, Nähe und Zärtlichkeit.
Einen Zaubertrick, um Eskalationen zu verhindern, gebe es nicht. Was sich zu Hause über Monate oder sogar Jahre aufgeschaukelt hat, löst sich im Urlaub nicht in Luft auf. Damit Konflikte nicht weiter hochgehen, empfiehlt Henz Paaren, sich während der Krise auf einen Waffenstillstand zu einigen: Beide sollen sich bemühen, nicht die Keulen auszupacken und den Streit in dieser Zeit nicht auszutragen.
„Ein toller Urlaub wird das trotzdem nicht“, stellt die Psychotherapeutin klar. Es sei eher anstrengend als erholsam. Wie lange man gemeinsam wegfährt – ob ein Wochenende am Neusiedler See oder zwei Wochen am Roten Meer – das spiele dabei keine Rolle.
Notfalls stornieren
Im Zweifel sei es laut Henz besser, den Urlaub abzusagen – damit jeder für sich zur Ruhe kommt und die Batterien allein aufladen kann. Denn ist der Cortisolspiegel hoch, sind beide gereizt und erschöpft. Der erste Streit beginnt dann oft schon am Gepäckschalter am Flughafen. Nicht immer lässt sich der Urlaub noch abblasen – etwa wegen hoher Stornokosten oder weil Kinder im Spiel sind.
Eine Umfrage vom deutschen Marktforschungsinstitut Appinio ergab: Viele Paare können sich selbst nach einer Trennung noch vorstellen, gemeinsam zu verreisen. 51 Prozent halten das grundsätzlich für möglich, 26 Prozent allerdings nur dann, wenn das Beziehungsende im Guten erfolgt ist. Auch die Expertin sagt: Die meisten Paare blasen den gemeinsamen Urlaub während einer Krise nicht ab – vor allem wenn Kinder dabei sind: „Das wäre Eskalationsstufe zehn: Damit stünde die Beziehung vor dem Aus.“
Sie empfiehlt, im Familienurlaub sich gegenseitig Freiräume zu schaffen – etwa so: „Nimm du die Kinder, ich gehe kurz in die Stadt und hole mir einen Kaffee. Morgen kannst du dir eine Auszeit gönnen.“ Abwertende Sätze wie „Reiß dich zusammen“ sollte man sich sparen. Das würde den Konflikt im Urlaub nur weiter verschärfen.
Gemeinsam verreisen, aber ab wann?
„Ich höre von Fällen, wo schon beim dritten Date gefragt wird, ob man gemeinsam auf Urlaub fährt“, sagte kürzlich die steirische Psychotherapeutin Sonja Schuster dem KURIER. Aber ist es ratsam, in der Dating-Phase gemeinsam zu verreisen? Das lasse sich pauschal nicht beantworten, sagt Psychotherapeutin Katharina Henz: „Interessanterweise ist Urlaub ein Stressfaktor, vor allem, wenn man sich noch nicht so gut kennt.“
Auf engem Raum und mit viel Zeit zu zweit würden schneller auch die schlechten Seiten sichtbar, die zu Beginn einer Beziehung meist zurückgehalten werden. Das lasse sich kaum verhindern. Der Vorteil, wenn man sich darauf einlässt: Man erkennt früh, ob man mit den Eigenheiten des
anderen zurechtkommt. Gleichzeitig könne das auch überfordern.
Laut einer Umfrage von Elitepartner folgt im Schnitt nach genau 7,2 Monaten der erste gemeinsame Urlaub. 15 Prozent der 4.000 Befragten sind bereits im ersten Beziehungsmonat verreist. Die meisten Paare starten laut Henz mit einem Kurztrip, etwa vier Tage Thermenurlaub oder ein paar Tage Italien, statt gleich eine lange Reise zu planen.
Wichtig sei, vorher über die Erwartungen zu sprechen: Wünscht man sich Ruhe und Entspannung am Strand oder lieber Ausflüge, Aktivitäten und viel Programm? Auch die finanziellen Rahmenbedingungen sollten im Vorfeld festgelegt werden, etwa ob man getrennte Kassen führt, ein gemeinsames Urlaubsbudget vereinbart oder abwechselnd zahlt. Je klarer diese Punkte geklärt sind, desto geringer ist das Konfliktpotenzial.
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