100 Jahre Naschgeschichte: Wie Schwedenbomben Kult wurden
Schwedenbomben sind heute Kult. Woher der Name kommt und was die Kuppeln auch nach 100 Jahren so besonders macht.
Manchmal zeigt schon der erste Griff alles; und ganz ohne Worte: Nehmen wir zum Beispiel eine Packung Schwedenbomben und bieten sie Kollegen, Freunden oder sonstigen Gruppen an. Ob eine „Schwarze“ oder eine „Schmutzige“ zwischen die Finger genommen wird, zeigt die jeweilige Vorliebe. Und warum das so ist, kann wahrlich zu veritablen Streitgesprächen führen.
Worüber man sich allerdings meist ziemlich einig ist: Schwedenbomben gehören zur heimischen Süßigkeiten-Identität, wie nur wenige Naschereien. Die Kombination aus flaumigem, süßen Schaum auf dünnem Waffelboden, der mit Schokoladenglasur überzogen und teilweise mit Kokosflocken bestreut wird, hat auch mit exakt 100 Jahren auf der Kuppel nichts von ihrem Reiz verloren.
Eiweißverwertung gesucht
Dabei sind sie, was wenige wissen, eigentlich so etwas wie ein Abfallprodukt. Laut der Firmenchronik suchte das Konditorenpaar Johanna und Walter Niemetz nach Verwertungsmöglichkeiten für die Unmengen Eiklar, die bei ihrer Kuchenproduktion regelmäßig anfielen.
„Zum damaligen Zeitpunkt wurde sehr viel Eigelb für die Herstellung der Kuchen verwendet und man hatte daher eine große Menge an Eiweiß übrig“, berichtet ein Sprecher. Und so rührten sie erstmals 1926 das Eiklar mit Zucker zur schaumigen Masse und tunkten sie in Schokolade – inspiriert angeblich von einem schwedischen Freund.
Frisch vom Lieferwagen verteilt
Später kam dann die zweite Sorte mit Kokosflocken getoppt dazu. Auch der Name sei eine Reminiszenz an den schwedischen Freund, heißt es. Jedenfalls schlug die simple Verwertungsidee bei den Kunden ein, 1934 wurde der Name Schwedenbombe auch als Marke eingetragen. Eine typisch österreichische Erfolgsgeschichte begann damit. Und ein richtiges Frischprodukt.
Walter Niemetz lieferte anfangs die frischen Schwedenbomben selbst mit dem Lieferwagen aus. Bei Niemetz ist man stolz darauf, diese Tradition nach wie vor beizubehalten. „Wir beliefern mit unseren Frischdienst-Fahrern täglich diverse Unternehmen und andere Institutionen.“
Neustart nach dem Konkurs
Fast wäre es 2012 allerdings damit vorbei gewesen. Niemetz musste Konkurs anmelden, das Firmengelände am Wiener Rennweg mit dem markanten, verschlungenen Niemetz-Schriftzug wurde verkauft. Ein Drama für Naschkatzen: 10.000 sprachen sich in einer Internet-Petition für den Erhalt der Kult-Nascherei aus. Und sie wurden erhört. Die Marke wurde 2013 von „Heidi Chocolat“ übernommen, produziert wird seither im Industriezentrum NÖ Süd.
Viele Erinnerungen zum Jubiläum
Auch wenn seither immer wieder moniert wird, früher seien sie größer gewesen und der Schaum sei in den schwarzen weiß gewesen, in den bestreuten aber bräunlich: Schwedenbomben bewegen noch immer, prägen die Erinnerungen von Generationen.
Auf der „Wall of Schaum“, die Niemetz anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums eingerichtet hat, wird lustvoll von auf Nase oder Stirn zerdrückten Schwedenbomben oder gegenseitigem Füttern, teils mit verbundenen Augen berichtet. Was verschmierte Gesichter und Lachattacken zur Folge hatte. Oder dass der Biss in die Schwedenbombe jedes Mal den lange verstorbenen Opa, einen ausgewiesenen Fan, in Erinnerung rufe.
Andere berichten von Wettbewerben, bei denen Schwedenbomben en masse verdrückt wurden. Und man erfährt, dass sie in den 1960er-Jahren noch einzeln beim Greißler zu haben waren.
Auch die Konsistenz des süßen Schaum bewegt noch immer. Doch da hält sich Niemetz nach 100 Jahren nobel zurück. „Die bekommen wir mit viel Hingabe so fluffig hin.“
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