46-222040039

Ein Tanz mit dem Wind: Paragliden in den Schweizer Alpen

Die Region Interlaken im Berner Oberland geizt nicht mit erlebnisreichen Outdoor-Aktivitäten. Als Top-Reiseziel für Paragliding Flüge ist sie weltbekannt. Grund genug, es erstmals selbst zu probieren.

Von Stefan Geist

Da stehe ich nun, auf dem Balkon des dreizehnten Stockwerks meiner Unterkunft. Von hier bietet der Ausblick ein beeindruckendes Panorama auf die Berggipfel, die um Lauterbrunnen und Grindelwald in die Höhe ragen. Jedoch verschleiert der Nebel an diesem Morgen die Sicht auf nahezu alles. In wenigen Stunden soll mich hier, im Zentrum von Interlaken, ein Gleitschirm durch die bodennahe Wolke manövrieren. So die Theorie. Mithilfe positiver Affirmationen versuche ich mich zu entspannen und meine Nervosität abzulegen. „Heute wird ein großartiger Tag. – Ich habe keine Angst. – Du schaffst das.“

Warm eingepackt mache ich mich auf den Weg zum Treffpunkt. Dort angekommen, wird in aller Kürze das Prozedere erklärt und die Ausrüstung überprüft. Neben ausreichend warmer Kleidung ist vor allem festes Schuhwerk Pflicht.

Keine Blindflüge

Wenige Augenblicke später rollt der Bus an, der alle Teilnehmer zum Startplatz am Beatenberg führt. Mit den erfahrenen Piloten und dem Equipment voll beladen geht es den Hang hinauf. Mit jeder Biegung öffnet sich der Blick weiter, bis das Tal mit seiner dicken Nebeldecke tief unter uns liegt. Darüber thronen die Almen, eingefroren in der Stille. Viel Zeit bleibt nicht, die bildhaft schöne Landschaft zu genießen, da sich jetzt die Piloten vorstellen. Eine gut gelaunte Truppe, die wirkt, als hätten sie den Job angenommen, um draußen zu sein und Leute zum Lachen zu bringen – irgendwo zwischen Skilehrer-Charme und Surfer-Gelassenheit. Neben Flugdauer- und Route erfahren wir an dieser Stelle auch, dass der Landeplatz auf ein erhöhtes Plateau verlegt wird und Gleitflüge unter keinen Umständen durch Wolken oder Nebel, also im Blindflug, stattfinden.

Jeder Teilnehmer zieht nun ein Kärtchen mit dem Namen seines professionellen Flugbegleiters. Ich ziehe Richard. Richard fehlen noch zwei unfallfreie Flüge, bis er seinen Paragleiterschein erhält, erzählt er schmunzelnd. Nach seinem Witz ist das Eis sofort gebrochen und mir wird klar, dass ich in guten Händen bin.

Erst laufen, dann fliegen

Oben angekommen, geht es zu Fuß weiter über einen schmalen Pfad, der sich durch den Wald schlängelt, bis wir eine flach abfallende Wiese erreichen. Hier breitet Richard den Schirm mit routinierten Handgriffen aus, sortiert die Leinen und hilft mir mit dem Gurtzeug. Vollbepackt wie zwei Weihnachtsmänner stehen wir nun da, vor mir das Tal, eingerahmt von den majestätischen Bergen. Das Bevorstehende lässt meine Knie etwas weich werden. Ich fokussiere mich noch einmal voll auf die letzten Anweisungen meines Instruktors im Rücken. „Vierzig Meter schnell rennen – den Körper dabei weit nach vorne verlagern – noch ein Stück weiterlaufen, auch wenn sich die Füße vom Boden lösen – genießen – mehr ist es nicht.“ Er gibt mir klare Kommandos ins Ohr.

Ein gelb-roter Gleitschirm schwebt über einer Person auf einem Hügel mit Blick auf verschneite Berge.

Die ersten Schritte sind zäh, dann füllt sich der Schirm mit Luft und man hebt ab.

©Duygu Özkan

Wir beginnen zu laufen, die ersten Schritte noch zäh und schwer, als wäre der Gleitschirm weit hinter uns am Boden festgenagelt. Dann aber kommt Fahrt auf und ich spüre, wie sich der Schirm mit Wind füllt und bald über unseren Köpfen aufsteigt. Wir heben ab, gewinnen schnell an Höhe. Adrenalin strömt durch meinen Körper und ich fühle mich plötzlich extrem wach und geladen. Angst verspüre ich keine, es ist eine positive Aufregung, die mich erfasst. Mein Blick wandert schnell von links nach rechts, von oben nach unten. Ich möchte all die Schönheit der Natur und deren Elemente aufnehmen, während die Bäume, Bauernhäuser und Wege unter uns immer kleiner werden. Richard steuert uns sanft in alle möglichen Richtungen und lenkt damit die Aufmerksamkeit gekonnt auf neue faszinierende Blickwinkel. 

Hoch über den Wolken

Am Horizont zeichnen sich Eiger, Mönch und Jungfrau mit ihren rund 4.000 Metern deutlich von ihrer Umgebung ab. Dahinter die gerade erst aufgehende Sonne, die das Tal um Interlaken und seinen angrenzenden Seen mit Licht flutet. Der Thuner- und der Brienzersee würden aus dieser Vogelperspektive ein fantastisches Bild abgeben. Doch der Nebel legt heute ein dickes Band über sie, was die Stimmung aber keineswegs trübt. Richard, der hinter mir mit seinem köstlichen Schweizer Charme wie ein Wasserfall mit mir redet und seinen „Arbeitsplatz“ im Stil eines gut gelaunten Animateurs vorstellt, greift jetzt zu seiner Actionkamera und bittet mich kurzerhand die Steuerleinen zu übernehmen. Klar, wieso nicht, denke ich mir. In wohliger Sicherheit wiegend lenke ab diesem Moment ich das Fluggerät. Mein Grinsen wird immer breiter. Glücksgefühle strömen durch meinen ganzen Körper. Eine Mischung aus Leichtigkeit, Wärme und innerer Ruhe.

Info

Anreise Mit dem Zug direkt von  Wien nach Zürich (oebb.at), über Thun nach Interlaken (sbb.ch.).  Im Swiss Travel Pass sind Fahrten mit Bahn, Bus und Schiff in der ganzen Schweiz inkludiert.

Paragliding paragliding-interlaken.ch

Unterkunft metropole-interlaken.ch

Auskunft switzerland.com

Bereit zur Landung

Wir nähern uns langsam dem Erdboden und Richard übernimmt wieder das Steuer. Auf Nachfrage fliegt er nun etwas dynamischere Manöver wie den sogenannten „Wingover“, bei dem der Pilot den Schirm in immer größere, pendelartige Kurven bringt und große Schräglagen entstehen. Wenige Meter oberhalb des Nebels setzt er nun zur Landung auf einer Waldlichtung an. Hier ist noch einmal kurz meine Mitarbeit gefragt. Die Beine lotrecht und in der Luft rudernd nähern wir uns dem Boden. Ein paar schnelle Schritte nach vorne – der Paragliding-Schirm reagiert sofort, wird langsamer, weicher. Die Luft ist draußen und das reißfeste, synthetische Gewebe fällt schließlich vor uns in sich zusammen. Euphorisiert gebe ich Richard ein High Five. Nach diesem Flug hat mich das Fieber gepackt und mir ist klar – das war nicht mein letzter Paragliding Flug.

Kommentare