Ein Mann gibt einer Frau einen Kuss auf die Stirn.

Sexualität: Warum das "Danach" oft anders ist als erwartet

Manchmal wird nach dem Sex auch geweint, geschnarcht, gegrübelt – und in seltenen Fällen sogar gelitten. Die Wahrheit des Danach.

Man hat uns ja beigebracht, dass ein Orgasmus ungefähr das ist, was andere im Yoga-Retreat unter einem gelungenen Morgenritual verstehen: vitalisierend, verbindend, verzaubernd. Danach lächeln zwei beseelt, trinken Wasser mit Gurkenscheiben und sind sich selbst so nah wie nie.

In der Realität liegt oft mindestens einer da und denkt: Bitte red jetzt nicht. Oder: Warum ist mir kalt? Oder: Wer hat eigentlich behauptet, Sex sei ein Energiebooster? Für manche wird dieses Danach sogar zur echten Belastung - zur Leere, zum Nichts, zum Trauerspiel. Wir übersehen, dass Lust und Körper nicht immer im Gleichschritt marschieren.

Dabei hat der Orgasmus seinen guten Ruf nicht ganz zu Unrecht. Er kann entspannen, Schmerzen lindern, Stress reduzieren, Bindung schaffen und für ein paar Minuten das Gefühl erzeugen, das Leben sei ein lösbares Problem. Sex kann uns aus dem Kopf und in den Körper holen – und in etwas, das nicht aus To-do-Listen besteht. 

So weit, so wunderbar. Nur endet die Geschichte eben nicht immer dort, wo die Popkultur ihren Weichzeichner drüberlegt. Denn manchmal endet der Orgasmus mit Erschöpfung oder  Muskelschmerzen. Das "Danach" hat eine erstaunliche Bandbreite.

Eben noch große Leidenschaft, jetzt Schnarchen in Moll. Gerade noch intensivster Blickkontakt, jetzt die Aura eines Mannes, der emotional bereits in der Tiefgarage seines Bewusstseins angekommen ist.

Weinen nach dem Höhepunkt

Es gibt Menschen, die nach dem Sex grundlos traurig werden. Die Tränen in den Augen haben und selbst nicht recht wissen, warum. Postkoitale Dysphorie nennt die Forschung dieses unhübsche Phänomen. Man war sich nah, der Körper hat geliefert, auf einmal sitzt da jemand auf der Bettkante als Häufchen Elend.

Und dann diese andere, kulturhistorisch vermutlich besser dokumentierte Form der Nachwirkung: Männer, die in der Sekunde nach dem Höhepunkt in einen Zustand fallen, den man nur als abrupten Systemabsturz bezeichnen kann. 

Eben noch große Leidenschaft, jetzt Schnarchen in Moll. Gerade noch intensivster Blickkontakt, jetzt die Aura eines Mannes, der emotional bereits in der Tiefgarage seines Bewusstseins angekommen ist. Nein, kein geheimer Charakterfehler, sondern schlichte Biologie. Aber günstig fürs weibliche Romantikmanagement ist es trotzdem nicht.

Trotzdem ist der Moment nach dem Sex oft viel echter als der Sex selbst. Vorher wollen alle begehren und performen, danach zeigt sich, wer man als Mensch ist. 

Redselig oder wortkarg. Zärtlich oder zurückgezogen. Hungrig, heiter, verwirrt, erschöpft. Oder melancholisch. 

Deshalb wäre es hilfreich, den Orgasmus nicht als Endpunkt einer Erfolgserzählung zu behandeln. Weil: Nicht jeder Höhepunkt führt in die Erleuchtung. Manchmal führt er zu inniger Nähe und einem tiefen Ausatmen, manchmal zu Tränen oder einem Nickerchen, das aussieht wie Realitätsflucht. 

Alles menschlich. Deshalb sollten wir aufhören, Sex wie einen Mix aus Paartherapie, Leistungsschau und Wellnesskult zu behandeln. Ja, er kann guttun. Aber er darf auch Nebenwirkungen haben, die nicht ins Hochglanzbild passen. Und es ist gut, auch "danach" aufeinander zu schauen.

Dating

Neue Forschung (Reichman University) legt nahe: In Dating-Profilen zählt nicht nur, was man über sich verrät, sondern auch wie. Menschen wirken anziehender, wenn sie sich nicht in Stichworten wie „humorvoll“ oder „abenteuerlustig“ beschreiben, sondern über kleine Geschichten greifbar werden. In drei Studien steigerten narrative Profile – auch in der Bildauswahl – das Mitgefühl für die Person, und genau das erhöhte das romantische Interesse.

Gabriele Kuhn

Über Gabriele Kuhn

Seit 1995 an Bord des KURIER - erst 14 aufregende Jahre lang als Ressorleiter-Stv. im Freizeit-Magazin, dann als Leiterin des Ressorts Lebensart. Seit 2017 Autorin. Kolumnistin. Interessens- und Know-How-Schwerpunkte: Medizin, Lifestyle, Gesundheit. Und Erotik. Die ironische Kolumne "Sex in der Freizeit" gibt es seit 2002. Damit's nicht fad wird, schreibe ich seit Anfang 2012 die Paar-Kolumne "Paaradox" gemeinsam mit Ehemann und Journalist Michael Hufnagl. 2014 wurde Paaradox zum Lesekabarett - mit Auftritten im Rabenhof und auf vielen Bühnen Ostösterreichs.

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