Den Nyhavn von Kopenhagen bei Nacht mit vielen Lichtern

Kopenhagen & Malmö: Weihnachtszauber im Norden

Advent an der Meerenge Öresund heißt: zwei Länder, eine „jul“-Stimmung – und eine gemeinsame Geschichte. Die freizeit reist ins hyggelige Kopenhagen, mit Abstecher über die Brücke in die südschwedische Region Skåne.

Von Lisa Arnold

Über die Meerenge spannt sich die Öresundbrücke mit ihren über 200 Meter hohen Pylonen wie ein leuchtendes Band; Züge und Autos ziehen durch die Dunkelheit. In Kopenhagen bringt jemand seinen Weihnachtsbaum per Fahrrad nach Hause, während in Skåne zur gleichen Stunde die Lichter der Gutshäuser angehen. Das ist die nordische Kombination für Genießer: ein winterlicher Kurztrip, der in der dänischen Hauptstadt beginnt und in der Ruhe des ländlichen Südschwedens endet.   


Winter in Kopenhagen 

Wo sonst Minimalismus und modernes Design großgeschrieben werden, bekennen sich die Locals im Advent wieder zu Traditionen, einer gesunden Dosis Kitsch – und ganz viel Hygge. Kaum ein Einwohner Kopenhagens möchte nämlich auf Eislaufen am vereisten Frederiksberg Runddel, die kunstvoll beleuchtete Fassade des Hotels d’Angleterre oder das bunte Treiben im Tivoli verzichten. 

Außerdem haben die Dänen den weltweit höchsten Pro-Kopf-Verbrauch von Kerzen (rund fünf bis sechs Kilo pro Jahr) – kein Wunder also, dass Fensterbänke, Cafétische und Hausflure im Dezember in warmes Licht gehüllt werden. Und dann sind da noch die Weihnachtsmärkte oder „Julemarkeder“, die der Stadt in der Vorweihnachtszeit ihr unverwechselbares Flair verleihen.

Ice skating  at Frederiksberg Runddel, Denmark

Jeden Winter verwandelt sich der Frederiksberg Runddel am Eingang zum gleichnamigen Park in eine stimmungsvolle Eisbahn

©Getty Images/Scharvik/Getty Images

Am Nyhavn spiegeln sich die Lichter der Stände in den Kanälen. Auf den Plätzen Højbro Plads und Nytorv reihen sich Holzbuden aneinander, aus denen allerlei köstliche Düfte strömen. Dänische Adventspezialitäten sind gebrannte Mandeln, Småkager (Plätzchen und Butterkekse), Gløgg (Glühwein mit Mandeln und Rosinen) und Æbleskiver (Apfelkrapfen mit Puderzucker und Marmelade).

Sagenhafte Stimmung kommt auf dem Hans-Christian-Andersen-Markt am „alten Platz“ (Gammeltorv) auf. Dort sind einige verkleidete Charaktere anzutreffen, etwa der dänische Märchendichter selbst, eine Prinzessin und der Weihnachtsmann. 

Und der zentrale Kongens Nytorv verwandelt sich schon Mitte November ins „Copenhagen Winter Wonderland“ mit großer Eisbahn, Christkindlmarkt und beleuchteten Straßen in der unmittelbaren Umgebung. 

Wahrzeichen Tivoli

Bis nach Neujahr bietet der Kopenhagener Tivoli nach dem Motto „mehr ist mehr“ Adventspaß für große und kleine Besucher. 

Der 1843 gegründete, zweitälteste Vergnügungspark der Welt (nach Dyrehavsbakken, kurz „Bakken“, nördlich von Kopenhagen) begann übrigens als politisches Projekt: Der Gründer, ein Offizier und Unternehmer namens Georg Carstensen (1812-1857), soll König Christian VIII. mit dem Argument überzeugt haben, dass gut unterhaltene Bürger weniger über Politik nachdenken. So erhielt er eine Konzession für fünf Jahre.

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Der Tivoli in Kopenhagen: festlich beleuchtet für eine magische Vorweihnachtszene.

©mauritius images / Alamy Stock Photos / XTPgreyscape/Alamy Stock Photos / XTPgreyscape/mauritius images

Aus diesem Ablenkungsmanöver wurde eine Institution, und heute empfängt der Tivoli seine Gäste in der dunklen Jahreszeit mit Nussknackern am Eingang, geschmückten Weihnachtsbäumen und einer halben Million Lichtern, die Wege, Dächer und Fassaden umranden. 

Zwischen etwa 60 Buden und Fahrgeschäften sitzen Familien mit Æbleskiver und Gløgg auf Holzbänken, Kinder jauchzen auf dem Karussell, und über allem liegt ein warmes Leuchten. Dass Walt Disney sich hier in den 1950er-Jahren Ideen für Disneyland geholt haben soll, erscheint in dieser detailverliebt gestalteten Winterwelt durchaus plausibel.

