Warum junge Menschen immer weniger Sex haben
Keine Lust. Immer mehr junge Menschen zelebrieren ihre Abstinenz, andere leiden unter der Weltenlage. Warum dem so ist, erklärt Sexualpsychologin Karina Bauer.
Die Sexualität junger Erwachsener befindet sich im Wandel: Lust und Verlangen nehmen ab. Das ergab zuletzt etwa eine US-Umfrage des Kinsey Institutes, auch auf Social Media trendet seit einiger Zeit der Hashtag #celibacy (= Zölibat). Der österreichische Sex-Report von marketagent stellte zudem fest, dass Jüngere immer später ihr erstes Mal haben. Aktuell liegt das Durchschnittsalter bei 17,4 Jahren, im Jahr 2022 lag es noch bei 16,4 Jahren.
Dass die sexuelle Lust bei jungen Erwachsenen sinkt, beobachtet auch die Wiener Psychotherapeutin und Sexualpsychologin Karina Bauer. „Zuletzt habe ich gehört, dass eine Frau ihre sechsmonatige Abstinenz gefeiert hat“, sagt sie. Warum das bei den Jungen derzeit im Trend liegt? „Ich habe den Eindruck, dass Persönlichkeitsentwicklung und Selbstverwirklichung bei der Gen Z eine größere Rolle spielt. Der Fokus liegt mehr auf sich selbst als auf den anderen.“
Das sei einerseits etwas Positives, anderseits „kann es aber auch sein, dass man irgendwann nur mehr auf sich selbst schaut“. Und das könne zum Problem werden, denn „das Leben besteht nun mal aus Beziehungen – sei es im beruflichen Umfeld, in Liebesbeziehungen oder in Freundschaften“. Was beim Thema sexuelle Lustlosigkeit ebenso mit reinspielt – das aktuelle Weltgeschehen, wie zum Beispiel Klimawandel oder Rassismus. „Das sind Themen, die viele belasten.“
Mentale Probleme
Hinzu kommt, dass psychische Erkrankungen bei jungen Erwachsenen deutlich zunehmen. Bauer sieht darin einen klaren Zusammenhang: „Der Verlust der Libido ist ein klassisches Symptom für eine Depression.“ Auch körperliche Ursachen können dahinter stecken, zum Beispiel hormonelle Veränderungen oder etwa eine Erkrankung. Mit der sinkenden Lust auf Sex verliert auch Dating für viele junge Erwachsene zunehmend an Bedeutung. Das habe viel mit Social Media zu tun, ist sich die Sexualpsychologin sicher. Vieles im Netz sei positiv zu bewerten, denn im Gegensatz zu früher gebe es mehr Aufklärung, weniger Tabus, entlarvte Mythen und realistischere Körperbilder. Gleichzeitig werden aber auch viele falsche Informationen verbreitet.
Daneben spielen pornografische Inhalte beim Thema Lustlosigkeit eine Rolle: „Das kann zu Druck und zu übersteigerten Erwartungen an sich selbst und an andere führen.“ Andererseits kann Pornografie – bewusst genutzt – das Sexualleben bereichern und dabei helfen, die eigenen Vorlieben zu entdecken. Bauer empfiehlt, auf Entdeckungstour zu gehen und sich zu überlegen: Was mag ich? Was tut mir gut? Was brauche ich als Person, um Lust zu erleben?
Entscheidend sei, sich nicht von „Trends“ auf Social Media verunsichern zu lassen: „Was ich mit 18 Jahren gut fand, empfinde ich mit 25 Jahren vielleicht nicht mehr als angenehm“, betont die Sexualpsychologin. „Lust und Sexualität sind individuell und können sich im Laufe der Zeit ändern.“
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