Jamaika: Unbekanntes von der Bob-Marley-Insel
Meer und Strand, Gebirge und Regenwald, Reggae und Rastafaris – der Karibikstaat Jamaika hat auf 11.000 Quadratkilometern viel zu bieten: Die drittgrößte Insel der Großen Antillen südlich von Kuba kann mit einigen Superlativen aufwarten.
Das Fenster des Taxis ist heruntergekurbelt, die warme Luft weht aus den Straßen von Jamaikas Hauptstadt Kingston hinein, während der Fahrer das Autoradio lauter stellt: Don’t worry about a thing ... cause every little thing gonna be alright, singt Bob Marley da in seinem Song „Three Little Birds“ und gibt der Fahrt gleich den richtigen Reggae-Vibe. An der Ampel schwappen Melodiefetzen aus dem Nachbarfahrzeug des Marley-Songs „Get Up, Stand Up“ herüber. Man merkt, die Reggae-Ikone ist auf der Karibikinsel geboren und aufgewachsen.
„Genau hier“, sagt der Fahrer und zeigt auf eine schicke Kolonialvilla, als er langsam durch die Hope Street fährt. „Hier hat der Musiker gewohnt und sein Musikstudio gehabt.“ Es sind Touristen zu sehen, die auf eine Führung durch Bob Marleys Wohnzimmer, Küche und Musikstudio warten.
Doch das Taxi fährt weiter in Richtung Süden, vorbei an einer riesigen Bronzeskulptur im Emancipation Park. „Sie heißt ‚Redemption Song‘, auch benannt nach einem Lied von Marley“, erklärt der Fahrer. „Erlösung“, so sagt er, sei ein passender Name für das Kunstwerk, das für das Ende der Sklaverei steht.
Aufgewachsen ist „Reggae-Gott“ Bob in Trench Town, einem Arbeiterviertel von Kingston unweit des Hafens. In seinen Songs „Trench Town Rock“ und „Trench Town“ verewigte er seine Kindheit an diesem Ort. Dorthin fährt das Taxi. Vor einigen Jahren sei es noch gefährlich gewesen, hierher zu kommen. „Es gab viel Gewalt in dem armen Viertel“, sagt der Taxifahrer. Das sei nun anders.
Kunst statt Kriminalität
Zwar ist noch dieselbe erdrückende Armut zu spüren; Wellblechhütten und Müll prägen das Viertel heute noch. Marihuana-Qualm hängt in der Luft. Doch mischt sich in diese Armut auch ein Stück Hoffnung, denn Trench Town ist in den vergangenen Jahren zu einem kreativen Zentrum geworden – vor allem dank Garfield Williams: Der 56-Jährige bietet Kindern und Jugendlichen Kunst statt Kriminalität. Zwar trägt der Schuppen von Williams „Ceramic & Art Center“ auch ein Wellblechdach, doch die Wände leuchten bunt und aus dem Inneren ertönt Kinderlachen. Hier verwandeln Mädchen und Buben nasse Erde in Kunst. Die neunjährige Charisma hat einen Tonbrocken vor sich und ist hoch konzentriert, als ihre Hände daraus eine Figur formen: „Schau mal, eine Meerjungfrau“, sagt sie stolz und zeigt sie der siebenjährigen Jamila, die ein Herz gebastelt hat. Überall wuseln Kinder und lassen sich von Garfield, dessen Mutter Verona oder seinem Kollegen Ibrahim zeigen, was sie aus Ton kreieren können. Garfields Augen strahlen, als er den Kindern zusieht: „Genau deshalb mache ich das, um ihnen Hoffnung und einen Weg in eine gute Zukunft zu geben“, sagt er.
2019 eröffnete er mit Unterstützung der Tui Care Foundation und der jamaikanischen Travel Foundation das kleine Keramikcenter, es bietet Kindern aus Trench Town einen sicheren Ort mit Perspektive. Touristen können eine Tour durch Trench Town und das Center buchen und darüber hinaus diese Tonkunst als Souvenir mit nach Hause nehmen.
Berühmter Botschafter
Im Zentrum von Kingston ist schon aus der Ferne das große Sportstadion zu sehen, wo ein weiterer weltbekannter Jamaikaner seine Karriere begann: Usain Bolt gewann im Alter von nur fünfzehn Jahren seine erste Goldmedaille bei den Weltjugendspielen in Kingston – und danach elf Weltmeistertitel und acht olympische Goldmedaillen. Der „Blitz“, wie man den schnellsten Mann der Welt nennt, ist seit vergangenem Herbst sogar Jamaikas internationaler Tourismusbotschafter.