Lucia

Ein besonderer Tag im skandinavischen Winterkalender ist der 13. Dezember - der Gedenktag der heiligen Lucia. 

Während er traditionell mit Kerzen, Umzügen und andächtigen Kirchenkonzerten begangen wird, gibt es in Kopenhagen noch einen anderen, verspielten Zugang: Am frühen Abend stechen am Børskaj rund 300 Paddler in See – und zwar in mit Lichterketten geschmückten Kajaks und verkleidet als Lucia, Rentier oder Weihnachtsmann. Der Umzug zu Wasser hält am Nyhavn und drei weiteren Stationen an und gibt dort Lieder zum Besten.                                   

 

 Kulinarik- und Kreativviertel 

Kopenhagen ist im Winter auch ein Reiseziel für Feinschmecker, denn dann zeigt sich die dänische Küche von ihrer sinnlichen Seite.  

Die Restaurants trotzen Frost und Dunkelheit mit hyggeligem Kerzenschein und raffiniertem „Julemad“: einer zeitgemäßen Interpretation klassischer Weihnachtsgerichte. Auf den Speisekarten stehen beispielsweise knuspriges Schwein mit fermentiertem Rotkraut, Entenjus mit Apfel und Wacholder sowie Desserts mit Mandeln und Kirschen – eine feine Hommage an den traditionellen „Risalamande“. 

Im Sinne der New Nordic Cuisine kommt außerdem vieles auf den Teller, was im Sommer konserviert wurde: eingelegte Beeren, fermentiertes Gemüse und getrocknete Kräuter. Die Kunst des Haltbarmachens, die aus der puren Notwendigkeit entstanden ist, gilt heute als Ausdruck nordischer Raffinesse und der Rückbesinnung auf eine möglichst lokale und saisonale Esskultur.

Dazu kommen winterliche Zutaten wie Grünkohl, Topinambur und Wild, gern serviert mit einem Glas Julebryg, dem aromatisch-dunklen Weihnachtsbier, oder einem klaren Aquavit mit Kräutern aus dänischem Anbau. Den coolen Gegenpol zur Weihnachtsromantik bietet der kreative Stadtteil Nørrebro

In Naturweinbars, Cafés mit legendären Croissants, Sauerteigbäckereien und Secondhand-Shops präsentiert sich Kopenhagen dort jung und weltoffen. Ein Kaffee von Coffee Collective, ein Gebäck von Meyers Bageri, ein Bummel durch die Jægersborggade – so gestaltet sich ein urbaner Wintertag. 

Am Platz Superkilen erzählen 108 Straßenmöbel und Kunstobjekte aus aller Welt – darunter eine Straßenlampe aus Wien – von der Vielfalt, die in Nørrebro gelebt wird.
Und weil Kreativität keine Weihnachtspause macht, gibt es im Advent zwei alternative Kunsthandwerksmärkte für alle, die originelle Geschenke suchen: RAW Julemarked und Flid Julemarked. 

Der südschwedische Landstrich Skåne gehörte lange zum dänischen Königreich und wurde erst 1658 mit dem Frieden von Roskilde schwedisch. Von dieser Zusammengehörigkeit erzählen auch architektonische Gemeinsamkeiten: Ältere Bauwerke bestehen meistens aus Backstein (statt Holz wie im Rest Schwedens), und auch die klassizistischen und historistischen Fassaden ähneln einander. 

Außerdem gibt es aus der dänischen Adelsgüterzeit (von der Reformation 1536 bis zur Einführung des Absolutismus 1665) so viele Schlösser und Herrenhäuser, dass Skåne heute mit insgesamt 240 solcher ansehnlicher Bauten mehr hat als jede andere historische Provinz Schwedens.  Manche dieser Häuser öffnen im Advent ihre Tore zu besonderen Veranstaltungen. 

Über die Brücke nach Schweden 

Die Adventzeit in Kopenhagen ist geprägt von Hygge und dänischer Gemütlichkeit. Doch das Nachbarland Schweden ist so nah, dass sich ein Abstecher für ein, zwei Tage lohnt: Die Zugfahrt nach Malmö dauert nur 35 Minuten und verläuft über die im Jahr 2000 eingeweihte Öresundbrücke. Diese ist nicht nur ein technisches Meisterwerk, sondern auch ein Symbol für die kulturelle Nähe der beiden Länder. 

A beautiful aerial view of a sunset through the Oresund bridge between Denmark and Sweden

Seit 25 Jahren verbindet die Öresundbrücke die Nachbarländer Dänemark und Schweden.

