Ein Ski-Roboter unterrichtet eine Gruppe von Skifahrern vor schneebedeckten Bergen.

Roboter als Skilehrer: So könnte KI den Wintersport verändern

Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, den Skisport und die gesamte Branche zu verändern. Wohin die Reise geht, kann aktuell jedoch niemand exakt vorhersagen.

Sie gehören zu einem Skitag einfach dazu: die Mitarbeiter an den Stationen der Sessellifte, die einem freundlich zunicken, viel Spaß wünschen und bei Bedarf beim Einsteigen helfen. Wer sich jedoch im Tiroler Skigebiet Serfaus mit der neuen Komperdell-Bahn nach oben shutteln lässt, wird die liebevoll „Bügelkönige“ genannten Helfer, eine Referenz an die Zeiten der fast ausgestorbenen Schlepplifte, vermissen. Seit Kurzem läuft der Lift nämlich autonom.

Bereits 2020 hatte Doppelmayr, Weltmarktführer im Seilbahnbau, sein AURO genanntes System (Autonomous Ropeway Operation) bei Gondelbahnen eingeführt. Nach einer erfolgreichen Testphase in Wildhaus (Schweiz) und im Skigebiet Silvretta Montafon (Österreich) soll es nun auch das Arbeiten an den Sesselliften revolutionieren. AURO verwendet eine fortschrittliche, auf KI basierende Bildverarbeitungs-Technologie von Mantis Ropeway Technologies. Das System analysiert Bild- und Videodaten in Echtzeit, um potenzielle Gefahren zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Je nach Situation entscheidet das System selbstständig, ob der Lift weiterfahren, langsamer werden oder anhalten soll. Mitarbeiter, die sich um Störungen kümmern, braucht es dafür nur noch im sogenannten Ropeway Operation Centre (ROC).

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Der erste Skilift der Welt fuhr am 14. Februar 1908 in Schollach im Hochschwarzwald (Bild). Den ersten Schlepplift  in Österreich  gab es in Zürs am Arlberg (1937), den ersten Sessellift in der Wildschönau (1947). Moderne Bequemlichkeiten wie Sitzheizungen gibt es erst seit 2004.

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Zukunft des Skifahrens

Doppelmayr stellt den Betreibern der Skigebiete Einsparungen von bis zu 35 Prozent bei den Personalkosten in Aussicht und spricht von einer Revolution in der Wintersportbranche. Was die skifahrende Kundschaft davon hält, wird sich zeigen. Einige werden die „Bügelkönige“ vermissen, anderen wird es egal sein. Dass die Einsparungen den Skipass billiger machen – daran glauben vermutlich nur sehr naive Naturen. Fakt ist: KI wird auch die Ski-Branche verändern: den Tourismus, den Rennsport, die Arbeit der Equipment-Hersteller, die Art und Weise, wie wir Skifahren lernen.

Wohin die Reise jedoch genau geht, ist noch ziemlich vage. Wer zum Beispiel ChatGPT, den Chatbot des US-Software-Unternehmens OpenAI befragt, wie wir im Jahr 2050 Ski fahren werden, erhält von der KI die Antwort, dass Sport und Branche „durch verschiedene technologische und umweltbedingte Entwicklungen beeinflusst werden“ könnten. Es folgt eine Aufzählung, die über Binsenweisheiten nicht wirklich hinauskommt: fortschrittlichere Ausrüstung durch den Einsatz neuer Materialien und Technologien, zunehmende Bedeutung der künstlichen Schneeerzeugung in Zeiten des Klimawandels, Einsatz von Virtual Reality und Simulatoren beim Indoor-Training. Am Ende heißt es: „Diese Trends sind jedoch Spekulationen, und die tatsächliche Zukunft des Skifahrens könnte von vielen Faktoren abhängen.“

Wo KI schon im Einsatz ist

Wirklich schlauer ist man danach nicht. Tatsächlich hat das Thema KI bereits jetzt viele Facetten: Die künstliche Beschneiung und der Einsatz von Maschinen zum Präparieren der Pisten werden in Revieren, die die Nase vorn haben, längst vom Computer aus und mit Hilfe von KI gesteuert. Auch bei der Lenkung von Besucherströmen und dem Parkplatz-Management hilft die KI; dito beim „Dynamic Pricing“, also dem Berechnen von variablen Skipasspreisen, die von Auslastung, Wochentag und sogar dem Wetter abhängig sind.

Viel Aufmerksamkeit erregte der Ischgler Touristiker und langjährige Vorstand des dortigen Tourismusverbands Günther Aloys, als er vorschlug, Skilehrer durch Maschinen zu ersetzen. Sein „Robotica“ genanntes Roboter-Mädchen habe das Potenzial, eine „neue Attraktion für junge Gäste“ zu sein, die sich immer weniger fürs Skifahren interessierten, und gleichzeitig den Personalmangel bei den Skilehrern abzufedern. „Robotica“ werde „eine enorme Bandbreite an Fähigkeiten besitzen“, hieß es in einer Medienmitteilung. Sie werde nicht nur das Know-how des Skifahrens vermitteln können, sondern auch „mit umfangreichem Wissen à la Siri und Alexa Fragen der Kinder beantworten, Witze erzählen und sogar singen.“ Ob das Blech-Mädel bei einem Unfall die Rettung alarmiert oder dem Nachwuchs auch beim aufs Klo-Gehen hilft, ging aus der Mitteilung nicht hervor, aber sie bescherte Ischgl einmal mehr mediale Aufmerksamkeit.