Wie eine Schlange windet sich die Newcastle Road raus aus der Stadt hinauf in die Blue Mountains. Die zerklüfteten Berge vulkanischen Ursprungs sind rund hundert Millionen Jahre alt, ragen bis zu 2.000 Meter hoch und prägen den gesamten Nordosten des Inselstaates. Schon bald verschluckt der dichte Nebel die Sonne und verwandelt die dichten Wälder in eine bläuliche mystische Zauberlandschaft. Im Holywell Nationalpark wandert man auf ehemaligen Maultierpfaden, die bereits die Maroons genutzt haben.
Info
Anreise
Flüge Wien–Kingston, z. B. mit British Airways über London, kosten ab 1.017 €, von Wien über Toronto nach Montego Bay ab 916 € mit Air Canada. CO2-Kompensation via atmosfair.de: 106 €
Tier- und Naturschutz
Die Tui Care Foundation unterstützt das Trench Town Ceramic & Art Center, den Holywell Nationalpark und die Animal Farm & Nature Reserve, animalfarmjamaica.com
tuicarefoundation.com
Auskunft
Blue Mountains und andere Touren: visitjamaica.com
David Walters, der Manager des Nationalparks erklärt: „Die Nachkommen entflohener Sklaven, auch ‚Runaway Slaves‘ genannt, lebten bereits im 18. Jahrhundert versteckt in den Blue Mountains, um nicht auf den Plantagen versklavt zu werden.“ Die zerklüftete Landschaft, Schilfwälder, Quellen und Wasserfälle hätten alles geboten, was sie brauchten, um eine neue Kultur zu gründen und unter der Führung einer außergewöhnlichen Anführerin – Königin Manny – ihr neu erworbenes Territorium zu verteidigen. Auch heute noch leben Maroons hier, in kleinen Gemeinschaften abgeschieden von der jamaikanischen Gesellschaft – autonom, mit eigener Sprache, nach eigenen Regeln und Gesetzen. Auch deshalb wurde dieser tropische Nebelwald 2015 zum ersten gemischten UNESCO-Kultur- und Naturerbe der Karibik ernannt – und gilt für die Maroons als heilig.
Der Jamaika-Kolibri
Eine andere wilde Region liegt im Nordwesten Jamaikas: Im dichten Urwald, wo der Great River ruhig dahinplätschert, gleiten die Kolibris von Blüte zu Blüte. Bis zu hundert Mal pro Sekunde schlagen ihre fragilen Flügel und erzeugen dabei ein konstantes Surren, sie scheinen vor einer Blume zur anderen zu schweben, um dann mit ihrer langen Zunge den Nektar aus der Blüte zu extrahieren. Sogar ein grün-schwarz-schillernder Jamaika-Kolibri kommt vorbeigeflogen. Er ist der Nationalvogel Jamaikas und auf der Karibikinsel endemisch, kommt also nur hier vor. Die bis zu siebzehn Zentimeter langen Schwanzfedern des Männchens sind besonders beeindruckend.
Der Jamaika-Kolibri ist flink, klein und außerdem der Nationalvogel des Karibikstaates.
©Christiane FlechtnerMitten im dichten Grün direkt am Fluss liegt die „Animal Farm & Nature Reserve“, die Geoffrey Williams und seine Familie im Jahr 2000 samt kleinen Chalets, Tierpark und Naturaktivitäten eröffnet hat. Per Bambus-Floß geht es auf dem ruhigen Unterlauf des Great River auf Entdeckungsreise der scheinbar undurchdringlichen grünen Landschaft. „Der Great River ist mit rund neunzig Kilometern der zweitlängste Fluss Jamaikas“, erklärt Guide Herfield Groves, der das Floß mit einem langen Bambusstab routiniert durch die gewundenen Schleifen des Gewässers lenkt. Es ist, als würde die Zeit langsamer vergehen, als das Floß langsam über dicke Kieselsteine dahingleitet. Es scheint, als gäbe es keine anderen Menschen weit und breit. Das Floß gleitet durch die sanften Stromschnellen, vorbei an Reihern und bunten Blüten, riesigen Lianen und Papyrusstauden. Und am Abend lässt jeder bei einem Glas Jamaika-Rum dieses besondere Erlebnis noch einmal Revue passieren.
Später zurück im Touristen-Hotspot Montego Bay auf einer Liege dösend, streichelt der warme Wind sanft das Haar. Wieder ertönt Bob Marley aus der Box an der Bar: Sun is shining ... Ja, die Sonne scheint und wärmt die Haut. Unweit des Strands dümpelt ein Jamaikaner auf seinem Boot vorbei: Mit einem sehr großen Joint im Mund verkauft er Souvenirs in Schwarz-Grün-Gold, den Flaggenfarben des Inselstaates. Wie die Reise begonnen hat, endet sie: mit Reggae-Musik von Bob Marley und einem Hauch Marihuana in der Luft.
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