Hahnenkammrennen

Das Hahnenkammrennen und seine Legenden: Wenn der Berg ruft

Große Triumphe, große Niederlagen und dazwischen viele einzigartige Momente: Warum das Hahnenkammrennen in Kitzbühel vielfach Geschichte geschrieben hat und für Österreichs Sport ein legendärer Ort ist.

Angst, sagt Franz Klammer, habe vor dem ersten Mal noch ein jeder Läufer gehabt. Vorm ersten Mal? Damit meint der zur Skilegende Gewordene das beklemmende Gefühl, wenn man als Kitzbühel-Neuling aus dem Starthaus hinunter in die Mausefalle blickt. Der fünffache Gesamtweltcupsieger Marc Girardelli formuliert’s noch drastischer: „Ich habe mich fast angemacht. Und hätte der Zurbriggen nicht schon als nächster Starter hinter mir seine Aufwärmübungen gemacht, ich hätte mich umgedreht und hätt’ das Starthaus von hinten wieder verlassen.“

Solche Geständnisse waren von den führenden Brettlartisten während deren aktiver Zeiten nie zu hören. Niemand wollte Schwäche zeigen. Schon gar nicht vor Mikrofonen.

Auf der Streif

72 Stunden nach dem ersten Kennenlernen der Streif war Franz Klammer im Jänner 1973 erstaunlicher Vierter geworden. Marc Girardelli fuhr als Streif-Debütant 1989, obwohl bis dahin als Torlauf-Spezialist geltend, den ersten Kitzbühler Abfahrtssieg für Luxemburg ein – während die Skiwelt um das Leben von Brian Stemmle bangte. Der Kanadier war an der Steilhangausfahrt mit dem linken Ski in eine Bodensenke geraten und im Netz hängen geblieben. Just an jener Stelle, vor welcher der Trainervater des späteren Siegers in der Mannschaftsführersitzung erfolglos gewarnt hatte.

Helmut Girardelli empfand keine Genugtuung darüber, dass er recht behalten hatte. Zu schwer waren Stemmles Unterleibsverletzungen. Doch Stemmle sollte noch einmal gewinnen. Vor Gericht. Als ihm im Prozess gegen die Kitzbüheler Veranstalter recht gegeben wurde. Letztere plus die FIS lernten aus solchen Fehlern.

SKI ALPIN: WELTCUP IN KITZBÜHEL: 1. ABFAHRTSTRAINING DER MÄNNER
©APA/EXPA/JOHANN GRODER

Dort, wo sich Stemmle im Netz verfing, ermöglichen heute Planen ein Vorbeirutschen mit Plastik-Kontakt. Und Strohballen sind im Weltcup als Streckenabsicherung seit langer Zeit schon undenkbar. Sie seien bei den Minusgraden hart wie Beton geworden, erinnerte sich der heute 87-jährige Karl Schranz, der als einziger der ehemaligen Streif-Dominatoren dennoch behauptet, nie Angst verspürt zu haben. Angst hatte indes so manch Funktionär vorm Zorn des Arlberger Herrn Karl. So war 1969 aufgrund einer technischen Panne im TV nicht zu erkennen, dass Schranz mit Bestzeit durchs’s Ziel gesaust war. Worauf ihm der Chef der (Schweizer) Zeitnehmerfirma Joseph Blatter, winselnd um Verzeihung bittend, bis ins Hotel nachlief.

SKI-1970-KARL SCHRANZ

Porträt des österreichischen Skifahrers Karl Schranz, aufgenommen im Januar 1970 in Megève. Karl Schranz, gewann 1969 und 1970 den Gesamtweltcup, nachdem er 1969 sowohl im Riesenslalom als auch in der Abfahrt triumphiert hatte. Zudem gewann er 1964 bei den Olympischen Winterspielen in Innsbruck (Österreich) die Silbermedaille im Riesenslalom. (Foto: STAFF / AFP)

©APA/AFP/STAFF

Derselbe Blatter, der später zum (umstritten) mächtigen Fußballwelt-Präsidenten (FIFA) werden sollte. Nur gegen IOC-Präsident Avery Brundage zog der unbequeme Schranz den Kürzeren. Der US-Millionär ließ ihn von Olympia 1972 wegen Verstosses gegen den Amateurparagraf ausschließen. Zu dieser Zeit herrschte die naive Annahme, dass Rennfahrer für eine Schale Jagatee Kopf und Kragen riskieren würden.

