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Weekender: Nordost-Böhmen - Pisten, Powidl und ein Phänomen

Wenn dieses Wochenende beim FIS-Rennen im Riesengebirge wieder Zehntelsekunden entscheiden, fällt vielleicht vor so manchem Bildschirm ein Entschluss: endlich mal Tschechien erkunden.

Von Nicola Afchar-Negad

Prag, ja, das kennt man, es ist quasi ein Synonym für Tschechien – so wie US-Amerikaner Frankreich oder Italien gerne mit Europa gleichsetzen. Kafka, Karlsbrücke, Königlicher Palast – so in etwa. Aber wenn es um den Rest des Landes geht, wird’s oft eng. Budweis inklusive seinem Bier geht sich vielleicht noch aus, Pilsen hat man schon gehört – natürlich. Aber Špindlerův Mlýn – übersetzt Spindlermühle? Vermutlich nicht. Und doch macht genau hier der alpine Skiweltcup Station, am 24. und 25. Jänner treffen sich die Frauen zu einem letzten Kräftemessen vor den Olympischen Spielen. Ein Weltcup-Ort abseits der Alpen, der beweist, dass Wintersport nicht zwingend in ikonischen Höhen stattfinden muss, um ernst genommen zu werden. Die Berge sind niedriger, die Dramaturgie subtiler, der Rahmen weniger poliert – das macht den Wintersport authentisch.

Wer hier, jenseits der Alpen, unterwegs ist, entdeckt keine Verlegenheitslösung– sondern eine eigenständige Wintersportkultur, die lange im Schatten stand und genau dort ihre Stärke entwickelt hat. In Spindlermühle – mit derzeit 27 Kilometer Skipisten – wird zudem modernisiert, ein Großteil des Projekts soll mit Start der Skisaison 2026/27 abgeschlossen sein.

Östlich davon, in Dolní Morava, darf man sich überlegen, ob man sich auf die Sky Bridge 721 – die längste Fußgänger-Hängebrücke der Welt – traut. Noch bis Mitte März gibt es abendliche geführte Schneeschuhwanderungen über die Brücke. Ebenfalls in den Beskiden: Das einst abgeschottete Pustevny (pusty bedeutet so etwas wie einsam, verlassen), in dem das alljährliche Eisskulpturen-Festival noch bis 8. Februar die Betrachter in Staunen versetzt. Das heurige Thema: Märchen. Wie passend!

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Regionale Holzarchitektur, starke Farben, folkloristische Muster: Die Hotels Libusin und Mamenka machen  Pustevny zu einem regelrechten Freiluftmuseum

©IMAGO/Dreamstime/xDreamstimexM-surx vi/imago images

Märchenhaft skurril

Pustevny an sich ist wie ein einziges Freiluftmuseum, die Architektur: sie scheint hier nicht nur dem Wetter zu trotzen, sondern auch der Zeit. Regionale Holzarchitektur, starke Farben, folkloristische Muster und Ornamente, die an den Jugendstil erinnern – insbesondere das Interieur des Restaurants Libusin fällt in die Kategorie: „Das hat man so noch nie gesehen“ und „wie poetisch“.

Tatsächlich denkt man sich das oft, wenn man durch Tschechien reist. Nebelschwaden über der Moldau, holprige Kopfsteinpflaster, Türme, die scheinbar ohne Sinn aus der Landschaft wachsen. Über 2.000 Burgen und Schlösser verteilen sich über das Land, manche auf Hügeln thronend, andere halb verborgen im Wald. Die Teufelsköpfe bei der Gemeinde Želízy (Schelesen)– so etwas wie das tschechische Mount Rushmore – oszillieren zwischen Mystik und Irritation. Malerische Städte wie Český Krumlov oder die Schlossgärten in Kremsier wirken meisterhaft inszeniert.

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So etwas sieht man äußerst selten: Das Interieur des Restaurants Libusin in Pustevny im Osten Tschechiens

©Jakub Stára, Jan Kolar,VMP

Tschechien ist ein Land, in dem Architektur nicht erklärt, sondern erzählt – leise, aber bestimmt. Verwunschen, entrückt, manchmal fast unheimlich, dann wieder vertraut. Märchenhaft nicht im Sinne von glatt oder lieblich, sondern in jener eigentümlichen, leicht skurrilen Art, die lange nachwirkt – wie Geschichten, die man als Kind gehört hat und als Erwachsene plötzlich wiedererkennt.

Wie es sich gehört, gibt es aber auch den Konterpart: Unmissverständliche Industriestädte und konsequent funktionalistische Architektur, wie in der Villa Tugendhat in Brünn oder in der von Schuhfabrikant Bat’a geprägten Stadt Zlin, in der es sogar ein sich auf und ab bewegendes Chefbüro gibt – in einem 6 x 6 Meter großen Lift. Architektur-Ikone Le Corbusier nannte Zlin ein „glänzendes Phänomen“.

