Ein Mann beugt sich über eine Frau, die liegt.

Gleitgel beim Sex: Warum es kein Zeichen von Versagen ist

Noch immer gilt Feuchtigkeit als Beweis für weibliche Erregung. Dabei ist der Körper komplizierter – und Gleitgel eine wunderbare Zutat, um mehr Spaß zu haben.

"No lube? So rude.“ Übersetzt: "Kein Gleitgel? So unverschämt." Selten hat ein Song eine Wahrheit so elegant und präzise auf den Punkt gebracht. Aber okay, elegant ist bei Peaches, kanadische Musikerin, Performance-Künstlerin und queere Ikone, vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Aber präzise: ja. 

Denn hinter dem Sager steckt eine kleine sexuelle Revolution. Sie richtet sich gegen einen Mythos, der sich erstaunlich hartnäckig hält: dass weibliche Lust gefälligst sichtbar zu sein hat. Sofort. Reichlich. Eindeutig. Am besten tropfend-nass.

Das „Flutschen“ ist in unserer Erotik nämlich nicht nur ein körperlicher Zustand, sondern ein Geilheits-Gütesiegel. Feuchtigkeit gilt als Beweis dafür, dass alles läuft: Der Mann ist begehrenswert, das Vorspiel gelungen, die Frau bereit, der Sex erfolgreich. In Pornos wird daraus ein grotesker Leistungsindikator: je nasser, desto besser. 

Je feuchter, desto ärger das Begehren – nach ihm. Als ließe sich Erregung in eine simple Funktion gießen. Das kleine Problem: Der Körper ist keine PR-Abteilung der Lust. Er produziert nicht auf Kommando die passende Bestätigung für männliches Selbstwertmanagement. 

Vaginale Feuchtigkeit ist folglich keine Schulnote für den Partner und auch kein Beweis dafür, dass sie „wirklich will“. Manche Frauen sind schnell feucht und trotzdem unentspannt. Andere sind hoch erregt und bleiben trotzdem trocken. Stress, Zyklus, Medikamente, Müdigkeit, Hormone, Stillzeit, Wechseljahre, die Beschaffenheit der Schleimhäute, all das redet mit.

Gleitgel ist keine Kapitulation

Und das deutlicher, als es das alte Fantasma vom stets bereiten weiblichen Körper lange vermittelte. Trotzdem haften Gleitmittel bis heute was Peinliches an. Sie stehen immer noch unter Verdacht, Hilfsmittel für Defizite zu sein – als wäre es das sexuelle Äquivalent zu Lesebrille und Wärmeflasche. 

Motto: Da geht nix mehr, also muss Flutschi her. Dahinter lauert die unerschütterliche These, Trockenheit sei ein Zeichen von Versagen: der Frau, ihres Alters, ihrer Hormone, ihrer Lustfähigkeit. Der Körper, so die Unterstellung, habe gekündigt.

Unsinn. Gleitgel ist keine Kapitulation, sondern: herrlich. Eine Einladung an das Geschmeidige. Es macht Sex oft besser, nimmt Reibung, schafft Spielraum. Es kann Praktiken ermöglichen, verlängern, variieren, verspielter machen. Gleichzeitig kann es aber auch entlasten, erleichtern, neugierig machen. 

Kurz: Es ist kein Beweis dafür, dass etwas fehlt, sondern ein Mittel, mit dem so viel mehr möglich wird. Das sprengt die klassischen Koitus-Vorstellungen und diese hartnäckige Idee, „echte“ Lust müsse immer nur naturwüchsig, spontan, mühelos, saftig sein. Und die Frauen allzeit bereit – einfach so, ohne „mühevolle“ Vorarbeit. Und nur, weil ein Mann will. 

Dabei ist guter Sex fast nie nur Natur. Er ist Kommunikation, Timing, Kenntnis des eigenen Körpers, manchmal Humor, manchmal Nachsicht, oft Improvisation. Keine Frau sollte sich rechtfertigen müssen, dass ihr Körper nicht permanent pornotauglich performt. Genau deshalb sollte Gleitgel final aus der Ecke des Mangels und dorthin, wo es richtig ist: zu den guten Dingen des Lebens.

KI und Sex

Auf einer großen Branchenmesse in Shanghai zeigte sich, wie KI auch die Sexualität verändert: Sexspielzeuge und Puppen werden interaktiver, reagieren per Sprachfunktion und wirken zunehmend menschenähnlich. Zugleich kommen viele Produkte heute verniedlicht, verspielt und fast harmlos daher – eher Manga-Ästhetik als Schmuddelecke. China zeigt damit sehr anschaulich, wie KI, Intimität und Konsum zusammenwachsen.

Gabriele Kuhn

Über Gabriele Kuhn

Seit 1995 an Bord des KURIER - erst 14 aufregende Jahre lang als Ressorleiter-Stv. im Freizeit-Magazin, dann als Leiterin des Ressorts Lebensart. Seit 2017 Autorin. Kolumnistin. Interessens- und Know-How-Schwerpunkte: Medizin, Lifestyle, Gesundheit. Und Erotik. Die ironische Kolumne "Sex in der Freizeit" gibt es seit 2002. Damit's nicht fad wird, schreibe ich seit Anfang 2012 die Paar-Kolumne "Paaradox" gemeinsam mit Ehemann und Journalist Michael Hufnagl. 2014 wurde Paaradox zum Lesekabarett - mit Auftritten im Rabenhof und auf vielen Bühnen Ostösterreichs.

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