Strand in Costa Rica am Abend

Winterflucht nach Costa Rica: Warum hier alle „Pura Vida“ leben

Costa Rica. Reiseautor Harald Braun hat uns Post geschickt. Aus dem Land zwischen Pazifik und Karibik, „wo die Kür dort beginnt, wo der Dschungel übernimmt“.

Costa Rica – klingt das nicht schon wie ein schicker Cocktail aus Sonne, Strand und Palmen? Ich sitze hier barfuß, leicht verschwitzt und mit einem Anflug schlechten Gewissens am Strand von Santa Teresa. Falls Sie also gerade erst einen Eisschaber aus der Hand gelegt haben: Tut mir leid. Wirklich. Der Morgen beginnt hier nicht mit einem Wecker. Den Job übernehmen Vögel und ein paar brüllende Affen, die klingen, als hätten sie zusammen eine Band gegründet.

Die Luft ist warm und weich, auf dem Weg zum ersten Kaffee des Tages ruft mir schon jemand zu: Pura Vida. Das heißt so viel wie „Reines Leben“ und ist kein Marketing-Slogan, sondern die Lebenseinstellung eines ganzen Landes. Bedeutet grob: Entspann dich. Reg dich nicht auf. Das Leben ist zu kurz für schlechte Laune. Und tatsächlich: Die Menschen hier sind unfassbar freundlich, lebensfroh, lässig. Niemand scheint es eilig zu haben. Jeder grüßt, jeder lächelt, jeder wirkt, als hätte er gerade erfahren, dass das Leben grundsätzlich eine gute Idee ist. Wobei, San José, die Hauptstadt ... keine Liebesgeschichte. Eine Stadt, die nicht zum Bleiben einlädt. Viel Verkehr, viel Durcheinander, wenig Romantik. San José ist die Pflicht – Costa Ricas Kür aber beginnt dort, wo der Dschungel übernimmt und die Natur das letzte Wort hat.

Zum Beispiel in Tortuguero an der nördlichen Karibikküste. Der Dschungel so dicht, dass man meint, er hätte Geheimnisse zu verbergen. Man fährt mit dem Kanu durch schmale Kanäle, vorbei an Mangroven, Faultieren, die aussehen wie spirituelle Coaches im Pyjama, und Kaimanen, die so ruhig daliegen, als würden sie über den Sinn des Lebens meditieren. Und die berühmten Meeresschildkröten natürlich.

Weiter südlich an der Karibikküste liegt Puerto Viejo. Eine Region, die wirkt, als hätte jemand Zeit, Rhythmus und Reggae in einen Topf geworfen und dann beschlossen, alles ein bisschen langsamer zu kochen. Palmen, die sich lässig in den Wind lehnen. Bars, die wirken, als wären Cocktails nur für sie erfunden worden. Traumstrände wie Postkartenmotive, dazu mit dem Strandrestaurant Spicy Coconut der Goldene Schnitt aus Deko, Stil und kulinarischer Klasse. Der zugezogene Ungar Gabor hat mir dort ein Tuna Tartar serviert, das mein kulinarisches Weltbild nachhaltig erschüttert hat. Frisch, pikant, elegant. Ein Gericht, bei dem man kurz überlegt, ob man es heiraten kann. Überhaupt das Essen in Costa Rica: Früchte, die direkt aus der Sonne gepflückt wurden. Mango, Ananas, Papaya – alles intensiver, süßer, frecher als das, was man im europäischen Winter unter Neonlicht kauft. Reis und Bohnen, Fisch, Limette, Kokos – einfache Küche, aber mit Charakter. Man isst hier nicht nur, man erlebt. Aus purer Freude.

Das beste Strandcafé der Welt

Mein persönlicher Lieblingsort an der Karibikküste: Playa Punta Uva. Einer der schönsten Strände, die ich kennengelernt habe. Das liegt auch am La Sirena. Für mich – ohne Ironie – nichts weniger als das beste Strandcafé der Welt. Sand zwischen den Zehen, Wellen im Blick, Früchtedrinks in der Hand, ein gegrillter Pulpo aus dem Paradies – die (hauptsächlich argentinischen) Damen, die das Sirena betreiben, verfügen offenbar alle über einen Hochschulabschluss in Glück. Man kommt für einen schnellen Drink – und bleibt. Stundenlang. Tageweise. Warum nicht noch länger? Auf manche Fragen gibt’s nur unbefriedigende Antworten.

Ein Mann mit Brille trinkt durch einen Strohhalm einen grünen Smoothie aus einem hohen Glas.

 „Ich sitze hier mit einem kalten Getränk, Salz auf der Haut, Sand zwischen den Zehen.“

©Harald Braun

Doch auch die etwas exklusivere Pazifikküste hat seine Momente. Allein die berühmte Nicoya-Halbinsel. Die Namen hier klingen wie Versprechen. Tambor, Montezuma, Santa Teresa. Wellen, die Surfer magisch anziehen. Strände, die aussehen, als hätte sie jemand mit LSD im Blut gemalt. Sonnenuntergänge, die jeden Filter, jedes Klischee, jede kitschige Postkarte in Grund und Boden demütigen.

Ein Mann liest am Strand unter einem Baum, während Wellen gegen Felsen schlagen.

Vor dem Winter in Österreich fliehen - fast ohne schlechtes Gewissen

©Harald Braun

In Montezuma liegt das Ylang Ylang Resort – ein Ort, eingebettet ins Grün, mit einem Strand mit Sand wie Puderzucker, einer mächtigen Brandung und Kapuzineräffchen in den Bäumen, die an Guavefrüchten nagen (und die Strandliegenbesetzer in Reichweite auch schon mal frech damit bewerfen…).

Was in Costa Rica wirklich speziell ist: Rund fünfundsiebzig Prozent des Landes stehen unter Naturschutz. Regenwälder, Nationalparks, Küsten. Hier ist Natur keine Deko, sondern das kostbare Kapital für nachhaltigen – leider nicht ganz billigen – Tourismus. Zudem: Costa Rica hat keine Armee. Kein Militär. Stattdessen investiert man in Bildung, Umwelt, Lebensqualität. Frieden als Staatsprinzip – nicht als Sonntagsrede, sondern als gelebte Realität.

Das passt zu den Menschen, die hier leben. Zu ihrem Lächeln. Zum Pura Vida. Als hätten alle kollektiv beschlossen, dass das Leben Spaß machen darf. Das steckt an. Ich sitze hier mit einem kalten Getränk, Salz auf der Haut, Sand zwischen den Zehen, und denke an das gute, alte Europa. An dicke Jacken, beschlagene Scheiben, graue Tage. Und dann fühle ich mich wieder ein bisschen schuldig. Aber wirklich nur ganz kurz.

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