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Adršpašsko-Teplické skály – die Felsenstadt im Norden Tschechiens. Viele Felsen haben Namen wie Liebespaar
oder Rübezahls Zahnstocher

©Jakub Stára

Czech that out!

Ob lieblich oder streng: über das ganze Land hinweg wabert der heimelige Geruch von Powidl – und natürlich Malz, sprich: Bier. Das Symbol schlechthin, es verbindet das klischeehafte Tschechien mit dem modernen, überraschenden. Ein Land, das letzten Dezember erstmals mit einer eigenen Guide-Michelin-Ausgabe bedacht wurde, in dem diesen Jänner ein luxuriös anmutender Wellness-Park (Melori aqua & spa in Dolní Morava) eröffnet und Musik- und Kunstfestivals für Social Media-Postings noch und nöcher sorgen.

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Eine Schnee- Achterbahn? Nein, der spektakuläre Stezka Valaška bei Pustevny: ein Aussichtsturm 

©Imago images/despositos images

In der ehemaligen Stahl-Stadt Ostrava wurde das Industriedenkmal Dolní Vítkovice – ein ehemaliges Eisenwerk aus dem 19. Jahrhundert zur Bühne für Tschechiens größtes Musikfestival Colours Of Ostrava, das jedes Jahr (heuer: 15. bis 18. Juli) zehntausende Besucher zwischen ehemaligen Erzförderbändern tanzen lässt. Einmal fast komplett quer durchs Land (von Ost nach West) und man landet in Pilsen, wo für 19. bis 21. März das Blik- Blik-Festival avisiert ist, vom Timing her ein Frost- zu Frühlingsfest. Es geht um Lichtinstallationen und Kunst im öffentlichen Raum. Kreativdirektor Jiri Suchanek ist nicht nur ein Botschafter der Kunst, sondern auch seiner Stadt, wenn er sagt, Pilsen habe sich von einer Industriestadt „zu einem kreativen, sehr lebenswerten Ort“ gewandelt. Sein Zuhause stehe für Fußball, Frieden – und Bier. Am Erbe der über 180-jährigen Geschichte von Pilsen Urquell festzuhalten, finde er durchaus gut, er spricht davon, wie authentisch dieses Image sei.

3 Kuriose Fakten

3 Kuriose Fakten

Wussten Sie dass... 

…  jedes Jahr im Mai die Kursaison in Marienbad, Franzensbad und Karlsbad feierlich eröffnet wird? 

… man in einem Schloss übernachten kann? Etwa im Chateau Mcely in Mittelböhmen.

... der tschechische Schriftsteller Karel Čapek das Wort „Roboter“ erfunden hat? Und zwar 1921.

Kein Wunder also, dass die Brauerei vor einigen Jahren Teil des Festivals wurde. Alt und neu eben, Klischee und Aufbruch. Tschechien sei sicher, habe eine stabile Wirtschaft und Politik, fasst Suchanek zusammen und ergänzt: „Vielleicht etwas zu stabil. Manchmal vergleiche ich unser Land scherzhaft mit Tolkiens Auenland.“ Dieses Gleichgewicht zwischen Ruhe und Lebendigkeit zeigt sich überall – man muss nur los starten, um es zu erleben.

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 Malerische Städte wie Český Krumlov prägen das Bild Tschechiens abseits von Prag

©Shutterstock / Natalia Deriabina

Wer nicht auf Skirennen oder Festivals warten möchte, um Tschechien neu zu spüren, sich vom Unbekannten necken zu lassen, fährt am besten zum Eislaufen auf den Moldaustausee, eine der größten präparierten Natureisflächen Mitteleuropas – nur unweit der österreichischen Grenze. Je nach Witterung bis zu 11 Kilometer! Oder aber man verliert sich in der pittoresken Altstadt von Brünn, von Wien sind das gerade mal knapp zwei Stunden mit dem Auto. Wer von hier retour kommt, wird mit ziemlicher Sicherheit von Freunden interviewt werden: „Warum gerade Brünn?“

Und die Antwort kann nur sein: Brünn – genau wie das ganze Land – ist wie ein guter Trick: Man ahnt nicht so wirklich, was kommt, und staunt am Ende umso mehr.

Ich packe in meinen Koffer ... 

  •  Die Ski- oder Langlaufausrüstung.
  • Das Buch „Gebrauchsanweisung für Bier“ von Jaroslav Rudiš (Tipp: 9.2. Lesung in Graz)
  • Eine starke  Powerbank – man ist doch sehr viel im Nirgendwo unterwegs.
     

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