Eine helle Schleiereule fliegt durch den Wald.
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Geniale Jagdtricks: Nicht nur weiße Schleiereulen machen listig Beute

Weiße Schleiereulen nutzen einen vermeintlich evolutionären Nachteil zum Vorteil. Auch andere Tiere haben ihre Erfolgsstrategie.

Schleiereulen sind hoch spezialisierte Nachtjäger. Mit ihren asymmetrischen Ohröffnungen orten sie im lautlosen Flug die Beute, ihr trichterförmiges Gesicht bündelt dabei den Schall. Die scharfen Krallen lassen Fledermäusen und Mäusen kaum eine Chance. Weiße Tyto alba-Exemplare haben – wie eine aktuelle Studie nahelegt – einen weiteren Trick auf Lager.

Für ihr Feldexperiment statteten Forschende der Uni Lausanne und der Schweizerischen Vogelwarte Sempach 69 männliche Schleiereulen in unterschiedlichem Federkleid – von dunklem Rotbraun bis gänzlich weiß – mit Sendern aus. Die Analyse von mehr als 17.600 Angriffen zeigte, dass die weißen Überflieger ihren vermeintlich evolutionären Nachteil zu ihrem Vorteil nutzen. 

Weiße Eulen nützen das Mondlicht zum Blenden

Sie starten in den hellsten Stunden der Nacht zur Nahrungsbeschaffung. Zwar sind die strahlenden Jäger bei einzelnen Attacken nicht treffsicherer als ihre besser getarnten Artgenossen, insgesamt erbeuten sie im Mondschein aber mehr Kleinsäuger und das in kürzerer Zeit. Wie das Fachblatt Current Biology berichtet, vermuten die Wissenschaftler einen „Freeze-Effekt“: Das helle Gefieder reflektiere das Mondlicht so stark, dass die Beute vor Schreck erstarrt; ein fataler Moment.

„Die Gruppenjagd hat in der Regel eine hohe Trefferquote.“

Peter Sziemer Biologe

„Die Studie ist spannend, weil es nur sehr wenige Wildtierarten in unterschiedlichen Farbvarianten für einen direkten Vergleich gibt“, ordnet Peter Sziemer das Forschungsdesign ein. Ob weitgehend farbblinde Mäuse, die nur im Nahbereich scharf sehen, von den weißen Eulen im Mondlicht tatsächlich geblendet werden, stellt der Biologe jedoch infrage. Fest steht für ihn jedenfalls, dass es „sehr, sehr viele Jagdstrategien gibt, die aufgehen“. Fehlversuche kosten schließlich das eigene Leben; ungünstige Gene pflanzen sich nicht fort.

Afrikanische Wildhunde jagen besonders erfolgreich und teilen gerecht

„Die Gruppenjagd hat in der Regel eine hohe Trefferquote“, sagt Sziemer und verweist auf Afrikanische Wildhunde sowie auf Löwen-Rudel. Während die Hundeartigen nach ausdauerndem Hetzen in rund 80 Prozent der Fälle gemeinsam Beute machen, setzen die Katzenartigen zielsicher auf Anschleichen, Lauern und kurzen Sprint. 

2017 identifizierten deutsche Wissenschaftler soziale Taktiken, die Piranhas genauso effektiv zu Nahrung verhelfen wie Ameisen, Riesenkalmaren oder Schimpansen. Entscheidend sind stabile Jagdgemeinschaften mit klar verteilten Rollen, funktionierende Kommunikation – akustisch oder optisch – und eine faire Aufteilung der erlegten Tiere.

Libellen sind höchst effizient, obwohl sie sehr auffällig sind“, bringt Sziemer ein schillerndes Beispiel für schlagkräftige Einzelkämpfer. Dank ihrer außergewöhnlichen Flugtechnik, riesiger Facettenaugen und eines haarigen Korbs an den Beinen fangen die farbigen Insekten Futtertiere in Sekundenschnelle. 

Die Veränderliche Krabbenspinne dagegen wird nicht durch körperliche Überlegenheit satt, die Weibchen verlassen sich viel mehr auf Tarnung. Je nach Farbe des Untergrunds, von dem aus sie anfliegenden Bienen, Schmetterlingen und Schwebfliegen auflauern, wechseln sie von Weiß – bei Margeriten –, auf Gelb – bei Hahnenfuß – oder Grün – auf Blättern. 

Neben körperlicher Überlegenheit hilft gute Tarnung beim Beutegreifen

Auch Sumpfkrokodile setzen auf Täuschung. In der Nähe von Vogelkolonien bedecken die Reptilien ihren Rücken mit Ästen und Nestmaterial, bevor sie zuschlagen.

Fünf Orcas tauchen im blauen Wasser.
©Getty Images/CoreyFord/istockphoto

„Bei Insekten ist die Jagdstrategie meist angeboren, Säuger müssen sich diese erst aneignen“, sagt der Biologe und wendet sich exemplarisch dem Lebensraum Wasser zu.

Orcas geben ihre regionale Taktik an die nächste Generation weiter

 Schwertwale gelten als Paradebeispiel für kulturelle Tradition. Kälber in der Antarktis etwa lernen, in synchroner Schwimmformation Wellen zu erzeugen und damit Robben von Eisschollen zu spülen. Andernorts treiben die Meeressäuger Heringe zusammen, um sie dann mit kräftigen Flossenschlägen zu betäuben. An der Küste Patagoniens wiederum stranden Orcas absichtlich, packen unvorsichtige See-Elefanten und surfen mit der nächsten Welle zurück ins tiefere Gewässer. Deutlich größere Bartenwale ersticken sie, indem sie deren Blasloch mit dem eigenen Körper abdecken.

Auch an Land entwickeln Individuen regionale Besonderheiten, die sie an die nächste Generation weitergeben. 

So zählen Wölfe Biber bevorzugt in Polen zu ihrem gefundenen Fressen. 

Auch beim Jagen besetzen Tierarten ökologische Nischen

In Südfrankreich springen Welse aus dem Fluss und schnappen nach Tauben, die dort trinken oder baden. „Wo es ökologische Nischen zu besetzen gibt, können sich Beutegreifer auf untypische Beute spezialisieren“, erklärt Sziemer lokale Anpassungen. 

Dass die Forschung noch längst nicht alle Jagdmanöver entschlüsselt hat, zeigt nicht zuletzt die eben entdeckte Geheimwaffe der weißen Schleiereulen.

Hedwig Derka

Über Hedwig Derka

Hedwig Derka, geboren 1966 in Wien, seit 1996 Redakteurin beim KURIER. Spezialgebiet: Tiere. Lieblingsthemen: Wissenschaft und nutzloses Wissen. Lieblingsbeschäftigung außer Dienst: Meine kleine und große Familie. Noch Fragen? Interessante Geschichten? Nutzloses Wissen? eMail an mich: hedwig.derka@kurier.at

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