Perth in Australien

Perth in Australien: Davor der Ozean, dahinter das Outback

Eine Stadt wie Perth entdeckt man am besten von ganz oben. Zu seinen coolen Attraktionen gehört eine Klettertour auf dem vermutlich schönsten Stadion der Welt. Und das ist nur der Anfang einer aufregenden Reise.

Das Optus Stadion in Perth wirkt wie ein überdimensionierter Kunstgegenstand am Swan River – ein ovaler Körper aus Holzlamellen, Bronze und LED-Licht, der abends heller leuchtet als jeder Sonnenuntergang. Der Guide, der mir das Klettergeschirr übergibt, grinst bloß auf meine Frage, ob mich oben auf dem Dach wohl mehr die Schönheit der Aussicht oder die nackte Angst überwältigen werde. Der Gurt sitzt, der Karabiner klickt, die Treppe schwingt. Mit jedem Meter nach oben verschwinden die Geräusche der Stadt, nur das klack-klack des Sicherheitsseils bleibt. Oben: Wind, Weite, die Perth wie einen Modellbausatz aussehen lässt. Der Swan River glänzt wie eine gebogene Klinge, die Matagarup Bridge gleicht einer silbernen Doppelschleife, dahinter die hoch aufragenden Türme des CBD. Auf dem transparenten Ausleger über dem Stadionabgrund, gehalten nur von einem Seil aus Stahl, spüre ich für einen Moment eine gewisse Schwerelosigkeit – und frage mich parallel, ob ich meine Eingeweide noch unter Kontrolle habe. Erst als ich wieder sicher auf dem Boden stehe, kann ich genießen: Das Stadion ist mehr als moderne Architektur. Es ist der perfekte Auftakt in einer Stadt, die sich seit zwanzig Jahren neu erfindet.

Perth war lange stolz darauf, die abgelegenste Metropole der Welt zu sein. Zwei Millionen Menschen zwischen Outback und Ozean, breite Straßen, viel Raum, viel Himmel, mehr Sonne gibt es in ganz Australien nicht. Auch in Sachen Grünflächen spielt Perth in Liga eins: Das Erste, was mein Guide am Eingang des „Kings Park“ – einer Mischung aus Botanischem Garten, gepflegtem Park und Buschland – zu mir sagt, lautet: „Das hier ist größer als der Central Park in New York!“ Bämm. Das ist die Benchmark, die Kate von „The Hike Collective“ an diesem Tag immer wieder einfließen lässt. Der Kings Park ist tatsächlich stolze vierhundert Hektar groß und damit einer der größten Stadtparks auf der ganzen Welt. Der Botanische Garten nimmt allein siebzehn Hektar davon ein. Wanderer, Schlenderer oder Picknicker: Hier sind alle willkommen. Highlight: Zum Park gehört ein interessanter Shop, der deutlich mehr als den üblichen folkloristischen Trödel vergleichbarer Läden zu bieten hat.

Neu ist, dass Perth seit einigen Jahren mit Hochdruck daran arbeitet, jünger, urbaner und cooler zu werden. Das zeigt sich an den vielen Bars, Cafés und den erstaunlich offenen, freundlichen Museen.

Stadtstrände und Künstlerviertel

Regelmäßig wird Perth in der Liste der zehn lebenswertesten Plätze der Welt gelistet, allein die neunzehn (!) Strände mitten in der Stadt dürften bei dieser freundlichen Einschätzung eine Rolle spielen. Und natürlich Fremantle, die berühmte Künstler- und Kreativen-Enklave. Hier gehören Surfer wie Didgeridoo-Bläser zum Straßenbild – und das nicht bloß am Cottesloe-Beach, dem beliebtesten Strand der gesamten Region. Fremantle liegt an der Westküste an der Mündung des Swan River etwa fünfzehn Kilometer vom Stadtzentrum von Perth entfernt. Hier wirkt alles jung und ansteckend turbulent. Ein Tipp: die „Fremantle Markets“ zwischen Freitag und Sonntag. Hier gibt’s ein nahezu ramschfreies Angebot aus Design, Kunst, Antiquitäten und Fashion. Überall haben sich hier auch Street-Art-Künstler der besseren Kategorie an Häuserwänden und Mauern versucht – es lohnt sich also, einfach mal ziellos durch die Straßen von Perth zu laufen.

