Nach dem Kreuzbandriss: Wie ich zum zweiten Mal Skifahren lernte
Wie kehrt man nach Sturz und OP zurück auf die Piste? In den Kärntner Nockbergen lernte die Autorin zum zweiten Mal das Skifahren.
Ich hätte mir keine besser Gruppe aussuchen können: Drei Hobbyskifahrer, alle bereits etwas lädiert. Der eine kurz vor der Pension und mit zwei künstlichen Hüftgelenken, die andere mit ebenfalls ramponierten Knien, und ich, Ende zwanzig, zum ersten Mal seit meinem Kreuzbandriss vor einem Jahr wieder auf der Piste. Wobei, ganz stimmt das nicht: Mein erster Wiedereinstieg war am Kinderskilift in Innsbruck-Igls am 1. Jänner. Aber da war der flache Hang nach ein paar Schwüngen schon wieder zu Ende. Hier, in der Heimat des Ski-Idols meiner Eltern, Franz Klammer, in Bad Kleinkirchheim, sind die Pisten um einiges länger – und furchteinflößender.
Mehrere Jahre lang bin ich nicht mehr auf der Piste gestanden, der letzte Skiurlaub war noch mit meinen Eltern und liegt weit zurück. Im Vorjahr habe ich mir die Ausrüstung von einer Freundin ausgeborgt, die Skier nicht auf mich eingestellt. Vielleicht war ich zu übermütig, weil ich’s doch nicht verlernt hatte; vielleicht war es die tolle Aussicht auf die verschneite Nordkette über Innsbruck. Jedenfalls beendete ich die letzte Abfahrt am Glungezer Gletscher im schönen Tirol mit einem eigentlich recht unspektakulären Sturz, der mein linkes vorderes Kreuzband forderte. In der Notfallambulanz, zwischen mehrheitlich anderen Skifahrern, riet mir der Arzt zu einem MRT. Die Diagnose: Kreuzbandriss.
Ein Jahr später will ich in den Kärntner Nockbergen das Skifahren wieder lernen. Ich hab Glück mit meiner Gruppe – rasende, risikowütige Skirennfahrer sind das letzte, was ich gerade brauche.
Ganz viele Kniebeugen
In der Vierersesselbahn geht es den Berg hinauf – diesmal mit auf mich eingestellten Skiern. Und professioneller Begleitung: Karin von der Ski- und Sportschule Krainer, die mittlerweile vom Snowboarder Adrian Krainer, Olympia-Teilnehmer in Sotschi 2014, geleitet wird, sitzt mit uns im Lift.
Geschickt lenkt sie mich von meiner aufkommenden Aufregung ab, wir sprechen über die Schneeverhältnisse: Naturschnee gab es bis Ende Dezember auch in Bad Kleinkirchheim wenig, "wir rechnen damit, dass Ende der Saison wieder viel kommt." Vier Speicherseen und Schneekanonen sorgen trotzdem für optimale Pistenverhältnisse in Bad Kleinkirchheim und Sankt Oswald, zwei der Seen sieht man vom Berg aus. Die Pisten sind nicht eisig, sondern schön präpariert, verspricht Karin.
Oben am Berg beginne ich mit Aufwärmübungen, wie sie mir mein Papa einst eingeschärft hat – Arme kreisen, Kniebeugen. Letztere sind zu meinem täglichen Begleiter geworden. Zehn Tage nach meinem Unfall war ich bereits operiert, bin mit Krücken nach Hause gehumpelt. Und wenige Tage später zum ersten Mal zur Physiotherapie. Wie schnell Muskelmasse verloren geht und wie eingeschränkt man sein würde, war mir vor der OP nicht bewusst. Auf Empfehlung eines Freundes war ich bei der besten Physiotherapeutin, die ich mir vorstellen konnte, gelandet; sie hat mir schon kurz nach der OP tägliche, kleine Übungen aufgegeben. Ein Gamechanger, wie ich heute weiß. Ohne Kniebeugen würde ich heute nicht schon wieder auf der Piste stehen.
Ich bin konzentriert, bis in die Zehenspitzen, führe jede Bewegung bewusst aus. Nach hinten setzen, Tal-Ski belasten. Ich fühle mich etwas steif, aber fahre in gemäßigtem Tempo hinter Karin her. Einen Schwung nach dem nächsten.
Die Autorin lernte hier vor 22 Jahren schon einmal das Skifahren, damals noch mit Maskottchen "Nocki".
©Ferstl CarolineDamals noch mit Nocki
"Trau dich ruhig, lehn’ dich noch etwas mehr nach vorne. Dann gelingt das Drehen der Skier besser." Karin stoppt regelmäßig, wir warten am Rande der Piste zusammen. "Passt’s?" Ich nicke.
Weiter geht’s. Ich fahre vorsichtig, auf Sicht, könnte man sagen, hüte mich vor Hügeln und tiefen Schneefeldern. Doch die Verhältnisse sind top, als wüssten Berg und Schnee, dass hier eine Wiedereinsteigerin das Vertrauen wiederfinden muss.
Das Leben hält manchmal Zufälle bereit, mit denen man nicht rechnet. Hier in Bad Kleinkirchheim, bei der Skischule Krainer, hab ich vor über zwanzig Jahren schon einmal das Skifahren gelernt. Damals war ich in der Gruppe "Rasselbande", das Maskottchen noch ein Murmeltier und hieß Nocki. Heute heißt es Bobo und ist ein Pinguin. Die Urkunde meines ersten Skikurses, mit Foto und Medaille, hab ich immer noch. Und so lerne ich heute hier zum zweiten Mal das Skifahren.
Ich fahre weiter, die Pisten hinab. Die Hänge sind ideal, breit, nicht zu steil, schwarze Pisten lassen sich leicht umfahren. Ich bin bis zur letzten Abfahrt konzentriert – da besonders. Im Kopf weiß ich, wie schnell ein Unfall passieren kann – und wie mühsam der Weg zurück ist. Doch zwischenzeitlich finde ich auch wieder diese Freude, die ich beim Skifahren doch immer verspürt habe.
Zur Belohnung gibt es einen herrlichen Kaiserschmarren in Trattlers Einkehr, einem urigen, hölzernen Gasthof am Fuße der Piste. In Kärnten hab ich mich zurück auf die Piste getraut, und ich nehm mir vor: Demnächst versöhne ich mich auch mit Tirol.
Zur Belohnung gibt es einen Kaiserschmarren in Trattlers Einkehr.
©PrivatInfos
Anreise mit dem Zug ab Wien nach Villach in 3 Std. 34 Min., oebb.at.
Wiedereinsteiger-Aktion "Skifahren lernen in 3 Tagen": In Kleingruppen mit Skilehrer und maximal zu acht, zwei Stunden pro Tag. Kosten: 210 Euro inkl. Ausrüstung. Kärnten wirbt mit über 800 Pistenkilometern und 23 Skigebieten. kaernten.at, badkleinkirchheim.com.
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