Sportgastein: Off-Piste-Tipps aus dem Freeride-Paradies
Gasteiner Tal. Zuerst wollen Eltern, dass ihre Kinder Ski fahren können. Wenn sie dann aber über die (Pisten-)Grenzen hinaus wollen, wissen Mama und Papa oft nicht, wie man seinem skinarrischen Kind ins Gelände folgen kann. Ein paar Off-Piste-Tipps aus dem Freeride-Paradies Sportgastein.
Der Zwölfjährige lauscht seinem Freeride-Skilehrer: „Okay, Vali, wir fahren jetzt diesen Hang. Der Schnee schaut super aus, suchen wir uns als Erstes die richtige Linie.“ Der Blick des Zwölfjährigen wandert vom Skilehrer zum eigenen Vater, dann skeptisch jene „richtige Linie“ den Hang hinunter, bis er stockt. „Ja genau, Vali, siehst du, da vorne, da ist eine blinde Kante, an der müssen wir abchecken, ob dahinter Steine oder Löcher sind.“ Sei aber kein Problem, es fallen zum wiederholten Mal die Schlagworte voller Sohlenstand und aktives Fahren und schon schwingen Skilehrer und der Zwölfjährige durch den unverspurten Schnee abseits der gesicherten Piste.
Axel Halbhuber und Lea Moser aus dem KURIER-Reise-Team sprechen im Reisepodcast Stadt.Land.Meer. über Reise- und Urlaubsziele - im Fokus steht immer ein Land, eine Region oder eine Stadt.
Auch in diesem Winter werden wieder einige Väter und Mütter an die Grenzen ihres skifahrerischen Könnens stoßen, wenn ihre teenagerhaften Kids sich auf dem Schnee austoben wollen. Man ist ja selbst schuld, man wollte, dass das Kind ordentlich Ski fahren lernt, jetzt kann es das halt und man kommt den Geistern, die man rief, nicht mehr nach. Zuerst erhöht der Spross das Tempo über die elterliche Komfortzone hinaus, und irgendwann wird die normale Piste zu fad. Spätestens dann müssen Papi und Mami das Kind ziehen lassen oder sich selbst mit Gesetzmäßigkeiten des „Off-Piste“-Fahrens auseinandersetzen, zu dem die Kids ohnehin nur mehr „Freeriden“ sagen.
„Off-Piste ist alles abseits der kontrollierten Hänge. Sobald du fünf Meter neben der Piste bist, bist du nicht mehr im gesicherten Skiraum.“
Daher ist Helmut Schulz für den zwölfjährigen Valentin auch gleich ein Star. Der Gasteiner ist selbst passionierter Freerider und führt ihn gerade in die Welt neben der Piste ein: „Off-Piste ist alles abseits der kontrollierten Hänge. Sobald du fünf Meter neben der Piste bist, bist du nicht mehr im gesicherten Skiraum – da liegen Steine, da gibt es Klippen, Bäume, Löcher ... alles Mögliche, gegen das man fahren kann oder in das man stürzen kann.“ Der Zwölfjährige scheint beeindruckt und etwas verunsichert, Helmut Schulz setzt nach: „Daher überlegst du, wenn du aus der Piste fährst: Wo will ich fahren – je nach Sonneneinstrahlung und der Exposition, also der Hangausrichtung nach Nord oder Süd, ist der Schnee anders. Manchmal weicher, manchmal härter.“ Der Gesichtsausdruck Valentins zeigt sein Interesse, aber auch den Satz: Ich wollte doch nur ein bisserl in den Tiefschnee fahren.
Was man ein Mekka nennt
Um das allerdings gefahrlos tun zu können, muss man einiges darüber wissen. Im Gasteiner Tal hat man sich auf das Freeriden im Allgemeinen und auf freeridende Kids im Besonderen spezialisiert. Das sieht man an den Schulen mit Ski-Schwerpunkt, das sieht man an der ORF-Serie „School of Champions“, die hier gedreht wird (die 3. Staffel soll Anfang 2026 ausgestrahlt werden) – und das sieht man an den vielen Spezial-Kursen, die Skischulen und Camps zu dem Thema anbieten.