100.000 Euro für den Sieg

Heute belohnt der Ski-Club Kitzbühel (als großzügigster aller Weltcupveranstalter) einen Sieg mit 100.000 Euro. Und heute gleichen die Läufer rasenden Litfaßsäulen. Was die alpinen Profis nicht zuletzt Harti Weirather zu verdanken haben. Der Ex-Abfahrtsweltmeister setzte sich im Finish seiner Rennkarriere als Erster für eine professionelle Vermarktung der Wintersport-Athleten ein.

Darüber hinaus ist Weirathers Nobelzelt am Fuße der Streif gleich neben dem Rasmushof alle Jänner wieder zum beliebten, vornehmen Traditionstreff für den Sport- und Geldadel geworden. 1982 gewann Weirather („I kann mir net vorstellen, dass ich mi da amol runtertraut habe“) selbst die Abfahrt auf der Streif, obwohl er am Vorabend beim Rückweg vom Stangl-Wirt in Going im Nebel seinen Sportwagen zertrümmert hatte.

FIS Alpine Skiing World Cup in Kitzbuehel

Marcel Hirscher im Zielbereich während des Abfahrtsrennens der Herren, im Rahmen des FIS Alpinen Skiweltcups in Kitzbühel, Österreich, am 21. Januar 2022.

©EPA/CHRISTIAN BRUNA

Spätere Streif-Sieger erlebten noch nach dem Rennen Überraschungen. Wie 2014 Hannes Reichelt, der bei der Siegerehrung kaum noch gerade stehen konnte, zumal seine Rückenverletzung dermaßen akut geworden war, dass sie eine sofortige OP erforderte. Fritz Strobl wiederum war samt Trainer der Eintritt zur Siegesfeier in die Kitzbüheler Disco vom Türsteher wegen mangelnder Bekanntheit verwehrt worden. Strobls 1997 aufgestellter Streckenrekord (1:51,58) gilt immer noch.

SUPER-G DER HERREN IN KITZBUEHEL/MAIER (AUT)

Hermann Maier jubelt am Montag, 27. Jänner2003, im Zielraum von Kitzbühel über seinen Sieg im Super-G der Herren.

©APA/Hans Klaus Techt

Mehr Sicherheitsvorkehrungen

Weil das Material von Jahr zu Jahr aggressiver wird, müssen die Sicherheitsvorkehrungen von Jahr zu Jahr erhöht werden. Der Kitzbüheler Peter Obernauer hatte diesbezüglich in seiner 25-jährigen Ära als oberster Rennverantwortlicher Pionierarbeit geleistet. Und mitgezittert, zumal der Zielsprung laut Obernauer bis zu hundert Meter betrug. „Die Abfahrer haben dabei 140 Stundenkilometer erreicht“, sagt Obernauer und vergleicht: „Beim Skifliegen sind’s um die 100 km/h.“

Hahnenkammrennen

Zwischen 40.000 und 50.000 Zuschauer verfolgen die Rennen live an der Piste oder im Zielstadion. 

©Sebastian Pucher/EXPA/picturedesk.com

Für so manche Weltklasse-Piloten (Hans Grugger, Daniel Albrecht usw.) war nach einem Streif-Sturz die Karriere zu Ende. Der populärste Stehaufmann indes nützte die Streif zum außergewöhnlichen Comeback auf dem Siegespodest. Es war an einem grauen Montag im Jänner 2003, als ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel und Obernauers Kitzbüheler Pistencrew trotz Schlechtwetter s noch einen Weltcup-Super-G zu Gunsten eines rekonvaleszenten Superman ermöglichten; als die Promis längst Kitzbühel verlassen und deren Plätze auf der Ehrentribüne die Mitarbeiter der Kitzbüheler Müllabfuhr einnahmen, und als man Hermann Maier eine Stunde später erstmals in der Öffentlichkeit vor Rührung weinen sah. Nachdem er im Schneeregen erstmals seit seinem schweren Motorradunfall wieder gewonnen hatte.

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Harti Weirather, 1982

©Kurier/Bissuti Kristian

Mag sein, dass manche Kitzbüheler in den 1970er- und 80ern ihre Nase zu hoch trugen und nicht zu Unrecht von der Stadt am geschwollenen Hahnenkamm geschrieben wurde – aktuell gelten sie als großartige Gastgeber. Was auch für den Skiclub gilt, der zwischenzeitlich vielleicht vor lauter Fremdenfreundlichkeit ein bissel auf den eigenen Ski-Nachwuchs vergaß. Letzter Weltcupsieg eines Kitzbühelers in Kitzbühel ist mehr als 50 Jahre her. Gelungen auf Zwei-Meter-Slalomlatten im Jänner 1974 vom damals noch mehr wedelnden als singenden Hansi Hinterseer.

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