Eine Gruppe Skifahrer und ein Roboter mit Mütze stehen an einem Feuerkorb vor einer Hütte in den Bergen.

Es ist vorstellbar, dass humanoide Roboter mittelfristig in manchen Skigebieten als Skilehrer eingesetzt werden können. 

©Made with Google AI/KI generiert by nanobanana

Der perfekte Ski

Mittelfristig bestreitet jedoch kaum jemand, dass Roboter im Skisport großes Realisierungspotenzial haben, auch wenn diejenigen, die aktuell auf chinesischen Pisten unterwegs sind, technisch noch nicht ausgereift sind. Vielleicht wird ja auch der Mensch selbst zum Ski-Roboter? Zum Beispiel haben zwei Oxford-Absolventen Hightech-Skischuhe erfunden, die beim Carven technische Daten sammeln und dem Träger über einen kabellosen Kopfhörer Technik-Tipps geben. Dazu passen würde die intelligente Skibrille eines Schweizer Start-ups, das Augmented Reality nutzt, um in Echtzeit Informationen über die Umgebung zu liefern.

Klar, dass sich auch die Hersteller von Skiern auf das Thema KI stürzen: Stöckli brachte im vergangenen Winter einen KI-basierten Produktberatungs-Assistenten an den Start, der eine personalisierte Skiauswahl erlaubt – bequem von zu Hause aus und rund um die Uhr. Das Tool bietet 3-D-Visualisierungen der Skimodelle und ist in vielen Sprachen verfügbar. Basierend auf einer umfangreichen Datenbank, die laufend erweitert wird, liefert der KI-Berater Antworten auf Fragen zu Skimodell, Skilänge sowie Platten- und Bindungskombinationen.

Mehrere Paar alte Skier mit dazugehörigen Lederschuhen und Stöcken sind nebeneinander angeordnet.

Die Ursprünge des heutigen Skisports liegen in Norwegen, der erste Ski-Boom kam um 1900 in Mitteleuropa an, zum Massenphänomen wurde es in den 50er-Jahren. Ein Pionier war der Österreicher Mathias Zdarsky, der mit der Lilienfelder Bindung den Alpinski erfand.

©Getty Images/fstop123/istockphoto

Die Salzburger Firma Original+ geht einen Schritt weiter und verspricht, mit Hilfe des KI-Konfigurators „Origo“ jedem Kunden einen individuell konzipierten „custom ski“. Die KI wird hierzu mit persönlichen Daten zum Beispiel zu Körperbau, Fahrkönnen, -stil und -geschwindigkeit gefüttert. Origo generiert sodann mit Parametern wie Länge, Breite, Längsflex, Verwindungssteifigkeit, Kantwinkel und Belagsstruktur den nach eigener Aussage perfekten Ski, wobei 1.800 Varianten möglich sind. Das Beratungsgespräch im Sportfachhandel hält Siegfried Rumpfhuber, der Geschäftsführer von Original+ und ein ehemaliger FIS-Rennfahrer, deshalb in Zukunft für verzichtbar, denn die Kunden geben ihre Daten direkt auf der Website seiner Firma ein. Der Salzburger verspricht damit Freizeitsportlern, sie zu besseren Skifahrern zu machen, indem die KI den perfekten Ski konstruiert – ein Privileg, das bis dato Leistungs- und Profisportlern vorbehalten war.

Maschine oder Mensch

Dort, im Spitzensport, wird zum Beispiel mit Hilfe humanoider Roboter die perfekte Kurvensteuerung im Riesenslalom geübt. Messdaten wie Schnee- und Lufttemperatur helfen vor Rennen, mit Hilfe von KI das perfekte Wachs auszuwählen. Karlheinz Waibel, Bundestrainer Wissenschaft und Technologie beim Deutschen Skiverband, würde deshalb gerne noch stärker auf KI setzen. Der Mehrwert sei groß, und der deutsche Sport brauche das Bekenntnis, dass er sich diese Technologie leisten kann und will, sagte er der „Rheinischen Post“ bereits 2023.

Immer geht es darum, dass die KI, dass die Maschine etwas besser können soll als der Mensch. Fest steht, dass standardisierte Aufgaben, die stets identisch abzulaufen haben, von einer KI bereits jetzt gut bis sehr gut gelöst werden. Anders sieht es (noch) bei individuellen Prozessen aus. Henry Küsters, der in Wuppertal einen Ski-Service betreibt, hat ChatGPT gefragt, „welche Vorteile ein Service per Handarbeit bietet“.

Die Antwort stellte ihn sehr zufrieden: „Der Skiservice spielt eine entscheidende Rolle für die Leistungsfähigkeit von Skiern. Während viele Skifahrer auf automatisierte Servicezentren setzen, schwören Kenner auf den handgefertigten Skiservice.“ In der Erläuterung von ChatGPT kommen sodann Attribute vor, die für KI-Freaks schrecklich altbacken klingen: individuelle Aufmerksamkeit, Präzision und Feingefühl, Wissen und Erfahrung, materialschonende Behandlung, Kundeninteraktion.

Vielleicht spielt der Mensch im Skisport der Zukunft ja doch noch eine Rolle, zumindest eine Weile lang.

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