Fehlende Lust? "Nähe beginnt nicht erst im Schlafzimmer"
Die Beziehungsexpertin Sonja Ruess erklärt, warum in vielen Partnerschaften die Leidenschaft abhandenkommt, was dagegen hilft und warum sich Liebespaare nicht mit anderen vergleichen sollten.
Wenn Paare länger zusammen sind, verändert sich fast immer auch ihr Liebesleben. Die deutsche Sexologin und Beziehungsmentorin Sonja Ruess beobachtet in ihrer Praxis, dass viele Partnerschaften nicht an fehlender Liebe scheitern, sondern daran, dass Intimität irgendwann nicht mehr aktiv gepflegt wird. In ihrem neuen Buch „Der Elefant in deinem Bett“ erklärt sie, warum gerade gute Beziehungen gefährdet sind – und wie Paare wieder zueinanderfinden können.
KURIER: Viele Paare erleben: Die Liebe ist noch da, aber die Intimität wird weniger. Warum passiert das so oft?
Sonja Ruess: Einer der häufigsten Gründe ist der Irrglaube, dass Intimität in einer langjährigen Beziehung einfach so vom Himmel fällt. Am Anfang ist alles neu, aufregend und die Lust groß – Sex „passiert“ fast automatisch. Mit dem Alltag, Kindern, Stress und Mental Load verschiebt sich der Fokus, und Zeit zu zweit geht oft verloren. Plötzlich gibt es mehr Gründe, keinen Sex zu haben, als welche, die dafür sprechen. Ohne bewusst geschaffenen Raum für Sexualität erstickt die Lust oft im Keim.
Sie sagen, Intimität ist nicht nur ein Paarthema, sondern auch ein individuelles. Was meinen Sie damit?
Grundsätzlich liegt die Verantwortung für meine Lust bei mir. Ich darf nicht von meinem Partner erwarten, dass er oder sie von selbst weiß, was mir gefällt. Wenn ich etwas haben möchte, dann darf ich genau kommunizieren, was es ist, oder es mir auch selbst von meinem Partner holen. Dafür muss ich aber erst einmal wissen, was mir gefällt – und das ist etwas, woran schon viele scheitern, weil sie sich noch nie genau mit ihren eigenen Bedürfnissen auseinandergesetzt haben. Genauso ist es mit den Dingen, die ich vielleicht nicht mag. Auch die darf ich offen aussprechen, anstatt die Verantwortung für die eigenen Grenzen meinem Partner/in zu übertragen.
Warum fällt es so schwer, über Sexualität zu sprechen?
Die Scham, über die eigenen Wünsche zu sprechen, ist oft groß – genauso wie die Angst vor Ablehnung. Viele Menschen haben nicht gelernt, wie sie schamfrei über Sexualität sprechen können, im Gegenteil. Oft wurde schon in der Kindheit vermittelt, dass Sexualität etwas Schmutziges und Verbotenes ist, das man besser unter den Teppich kehrt. Es fehlt vielen schlichtweg die richtige Strategie, um schamfrei und offen zu sagen, was sie sich wirklich wünschen oder was sie vielleicht auch nicht so gut finden. Und je länger das Schweigen, desto größer wird der Elefant im Bett, über den nicht gesprochen wird.
Sonja Ruess: „Intimität wächst aus vielen kleinen Momenten.“
©Markus HanerWas können Paare konkret tun, wenn sie merken, die Nähe fehlt?
Zuerst verstehen: Ich bin Mitgestalter meiner Beziehung. Nähe beginnt nicht erst im Schlafzimmer, sondern im Alltag. Schon kleine Rituale machen einen Unterschied. Etwa, wie man sich morgens verabschiedet. Wenn man diesen Moment bewusst wahrnimmt – Blickkontakt, eine echte Umarmung, ein aufmerksamer Kuss –, entsteht wieder Verbindung. Intimität wächst aus vielen kleinen Momenten, nicht nur aus Sex.
Was machen Paare anders, die auch nach vielen Jahren noch ein erfülltes Liebesleben haben?
Sie warten nicht darauf, dass spontan Lust entsteht. Sie schaffen Rahmenbedingungen: Zeit zu zweit, Gespräche über Wünsche, körperliche Nähe ohne Druck. Außerdem teilen sie Verantwortung im Alltag fair auf. Wenn einer dauerhaft überlastet ist, hat Sexualität kaum eine Chance. Wichtig ist auch eine gewisse Leichtigkeit – ohne Vorwürfe und Schuldzuweisungen.
„Der Elefant in deinem Bett“ erschien bei Next Level Verlag. 272 Seiten. 18 Euro.
©NXTLVLWie oft sollte ein Paar Sex haben? Gibt es ein „zu wenig“?
Wichtig ist hier, dass es absolut keine Norm gibt. Es gibt weder ein Zuviel noch ein Zuwenig. Normal ist das, was jedes Paar für sich als normal definiert. Wenn es glücklich ist, gibt es keinerlei Handlungsbedarf – ganz egal, was andere Paare vielleicht auch von ihrer Intimität erzählen. Man sollte die eigene Partnerschaft niemals mit anderen vergleichen.
Und wenn es schon lange schwierig ist – gibt es noch Hoffnung?
Absolut! Es spielt keine Rolle, wie lange es schon nicht mehr gut läuft. Was zählt, ist der Wunsch nach Veränderung und das Verständnis dafür, dass man selbst aktiv werden muss. Auch das Alter ist nicht ausschlaggebend. Ich hatte schon Paare in der Praxis, die mit Ende 60 ihre Lust aufeinander wieder neu entdeckt haben.
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