Küssen: überraschende Fakten über Liebe, Gehirn und Lust auf Nähe
Ein Kuss ist mehr als Romantik: Er verrät, wie Anziehung entsteht und was Biologie, Kultur und Geschichte damit zu tun haben.
Es gibt Dinge im Leben, die sind nicht verhandelbar. Küssen, zum Beispiel. Kaum etwas ist so intim und so entlarvend wie jener Moment, in dem zwei Paar Lippen aufeinander treffen. Ein schlechter Kuss kann eine Beziehung beenden, noch bevor sie begonnen hat. Ein guter hingegen kann für ein ganzes Leben reichen – oder zumindest für einen Sommer, der sich im Gedächtnis festsetzt wie ein guter Popsong. Was passiert, wenn wir küssen, ist erstaunlich komplex. Die Autorin Ulrike Zeitlinger widmet diesem scheinbar selbstverständlichen Akt ein ganzes Buch: „Kiss me Baby! Eine Liebeserklärung an den Kuss“. Bei der Lektüre wird klar: Küssen ist vieles – nur banal ist es nicht: „Der Kuss hat etwas Magisches, eine geheime Zutat, die keine Wissenschaft der Welt erklären kann“, so Zeitlinger.
Glück, Bindung, Euphorie
Zunächst der nüchtern-forschende Blick: Ein Kuss ist ein neurochemisches Großereignis. Hunderte Nervenenden feuern, Tausende Synapsen werden aktiv, Millionen Bakterien wechseln den Besitzer. Oxytocin sorgt für Bindung, Dopamin für Glücksgefühle, Endorphine erzeugen Euphorie. Evolutionär betrachtet ein Wagnis: Speichelkontakt ist ein ideales Einfallstor für Krankheitserreger.
Und dennoch küssen wir – was per se keine angeborene, sondern eine erlernte Fähigkeit ist und auch kein globales Phänomen. Anthropologische Studien zeigen: Nur rund 46 Prozent aller Kulturen kennen den romantisch-erotischen Kuss. In vielen Gesellschaften ist Knutschen unbekannt, bedeutungslos oder schlicht unappetitlich. Bei den Inuit wird bei einer liebevollen Begrüßung nicht geküsst, sondern der Duft des Gegenübers eingesogen. Die Maori Neuseelands teilen den Atem, wenn sie einander begrüßen. Heftiger geht’s auf den Trobriand-Inseln (Neuguinea) zu: Da wird beim erotischen Kuss erst die Zunge gelutscht, dann an den Lippen gebissen, bis sie bluten und schließlich an den Wimpern geknabbert – ein Zeichen heftigen Begehrens.
Keine andere Spezies verbindet Zungenkontakt so sehr mit emotionaler Bindung wie der Mensch. Nur Homo sapiens küsst erotisch – eine Art Prüfverfahren: Studien legen nämlich nahe, dass beim Küssen unbewusst genetische Kompatibilität, Gesundheitszustand und hormonelle Passung überprüft werden.
„Riechen mit dem Mund“
Wie alt diese Praxis ist, überrascht. Keilschrifttexte aus Mesopotamien belegen leidenschaftliches Küssen vor rund 4.500 Jahren. Vedische Texte sprechen vom „Riechen mit dem Mund“. Die wohl älteste Darstellung eines erotischen Kusses – eine Skulptur aus der Levante – ist etwa 11.000 Jahre alt, schreibt Zeitlinger. Offenbar hatten unsere Vorfahren nicht nur Sinn für Feuer und Werkzeuge, sondern auch für Nähe. Unlängst hat eine neue Studie dem Kuss ein erstaunlich langes Gedächtnis attestiert. Ein Forschungsteam der Universität Oxford ließ ein komplexes statistisches Modell über große Datenmengen aus Evolutionsbiologie und Verhaltensforschung laufen. Das Ergebnis: Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird seit rund 20 Millionen Jahren geküsst, schon bei den Vorfahren großer Menschenaffen. Auch wenn Küssen kulturell erlernt wird, sprechen evolutionsbiologische Daten dafür, dass ihm ein altes, biologisches Verhaltensmuster zugrunde liegt.
Der Kuss war nie nur romantisch. In der Antike diente er als sozialer Code, im Christentum erst als Friedenszeichen, dann als Sünde. Im Mittelalter verschwand er aus der Öffentlichkeit, feierte in der Renaissance sein Comeback – und wurde kontinuierlich moralisch beaufsichtigt. Bis heute gilt öffentliches Küssen – je nach Land – als Tabu oder Akt der Selbstbestimmung. Dennoch bleibt er faszinierend vielschichtig: Er verspricht Nähe – und hält sie nicht immer. Manchmal ist er großartig, manchmal unerquicklich. Doch selbst dann verrät er etwas: über Chemie, über Geschichte, über das, was zwischen zwei Menschen ist – oder eben nicht.
Sieben Gründe, das Küssen ernst zu nehmen
1. Ja, es gibt Kussforscher. Sie heißen Philematologen, das kommt vom griechischen „phílēma“ = Kuss.
2. Ja, Küssen ist anstrengend. Beim leidenschaftlichen Küssen werden bis zu 20 Kalorien pro Minute verbrannt. Dabei arbeiten 34 Gesichtsmuskeln plus zahlreiche weitere Muskelgruppen (etwa im Nacken und Rücken).
3. Ja, Küssen ist gesund. Es kann den Blutdruck senken, baut Stress ab und wirkt insgesamt stimmungsaufhellend.
4. Ja, Küssen ist auch ein bisschen „wäh“. Wer ein anderen Menschen küsst, tauscht Bakterien, Viren und Mundflora aus. Klingt medizinisch-unromantisch, ist aber kein Grund zur Abstinenz.
5. Ja, Küssen macht „high“. Das Gehirn schüttet dabei unter anderem die Glückshormone Dopamin und Serotonin aus, sowie Endorphine und Oxytocin. Das ist der Stoff, der Bindung und Anziehungskraft erzeugt.
6. Ja, es gibt Kuss-Prioritäten. Eine Studie mit 48 Ehepaaren zeigt: Menschen haben eine Lieblingsseite beim Küssen. Rechtshänder neigen eher nach rechts, Linkshänder nach links – falsches Neigen macht den Kuss schlechter.
7. Ja, Küssen ist rekordverdächtig. Laut „Guinness World Records“ dauerte der längste Kuss 58 Stunden, 35 Minuten und 58 Sekunden – von einem thailändischen Paar, 2013. Und die Anzahl der meisten Küsse eines Paares (USA) in einer Minute beträgt 258.
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