Eine stilisierte Darstellung von zwei sich umarmenden Personen mit dunklen Fingernägeln.

Darling, ich bin im Eiskasten!

Wenn aus sommerlicher Wärme eine Tropennacht wird, mutiert körperliche Nähe zum logistischen Großprojekt.

Es gibt sie, diese medialen Sommerloch-Klassiker, die uns alle Jahre wieder um die Ohren fliegen, etwa zum saisonalen Thema „Sonne, Sommer, Sex“. Da heißt’s dann vollmundig, Hitze soll die Libido ankurbeln. Echt jetzt? Ich halte das für ein sprachliches Missverständnis: Man kann heiß auf jemanden sein, man kann aber auch einfach nur heiß sein. Dazwischen liegen Universen und idealerweise eine Klimaanlage.

Ab 35 Grad möchte Homo sapiens zwar gerne ganztags nackt sein, aber nicht unbedingt berührt werden. Dresscode „Nix an“ ist dann kein erotisches Angebot, sondern eine Maßnahme des persönlichen Katastrophenschutzes. 

Genauso wie der Wunsch, sich in den Eiskasten zu Wurst und Käse zurückziehen zu dürfen – und das am besten solo. Weil jeder zusätzliche Körper im Bett wie eine Wärmflasche wirkt, die noch dazu schnarcht und ächzt sowie olfaktorisch-ungünstige Dämpfe produziert. In einer Tropennacht möchte man einander dann zuflüstern: „Wenn du mich wirklich liebst, rück bitte fünf Meter von mir weg.“ 

Wenigstens da hat die Evolution vorgesorgt. In einem Experiment mit 90 Frauen zeigte sich, dass sexuelle Erregung den Ekel gegenüber sexbezogenen und anderen unangenehmen Reizen dämpfen kann. Angesichts von Schweiß, Speichel und anderen körperlichen Begleiterscheinungen ist das tropennachttechnisch durchaus günstig. Auch die Wissenschaft ist vom heißen Sommer nicht wirklich überzeugt. 

Eine ungarische Untersuchung verknüpfte Zehntausende Zeittagebücher mit Wetterdaten, das Ergebnis: Die Temperatur hatte keinen messbaren Einfluss darauf, ob Menschen häufiger intim wurden. Im Juli war die sexuelle Aktivität sogar besonders niedrig, am höchsten war sie im Nebel-November – Cocooning-Zeit scheint also Koitus-Zeit. 

 Aus dem Liebesspiel wird dann ein logistisches Großprojekt mit 1001 Fragen:  Wie viele Quadratzentimeter Hautkontakt sind zumutbar? Und bitte warum macht das Ablösen zweier verschwitzter Körper ein Plopp-Geräusch, als würde man vier Saugnäpfe gleichzeitig von den Badezimmerfliesen entfernen? 

Wer liegt näher beim Ventilator?

Wird aus schlichter Wärme eine exzessive Tropennacht, übernimmt sowieso die sogenannte Thermoregulation. Aus dem Liebesspiel wird dann ein logistisches Großprojekt mit 1001 Fragen: Wer liegt näher beim Ventilator? Wie viele Quadratzentimeter Hautkontakt sind zumutbar? Und bitte warum macht das Ablösen zweier verschwitzter Körper ein Plopp-Geräusch, als würde man vier Saugnäpfe gleichzeitig von den Badezimmerfliesen entfernen? 

Auch körperlich ist die Sache nicht ohne. Eine Studie mit jungen Paaren errechnete für eine Runde Sex rund 85 Kilokalorien und stufte ihn als mäßig anstrengende Bewegung ein. Bei 30 Grad im Schlafzimmer ist das kein Liebesakt mehr, sondern ein resches Intervalltraining ohne Funktionsshirt. 

Die wirklich heißen Sommernächte scheitern sowieso nicht an der Libido, sondern am Gesamt-Ambiente: Das Leintuch pickt, vor dem offenen Fenster lauscht die gesamte Nachbarschaft und exakt im entscheidenden Moment landet eine Gelse auf Popsch oder Busen. 

Der Sommer scheint also jene Zeit zu sein, in der Paare Reife beweisen können: Man teilt den letzten kalten Schluck Wasser, überlässt dem anderen die Seite beim Ventilator und verzichtet freiwillig aufs Kuscheln. Der erotischste Satz einer Tropennacht lautet dabei nicht „Zieh dich aus“, sondern „Ich hab’ schon durchgelüftet“.

Seitensprung möglich?

Wenn Treue zur Verhandlungssache wird: Eine Befragung von 303 Erwachsenen zeigt: Je schlechter sie ihre Beziehung bewerteten, desto eher hielten sie Untreue für akzeptabel. Eine wichtige Rolle spielte dabei die „soziosexuelle Orientierung“ – also die grundsätzliche Offenheit für Sex ohne feste emotionale Bindung. Männer zeigten sich dabei offener für unverbindliche Begegnungen als Frauen.

Gabriele Kuhn

Über Gabriele Kuhn

Seit 1995 an Bord des KURIER - erst 14 aufregende Jahre lang als Ressorleiter-Stv. im Freizeit-Magazin, dann als Leiterin des Ressorts Lebensart. Seit 2017 Autorin. Kolumnistin. Interessens- und Know-How-Schwerpunkte: Medizin, Lifestyle, Gesundheit. Und Erotik. Die ironische Kolumne "Sex in der Freizeit" gibt es seit 2002. Damit's nicht fad wird, schreibe ich seit Anfang 2012 die Paar-Kolumne "Paaradox" gemeinsam mit Ehemann und Journalist Michael Hufnagl. 2014 wurde Paaradox zum Lesekabarett - mit Auftritten im Rabenhof und auf vielen Bühnen Ostösterreichs.

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