Die Struktur des Tals ist besonders, weil es aus vier unabhängigen Skigebieten besteht, die durch eine dichte Bus-Infrastruktur verbunden sind. Mit Liften will man sie nicht verbinden – zumindest nicht mehr, erklärt der Vorstand der Gasteiner Bergbahnen, Andreas Innerhofer: „Da gab es bei vielen Bergbahnen in den vergangenen Jahren ein Umdenken. Man will die bestehenden Flächen noch besser nutzen, statt zusätzliche zu verbauen.“ Denn um die Skigebiete des Tals zusammenzuhängen, müsste man viel Natur opfern.
Und die Skifläche pro Person sei extrem groß: „Wir haben im Jahr knapp 900.000 Erstzutritte und wesentlich weniger Dichte auf der Pistenfläche als andere Skigebiete“, wirbt der Bergbahner. Die Strategie gehe viel mehr zur Umweltverträglichkeit, wo den Gasteinern ein Erfolg gelungen sei: Die CO2-Belastung wurde mit heuer von 2,4 Kilogramm pro Person und Skitag auf 0,6 Kilogramm gesenkt – wie ist das möglich? „Vor allem, weil wir beim Fuhrpark zur Pistenpräparierung von Diesel auf HVO-Kraftstoff umgestiegen sind. Aber auch durch massiven Ausbau von Photovoltaik-Anlagen.“ HVO steht für „hydrotreated vegetable oil“ und meint die Verwendung von bereits verwendeten Pflanzenfetten.
Der höchste Punkt der Gasteiner Skigebiete ist die Bergstation von Sportgastein, an der Helmut Schulz Valentin und dessen Schwester gerade mit der Sicherheitsausrüstung vertraut macht, beide stochern und graben freudig im Schnee herum.
„Wir balancieren das Gewicht aus. Die Skistellung ist eher schmal, das Körpergewicht gut verteilt, Ferse und Zehen sind gleichmäßig belastet.“
Wissen ist Sicherheit
„Solange man auf geöffneten, offiziellen Skirouten unterwegs ist, braucht man nicht zwangsläufig eine Lawinenausrüstung. Auch nicht auf Hängen zwischen den Pisten im Skigebiet“, sagt Schulz und bemüht sich um einen strengen Ton Richtung Valentin: „Aber sobald du in steile Tiefschneehänge fahren willst, müssen Lawinen-Pieps, Schaufel und Sonde immer dabei sein!“
Geht es nach den beiden Kids, geben sie Sonde und Pieps ab jetzt sowieso nicht mehr her.
An der Bergstation erklärt Schulz auch die Tafel mit den Lawineninformationen: „Wenn man aus der Piste fährt, muss man immer die Schneesituation, das Gelände, das Wetter kennen.“ Daher beginne die Vorbereitung immer schon daheim, weil man sich den Lawinenlagebericht anschauen muss. „Ich muss mir überlegen: Wohin fahre ich? Und mit wem?“ Denn Freeriden gehe man nie allein, weil sonst keiner da ist, der im Notfall Hilfe holen kann.
Ein paar Tipps und – teils schon fesche – Tiefschneeschwünge weiter hangabwärts zweigt der Freerider recht unvermittelt aus der Piste ab und zieht unter einer respektablen Felswand gut zweihundert Meter in einen steilen Hang voll hohem Schnee. Der Zwölfjährige folgt ohne Zögern (allerdings sieht der skeptische Vater dahinter auch nicht seinen Gesichtsausdruck). Weit weg von der präparierten Piste positioniert sich Helmut zur Erklärung: „Da fahren wir jetzt runter.“ Aha. „Aber ich wollte euch auch die Stelle da oben zeigen, seht ihr das Schneeband im Felsgrat?“ Er erwartet keine Antwort. „Sportgastein ist auch so ein Freeride-Mekka, weil man mit dem Lift so viele Varianten erreicht.“ Varianten im Sinn von: Abweichungen zu pistengesichertem Skifahren, denkt der Vater. „Man kann gut mit den Skiern in das Gelände queren, so wie hier, und wenn man da ein bisschen hinaufstapft, hat man auf der Rückseite des Kamms eine gut tausend Höhenmeter lange Freeride-Abfahrt.“ Die wir ja jetzt hoffentlich nicht in Angriff nehmen, denkt der Zwölfjährige, erkennbar an seinen weit aufgerissenen Augen.
