Der Arlberg-Effekt: Warum dieser Berg eine Sonderrolle einnimmt
Ski fahren am Arlberg, das war schon damals kein Vergnügen für jedermann – und ein Erlebnis, das man sich auch heute nicht auf jedem Berg abholen kann. Wenn über diesen grenzenlosen Hängen nach Neuschneefällen die Sonne aufgeht, dann weiß man, nein, spürt man, warum das so ist.
Ist nicht ganz leicht, das zuzugeben, aber, ich war noch nie am Arlberg – also, bis jetzt nicht, und ich hätte doch schon deutlich mehr als ein halbes Jahrhundert dafür Zeit gehabt. Aber an der Zeit liegt es weniger, sondern vor allem an dem Respekt, den mir schon der Name als Teenager eingeflößt hat.
Der Neid auf die Arlberger
Wenn damals an einem Wiener Gymnasium rund um Weihnachten das Thema Skiurlaub um sich griff, konnten die meisten in der Klasse mitreden, Skifahren war eben Nationalsport – jeder, wie er konnte, skitechnisch und finanziell. Da es daher meistens die gleichen Skiorte waren, in die die jeweilige Familie reiste, war längst ausgemacht, dass der eine Kollege wie immer vom Semmering und der andere von der Buckelpiste in Schladming berichten würde.
Dann aber gab es die, die Jahr für Jahr den Arlberg ins Treffen führten. Das waren meistens auch jene Kollegen mit der teuren Markenkleidung, die man sich selbst zu Hause nur sporadisch und sehr mühsam erjammern konnte. Dazu gab es einen passenden Vater, der zum Sprechtag mit Krawatte und bemerkenswert großem Auto erschien, und eine Wohnadresse ohne Stockwerk und Türnummer, ein Haus also. Beim Wort Arlberg schwang unvermeidlich immer ein Hauch Exklusivität mit.
Ich hätte diesen Arlberg auf keiner Österreich-Landkarte einzeichnen können, aber auf meiner geistigen Landkarte lag er nicht weit vom schweizerischen Davos und der französischen Cote d’Azur, also weit oben in der Luxusklasse.
Sonnenstunden nach Neuschnee sind die schönsten, aber auch die gefährlichsten.
„Die ersten Als die Ferien dann vorbei waren, wuchs der Neid auf die Arlberg-Urlauber noch ein Stück höher. Denn die kehrten regelmäßig ein bis zwei Tage später in die Klasse zurück und mussten nicht einmal eine Entschuldigung abgeben. War ja ohnehin Tag für Tag in den Nachrichten, dass der Arlberg-Tunnel wie jedes Jahr gesperrt war und die dortigen Urlauber nicht rechtzeitig zurück in den Alltag reisen konnten. Auf dem Skikurs landeten dann die Arlberger geschlossen und scheinbar mühelos in der Renngruppe, für die wir Normalskifahrer uns sogar freiwillig einen Haxen gebrochen hätten.
In meinem Teenager-Kopf war dieser Arlberg also nur schwer und mit großen, teuren Autos erreichbar, alle trugen dort Markenkleidung und fuhren auf sehr viel Schnee sehr gut Ski.
Die weite Arlberg-Skilandschaft im Neuschnee. Ski fahren fühlt sich selten so grenzenlos an.
©Kramar KonradSchnee von überall her
Und heute, ein paar Dutzend Skisaisonen später und in der realen Welt? Da ist der Arlberg auch sehr bequem ohne dickes deutsches Auto erreichbar. Gerade aus Ostösterreich sind die Züge inzwischen bemerkenswert flott und direkt unterwegs.
Dass mit dem vielen Schnee stimmt meistens – der Arlberg holt sich den aus allen Himmelsrichtungen. Das aber bedeutet, dieser Schnee muss auch irgendwann vom Himmel fallen, und wenn er das tut, und zwar in dicken Flocken, dann ist der Arlberg unsichtbar, versteckt sich in endlosem Weiß, in dem man zwischen Himmel und Piste, und auf oder ab kaum noch unterscheiden kann. An solchen Tagen kann man den frischgefallenen Schnee zwar unter den Ski spüren, hat aber nicht viel davon, da man es im Blindflug kaum bis zur nächsten Pistenmarkierung schafft. Und dann kann man noch froh sein, dass zumindest die anderen auf der Piste nicht dabei zusehen können, wie man sich zornig abmüht.
