Orgasmus als Gratis-Gesundheitskur – wer braucht da Yoga?
Ja, es gibt eine Art Männerschnupfen nach dem Höhepunkt. Viel öfter aber gilt: Zu kommen, ist ein veritables Gesundheitswunder.
Es gibt ja für alles einen Fachbegriff. Für Männerschnupfen vermutlich auch. Nun zeigt die Wissenschaft: Es gibt sogar eine erotische Spezialausgabe davon. Sie heißt „Postorgasmic Illness Syndrome“, kurz POIS, und klingt so unromantisch, wie sie ist.
Betroffene, meist Männer, fühlen sich nach dem Höhepunkt nicht beseelt, sondern wie gerädert: erschöpft, fiebrig, muskelschmerzig, vernebelt im Kopf, dazu eine verstopfte Nase. Genitaler Männerschnupfen, wenn man so will. Armer Bub.
In einem aktuellen Fallbericht, veröffentlicht im „The Journal of Sexual Medicine“, geht es um zwei Männer, bei denen genau das nach dem Orgasmus passierte: Brain Fog statt Glow, Krankheitsgefühl statt Kuschelhormon-Glück.
Die Symptome konnten tagelang anhalten. Dass man unter solchen Umständen dem Begehren mit der Begeisterung eines Steuerberaters im Februar begegnet – eh logisch. Ein Antidepressivum linderte die Beschwerden in diesen Fällen deutlich.
Aber bevor jetzt Panik ausbricht und Menschen ihre Schlafzimmer in Quarantänestationen umwidmen: POIS ist sehr selten. So selten, dass der durchschnittliche Orgasmus weiterhin nicht als Gesundheitsrisiko gilt, sondern eher als Wellnessanwendung mit herrlichen Wirkungen und Nebenwirkungen.
Und ein bissi weinen nach dem Kommen? Hat auch was. Was dabei tröstet: Sexualität ist kein steriler Laborversuch, sondern ein eigenwilliges Gesamtkunstwerk aus Nerven, Hormonen, Gefühlen, Biografie und gelegentlicher Körperkomik.
Die Ehrenrettung des Orgasmus
Damit wären wir bei der überfälligen Ehrenrettung dieses Vorgangs, der oft nur als Pointe, Problemzone oder Leistungsnachweis verhandelt wird, dabei aber auf ein Podest gehört.
Denn der Orgasmus ist, im Regelfall, ein biologisches Meisterwerk. Er entspannt, senkt Stress, kann Schmerzen dämpfen, die Stimmung heben, das Einschlafen erleichtern und Beziehungen wenigstens für Momente so wirken lassen, als wäre Kommunikation doch kein komplett überschätztes Konzept.
Der Körper schüttet einen Cocktail aus, für den andere viel Geld in Apotheken und Yoga-Retreats lassen: Dopamin, Oxytocin, Endorphine. Ein körpereigener Mix aus Beruhigung, Belohnung und friedensstiftender Diplomatie.
Dass rund um den Orgasmus trotzdem nicht immer alles normschön abläuft, zeigte eine kleine Studie zu Frauen. Dort berichteten Teilnehmerinnen von peri-orgasmischen Phänomenen, also ungewöhnlichen Reaktionen rund um den Höhepunkt.
Manche weinten, andere lachten, einige hatten Kopfweh, Muskelschwäche, Kribbeln, Nasenbluten. Kurios, aber solche Reaktionen liegen innerhalb der Bandbreite menschlicher Sexualität und bedeuten nicht automatisch, dass etwas „nicht stimmt“.
Und ein bissi weinen nach dem Kommen? Hat auch was. Was dabei tröstet: Sexualität ist kein steriler Laborversuch, sondern ein eigenwilliges Gesamtkunstwerk aus Nerven, Hormonen, Gefühlen, Biografie und gelegentlicher Körperkomik.
Der Orgasmus darf ruhig dramatisch sein, überwältigend, befreiend, absurd. Er darf Tränen auslösen oder Gelächter. Nur krank machen sollte er im Idealfall nicht – dafür gibt es bekanntlich Kondome.
Also halten wir fest: Der Höhepunkt verdient keine Skepsis, sondern Applaus als eines der charmantesten Gesundheitsprogramme, die der Mensch ohne Rezept zustande bringt.
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