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©Sabine Braun

Dass die Stadt inzwischen für kreatives Design und stabile Ausgehkultur gilt, liegt aber auch an Paradiesvögeln wie Clint Nolan. Er mag das Wort „Nightlife-Mogul“ nicht, doch wer in Perth nachts unterwegs ist, kommt an ihm nicht vorbei. Zehn Bars und Restaurants gehören aktuell zu seinem Imperium, und alle sind sie kreativ gestaltet und extrem angesagt.

Angefangen hat noch alles recht bodenständig: Clint ist Koch, wächst in Perth auf, arbeitet später in Sydney – und kehrt um 2000 herum zurück, als Western Australia die Lizenzgesetze lockert. Kleine Bars werden plötzlich erlaubt, und Clint reagiert sofort: erst ein Mini-Cocktailbarprojekt, dann das mexikanische „La Cholita“. Perth verändert sich – und Clint baut die passenden Bühnen dafür.

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©Ralf Gellert

Während er die Nächte prägt, gestaltet Brittany Garbutt den Tag. Oder die Stunden dazwischen. Sie ist zweiunddreißig, Branding-Profi, Ex-Fotografin – und die inoffizielle Königin der rosa Brezel. Geboren in Johannesburg, aufgewachsen in Perth, erfindet sie ihr Start-up „Pretzel“ zunächst eher zufällig: ein pinker Container in Northbridge, als futuristischer Zuckerwürfel mitten in der Stadt. Eigentlich wollte sie das Konzept an eine Freundin verkaufen, doch die verschwindet nach Kanada – und Brittany bleibt zurück, mit einem Laden, der einschlägt wie eine rosa Bombe. Heute gehören ihr mehr als zehn Läden mit fast dreihundert Beschäftigten, alles eigenfinanziert. „Erfolg ist nicht von Dauer, Misserfolge aber auch nicht das Ende“, sagt sie. Eine pragmatische Gelassenheit, die man in Perth häufig antrifft.

Groß und intim zugleich

Perth dehnt sich aus, Platz ist reichlich vorhanden – vor allem für Ideen, die in Melbourne oder Sydney unter Konkurrenzdruck zerbröseln würden. Der Elizabeth Quay etwa glitzert wie ein neu gekauftes Schmuckstück: Cafés, Restaurants, Skulpturen, erbaut mit viel Geld aus Minen und Erz. Doch zugleich wirkt die Stadt entspannter, toleranter, experimentierfreudiger denn je. Brittany sagt: „Früher musste jeder Antrag durch fünfzehn Kommissionen. Heute darf sogar ein pinker Container vor einem Museum stehen.“ Clint wiederum betrachtet Perth aus der Perspektive eines Mannes, der lange Zeit viel zu früh nach Hause gehen musste. „Noch vor zwanzig Jahren war es hier sehr ruhig“, sagt er. „Kaum gute Spots nach Küchenschluss.“ Heute ist fast jeder Vorort in Perth eine Wundertüte: Winebars, Streetfood, Mikrobrauereien. Er vergleicht: „Sydney ist der poshe große Bruder. Melbourne der grungy kleine, der nur Kaffee trinkt. Perth ist entspannter, langsamer, mehr draußen – und die Gastronomie ist noch jung.“

Später stehe ich vor „Sneaky Tony’s“, der Rum-Bar mit Passwort. Jeder muss den täglich wechselnden Code sagen, möglichst keiner dabei lallen. Ein Marketinggag, ein Sozialexperiment, ein Türsteherersatz – und plötzlich spricht man miteinander. So funktioniert Perth: groß in der Fläche, überraschend intim im Detail.

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©Grafik

Am nächsten Morgen kehre ich noch einmal zum Optus Stadion zurück, weil ich dort auch das Matagarup Zip+Climb-Event ausprobieren will, eine vierhundert Meter lange Seilrutsche über den Swan River. Und spüre: Dieses Stadion ist für mich das Sinnbild für eine Stadt, die es sich erlaubt, groß zu denken, ohne Sydney oder Melbourne nacheifern zu wollen. In einer Hinsicht hat man bereits die Nase vorn: Das Optus Stadion wurde 2019 beim internationalen Architekturpreis Prix Versailles als schönstes Stadion der Welt ausgezeichnet. Ein Anfang.

Zum Schluss ein Hinweis für die Zweifler, die lieber gleich nach Melbourne oder Sydney an die Ostküste Australiens wollen: Perth ist die erste australische Stadt, die man aus Europa einfliegend, erreichen kann. Für die Akklimatisierung in Down Under wäre es also ideal, hier einen mehrtägigen Stopover einzulegen, bevor man noch einmal fünf Stunden weiter an die Ostküste fliegt. Nur mal so erwähnt…

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