©Getty Images/iStockphoto/Wirestock/istockphoto

Wussten Sie zum Beispiel, dass in beiden Sprachen „jul“ für Weihnachten steht? Das Wort geht auf das Mittwinterfest „jól“ zurück, das in Nordeuropa vor der Christianisierung gefeiert wurde. Wer die Wochen vor Weihnachten in Kopenhagen erlebt hat, sollte die Gelegenheit nutzen, auch die andere Seite der Meerenge zu entdecken. 

Historisch gesehen waren Dänemark und Schweden über Jahrhunderte Rivalen, die sich immer wieder Kriege und Machtkämpfe lieferten. Dabei ging es etwa darum, wer den Öresund und damit eine der wichtigsten Handelsrouten Nordeuropas kontrollierte. 

In Malmö füllen sich die Renaissancegemäuer des Stadtschlosses Malmöhus bei „Weihnachten auf dem Schloss“ mit Marktständen, Familienangeboten und Sonderführungen. Das private Schloss Bosjökloster veranstaltet die „schonischen Weihnachtstage“ – einen Markt mit regionalem Handwerk, Essensständen und Programmpunkten in Kloster- und Parkbereichen.

Svaneholm castle by a lake

Das Backsteinschloss Svaneholm wurde im frühen 16. Jahrhundert erbaut und gilt als markantes Beispiel der nordischen Renaissance-Architektur.

©Getty Images/Michael Persson/istockphoto

Weihnachten mit „julbord“

Auf Schloss Svaneholm gibt es ebenfalls einen Markt mit Ausstellern, Musik und Gastronomie aus der Region. 

Kulinarisch setzen die idyllisch auf Inseln liegenden Schlösser Svaneholm und Häckeberga auf Gastronomie mit klassischem Adventbuffet. Die Schweden wissen nämlich, wie man den dunklen Dezember schmackhaft macht. Sie treffen Freunde, Verwandte und Kollegen zum üppigen Buffet namens „julbord“ (wörtl. „Weihnachtstafel“).

 

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Die Schweden versüßen sich das Warten auf Weihnachten mit dem „Julbord“

©Getty Images/knape/istockphoto

Die vielen traditionellen Speisen werden in mehreren Runden mit fester Abfolge verkostet: zuerst kalter Fisch wie gebeizter Lachs und eingelegter Hering, dann Aufschnitt, danach die warmen Hauptspeisen wie Köttbullar und der cremige Kartoffel-Sprotten-Auflauf „Janssons Versuchung“.


Vorweg gibt’s ein Tässchen Glögg, und als Dessert Süßes wie Milchreis und Pfefferkuchen. Um alles zu schaffen, sollten die Portionen sehr, sehr klein gehalten werden.

Stadt mit Herz und Köpfchen 

Nur 20 Minuten von Malmö entfernt liegt Lund: ein Städtchen mit mittelalterlichem Flair und einer der ältesten Universitäten Skandinaviens. Ein Drittel der knapp 100.000 Einwohner sind Studenten, wodurch es trotz seiner historischen Kulisse jung und dynamisch wirkt. 

Die ohnehin fotogene Innenstadt zeigt sich in der Vorweihnachtszeit besonders stimmungsvoll. Ein Höhepunkt ist der Besuch des Freilichtmuseums Kulturen, das historische Häuser und Handwerkskunst erlebbar macht. 
 

The street Klostergatan in Lund Sweden decorated for Christmas

God jul! Frohe Weihnachten! Lund ist eine der ältesten Städte im heutigen Schweden.

©Getty Images/Michael Persson/istockphoto

Am ersten Adventwochenende findet beim dreitägigen „Weihnachtstrubel“ (julstök) ein Markt mit 90 Ausstellern, vielseitiger Kulinarik und Chorkonzerten in allen Museumsbereichen statt. Aber auch danach bleiben Häuser aus verschiedenen Epochen festlich geschmückt. 

Ob in der Großstadt mit Vergnügungspark und Designgeschäften oder ruhiger auf dem Land bei Herrenhäusern, Seen und Wäldern – in Kopenhagen und Skåne ist und bleibt der Advent eine Zeit der Traditionen. 

Überall werden Kerzen angezündet, Rezepte weitergegeben und Spezialitäten genossen. So ist die Weihnachtszeit rund um den Öresund ein gemeinsamer Ausdruck von Wärme, Gemeinschaft und Beständigkeit – trotz frostiger Temperaturen und unterschiedlicher Sprachen.

Kuriose Fakten. Wussten Sie, dass…

  • … die Öresundbrücke für Autos und Züge ist und auf der schwedischen Seite in einen Tunnel übergeht?
  • ... die Provinz Skåne als „Speisekammer Schwedens“ gilt? Der Grund:  fruchtbare Felder, viele Obstgärten und Hofläden.
  • ... Kopenhagen mehr Fahrräder als Einwohner hat? Auf 650.000 Menschen im Stadtgebiet kommen  bis zu 750.000 Räder. 

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