Rüfikopf, Valluga, all diese Gipfel rundherum, mit deren Namen die Arlberg-Fahrer damals lässig um sich warfen, bleiben unsichtbar. Das Fahren abseits der Piste, auf das sich ein Großteil des Mythos Arlberg stützt, wäre erstens Wahnwitz und zweitens findet man die Abfahrten ohnehin nicht, man schafft es kaum bis in die Skihütte.
An solchen Tagen ganz in Grauweiß ist man meist früher aus der Bindung als geplant. Glücklicherweise hat der Arlberg auch beim Après-Ski Legendenstatus. Der Mooserwirt in St. Anton hat in der Dämmerstunde mehr Publikum als so manches Rockfestival, am DJ-Pult steht seit 1989 eine Familiendynastie und die Stimmung ist so aufgeheizt, dass man nur flüchten, oder eben mit Vollgas mitmachen kann.
Das Hotel Maiensee in St. Christoph ist ein entspannt luxuriöses Haus direkt an der Piste.
©Hotel maienseeWem das zu laut ist, der kann sich in die großzügigen Wellness-Landschaften der Arlberger Hotels zurückziehen. Vornehme Häuser wie das Maiensee in St. Christoph am Arlberg bieten da mit einer entspannten Selbstverständlichkeit hohe Qualität und mehr Geschmack als anderswo in Tirol, wo das Bauernbarock häufig entgleist. Mit Holz, Hirschgeweih und Lodenstoffen kann man hier umgehen, das macht die Atmosphäre an der Bar, in der Zirbenstube, aber auch in den Zimmern aus.
Selten sorgt ein Wetterbericht für so viel hoffnungsvolle Aufregung als an einem solchen Abend in St. Christoph. Es klart auf morgen, steht da, vielleicht zeigt sich sogar die Sonne. Man sitzt beim Frühstück zu einer Uhrzeit, bei der man zu Hause sogar an einem Arbeitstag noch im Bett liegt und ist früher bei der Gondel als der Liftwart.
„Viele Amerikanerkommen lieber an den Arlberg, als in den Rocky Mountains Ski zu fahren.“
Und mit den ersten Sonnenstrahlen geht dieses ganze Bergpanorama vor den Augen auf wie auf einer Kinoleinwand. Da sind sie, all die Gipfel, mit denen die Arlberger damals Eindruck geschunden haben, blauer Himmel und darunter entfaltet sich die endlose weiße Skilandschaft, Hang für Hang, Mulde für Mulde – man kann mit freiem Auge seine Spuren legen. Wer einen Ortskundigen an der Hand hat, erfährt, wo und wie man in diese Hänge einfahren oder stapfen kann.
Der Weiße Rausch
Wo hat der Wind den Schnee hingeblasen, wo ist es sicher, wo sollte man besser noch ein paar Tage warten?
Der Rest ist grenzenloses Skivergnügen und das Gefühl, dass manche dieser Hänge zumindest für einen sonnigen Augenblick nur einem selbst gehören. „Der weiße Rausch“ heißt das ziemlich exzentrische Skirennen für jedermann, das hier jedes Frühjahr stattfindet. Aber an so einem sonnigen Neuschneetag am Arlberg erwischt der weiße Rausch eigentlich jeden. Vielleicht hätte ich doch nicht so lange warten sollen, bis ich das erste Mal hierhergekommen bin.
Info
Anreise Gerade aus Ostösterreich bringen die ÖBB Skifahrer bequem und ausgesprochen schnell in die Skigebiete am Arlberg. Nach St. Anton etwa fahren Direktzüge aus Wien, die für die Strecke rund fünfeinhalb Stunden brauchen.
Unterkunft Das Hotel Maiensee in St. Christoph ist ein Haus der Vier-Stern-Plus-Klasse, das sich vor allem durch seinen entspannten Umgang mit Luxus auszeichnet. Restaurant, Bar und auch die neu renovierten Zimmer sind unaufdringlich rustikal und gemütlich, die Küche bietet verlässliche Qualität. Die Lage direkt im Skigebiet macht das Skifahren zum stressfreien Vergnügen. Das Publikum ist international, die Preise allerdings auch. Die Kosten für einen Tag Halbpension im DZ beginnen bei 260 €. maiensee.com
Après-Ski Der Mooserwirt in St. Anton ist die Après-Ski-Legende am Arlberg. Seit 1989 legt hier DJ Gerhard die Hüttenhits auf, mittlerweile steht meistens sein Sohn Thomas an den Turntables. Zu Pistenschluss nimmt die Party schnell riesige Ausmaße an. Hunderte feiern drinnen, aber vor allem draußen auf der Terrasse. Getanzt und gesungen wird in Skischuhen. mooserwirt.
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