2 Wölfe spielen im Schnee

Faszination Wolf: Was man im Wolf Science Center erleben kann

Der Mythos Wolf beschäftigt den Menschen schon seit Jahrtausenden. In Ernstbrunn kommen einander Mensch und Tier ganz nah.

Ein Knacken im Unterholz, ein neugieriger Blick aus bernsteinfarbenen Augen – und schon spürt man, warum der Wolf seit Jahrhunderten Furcht und Faszination zugleich auslöst. Wer diesen Moment erleben möchte, muss nicht nach Kanada oder Skandinavien reisen. Knapp 40 Kilometer von Wien entfernt, mitten im Wildpark Ernstbrunn, liegt das Wolf Science Center (WSC), ein Ort, an dem Besucher den Tieren ungewöhnlich nahekommen – und dabei ganz nebenbei Einblick in aktuelle Forschung gewinnen.

Botschafter der Forschung

Das WSC wurde gegründet, um die Beziehung zwischen Mensch, Hund und Wolf besser zu verstehen. Wölfe und Hunde wachsen hier Seite an Seite auf, werden wissenschaftlich begleitet und regelmäßig trainiert. Besucherinnen und Besucher erleben hier Tiere, die weder Zirkusattraktion noch klassische Wildparkbewohner sind, sondern Botschafter einer spannenden Forschungsarbeit.

Forschung in freier Natur

Seit 2017 gehört das Wolfsforschungszentrum zur  Veterinärmedizinischen Universität Wien und bildet heute eine unabhängige Einheit (Core Facility Wolf Science Center, kurz CF-WSC). 

Das Center bietet Forschenden die Möglichkeit, wissenschaftliche Studien mit Hunden und Wölfen zu den verschiedensten Themenbereichen (z.B. Domestikation, Verhalten, Kognition, Physiologie, Tierhaltung) durchzuführen.

An der CF-WSC werden Mischlingshunde und Nordamerikanische Grauwölfe in kleinen Gruppen (reine Wolfs- bzw. Hundegruppen) unter ähnlichen Lebensbedingungen in Gehegen gehalten. Die Tiere werden bereits im Welpenalter mit Artgenossen und mit dem Menschen sozialisiert. 

Der frühe Kontakt zu Artgenossen ermöglicht den Tieren, soziale Kompetenzen zu erlernen, die für das Zusammenleben in der Gruppe wichtig sind. Der frühe Kontakt mit dem Menschen (Handaufzucht) ist notwendig, um eine vertrauensvolle Beziehung zwischen den Tieren und ihren Bezugspersonen zu gewährleisten. Alle Tiere durchlaufen ein umfassendes Trainingsprogramm, Wölfe und Hunde werden zudem an Leine und Halsband gewöhnt. Die Arbeit basiert auf Freiwilligkeit, die Tiere werden zu nichts gezwungen.

Staunen und Gänsehaut

Die Palette der Angebote reicht von klassischen Führungen bis zu Abenteuern, die man so schnell nicht vergisst. Familienprogramme holen Kinder spielerisch ab, während die „Erlebnisführung“ altersgerechte Einblicke in Biologie, Verhalten und Lebensweise bietet. Der exklusivste Besuch ist der „Wolfsbesuch de luxe“. Im kleinen Kreis (bis zu drei Personen) kann man dabei den Wölfen und Hunden ganz ohne Zaun begegnen. Um dieses besondere Besucherprogramm noch individueller abzustimmen, kann man im Vorfeld zwischen zwei Schwerpunkten wählen. 

Schwerpunkt Foto

Beim Schwerpunkt Fotografie kann man seine Kamera mit ins Gehege nehmen und nach Herzenslust Fotos machen. Die Tiere sind von klein auf daran gewöhnt, fotografiert und gefilmt zu werden und setzen sich für Profis und begeisterte Hobbyfotografen gleichermaßen gerne in Szene. 

Schwerpunkt Training

Beim Schwerpunkt Training liegt der Fokus darauf, Besuchern das tägliche Training mit den Tieren näherzubringen. Interessierte haben hier die Möglichkeit, bei einer Trainingspräsentation live dabei zu sein. Man erfährt, wie Trainer mit klaren Signalen arbeiten, Vertrauen aufbauen und die Tiere geistig fordern. Dabei wird spürbar, dass Intelligenz, Sensibilität und Rangordnung bei Wölfen eine beeindruckende Rolle spielen.

Wolf im Schnee

Auf verschiedenen Touren und Führungen für alle Altersstufen geht man auf Tuchfühlung mit den stolzen Tieren.

©Rooobert Bayer |CFWSC/Vetmeduni

Der mit dem Wolf geht

Ein unvergessliches Erlebnis bietet auch der „Spaziergang mit einem Wolf“. Gemeinsam mit einem Tier durch das Gelände zu streifen, Seite an Seite, macht die jahrtausendealte Beziehung zwischen Mensch und Wolf körperlich erfahrbar. Es ist kein Spektakel, sondern eine stille Begegnung, die das Verständnis für Wildtiere nachhaltig prägt.

Abenteuer für Familien

Speziell an Familien mit Kindern richtet sich das einstündige Programm „Etu, der Abenteurer“. Hier steht der Spaß im Vordergrund und Wolf Etu im Mittelpunkt. Nach einer kurzen Sicherheitseinführung wird gemeinsam mit einer Tiertrainerin für den Wolf ein Abenteuerspielplatz vorbereitet. Es werden Leckereien in Laubhaufen versteckt, „Wurstbäume“ kreiert oder Geschenkboxen mit Futter bestückt. 

Wenn alles fertig ist, verlassen die Zweibeiner das Gehege, und Etu darf den ganz persönlichen Spielplatz betreten. Direkt vor dem Zaun stehen Sie quasi in der Ehrenloge und können aus nächster Nähe beobachten, wie Etu die Geschenke auspackt, Laubhaufen durchwühlt oder die Wurststückchen von den Bäumen erntet.

Wissenschaft

Das WSC ist nicht nur Erlebnisort, sondern auch Wissenschaftseinrichtung. Regelmäßig besuchen Schulklassen das Zentrum. Für Gruppen und Firmen gibt es maßgeschneiderte Angebote. An besonderen Abenden wiederum werden Mythen und Sagen rund um den Wolf lebendig – Geschichten, die tief in unserer Kultur verwurzelt sind und beim Knistern eines Lagerfeuers ganz neue Bedeutung bekommen.

Oliver Scheiber

Über Oliver Scheiber

Geboren im Salzburger Pinzgau hat es mich zwecks Studium nach Wien verschlagen. Seit 2004 beim Kurier, zuerst in der Chronik als Producer und Gerichtsberichterstatter tätig, später Chef vom Dienst. Seit 2016 im Ressort Thema, seit September 2020 Ressortleiter.

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