Aber Schulz dreht sich dankbarerweise Richtung Tal. „Okay, Vali, suchen wir uns wieder die richtige Linie. Da geht es steil hinunter, aber ohne Probleme.“ Heißt: Keine blinde Kante, keine Steine, keine Löcher. Aber weicher Schnee, weil: Exposition Süd. Der Kenner wiederholt noch einmal für den Tiefschnee-Novizen die richtige Stellung auf den Ski: „Auf der Piste legen wir das Gewicht mehr auf den Tal-Ski, aber im Gelände sinken die Ski so unterschiedlich tief ein.“ Deswegen verteilt man es hier gleichmäßiger. „Wir balancieren das Gewicht aus, um mehr Auftrieb zu erzeugen: Die Skistellung ist eher schmal (Füße zusammen), Ferse und Zehen sind gleichmäßig belastet“ – der volle Sohlenstand. Nicht zu viel nach vorne oder hinten lehnen, zentral mittig auf dem Ski stehen. Der Zwölfjährige probiert – im steilen Hang – herum, lehnt sich vor und zurück. Schulz scheint zufrieden und setzt fort: „Und jetzt leicht mit dem Schienbein gegen den Schuh drücken, damit du Richtung geben kannst.“ Also mittig mit leichter Tendenz nach vorne. „Und jetzt noch in die Knie gehen und aktiv fahren: Mach eine Hoch-Tief-Bewegung, dann kannst du leichte Unebenheiten besser ausgleichen.“
Infos
Anreise Gastein ist perfekt für autofreie Anreise, mit Zug z. B. ab Wien ab 4:13 Std./1 Umst., oebb.at. Im Tal gibt es dichte Bus-Infrastruktur.
Freeriden lernen Das Gasteiner Tal hat einige Angebote dazu, z. B.:
– Freeride Tag ab 119 €/P. in offener Gruppe von Anfänger (bedeutet: Parallelschwung auf roter Piste wird beherrscht) bis Profi oder auch Privatstunden, freeride-gastein.com
– Camp Sandra Lahnsteiner-Wagner für Fortgeschrittene: Package für 3 Tage inkl. Quartier, HP, Lift ..., 1.245 €/P., shades-of-winter.com
2.650 Meter Seehöhe
So hoch reicht Sportgastein (damit höchster Punkt der „Ski amadé“), das zwar nicht groß, aber über der Baumgrenze ist – und damit viele freie Hänge bietet. Daneben gibt es die Skigebiete Dorfgastein/Großarl und Schlossalm/Angertal/Stubnerkogel. (Bergstationen alle über 2.000 Meter.) Der Graukogel steht eher still. skigastein.com
Auskünfte gastein.com
Wer so viel Anweisungen befolgt, sieht nicht elegant aus. Mit einem Schnaufen fährt der Zwölfjährige los, der Vater findet den Hang jetzt tendenziell doch zu steil. Aber mit guter (Vater findet: perfekter) Balance setzt Valentin einen makellosen Schwung in den Tiefschnee, geht in die Knie (höchst aktiv) und setzt in den Gegenschwung um. Das geht noch zwei Schwünge lang gut, im steilen wird man halt auch schneller, aber wenn man fällt, dann fällt man im Tiefschnee wenigstens weich.
Nach drei Stunden ist jegliche Kraft aufgebraucht. Freeriden ist – vor allem am Anfang – extrem anstrengend. „Das schaut schon gar nicht schlecht aus, Valentin“, schließt Helmut Schulz die erste Einheit. Der Zwölfjährige grinst, er hat sein neues Terroir gefunden.
Am Abend ist er so müde, dass er es nur mehr mit viel Mühe schafft, „Freeride-Ski Kids“ zu googeln.
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