Aperitivo einmal anders: Dieser Spritz kommt aus den Anden
Argentinien denkt Chandon Schaumwein neu: In Mendoza entstehen leichte Spritz-Varianten, entwickelt von drei Frauen. Sie verbinden Tradition und Aperitivo-Trend.
Heute geht es ruhig zu in Chandons Weinbergen von Mendoza. Argentinische Gauchos mit herbem Charme reiten auf ihren Pferden neben den Besuchern her. Sie lassen ihre Tiere gemächlich durch die Reben schreiten und sind nicht beunruhigt, wenn ein Pferd mit einem unerfahrenen Reiter im wahrsten Sinne des Wortes spazieren geht. „Lorenzo ist ein junger Hengst“, sagt der Führer lapidar.
Die Anden zeichnen sich scharf am Horizont ab, Staub liegt in der warmen Luft. Alles strahlt hier eine gewisse Gelassenheit aus. Der Grill fürs Asado ist angeheizt. Vorm Essen gibt es noch ein Glas Spritz.
Vorne die Weingärten, dahinter die mächtigen Berge der Anden.
©ChandonEs lässt sich kaum erahnen, wie abenteuerlich der Anfang war. Denn als Robert-Jean de Vogüé in den 1950er-Jahren hierherkam, führte kein idyllischer Weg durch die Weinberge. Der damalige Präsident von Moët & Chandon bahnte sich im Citroën 2CV seinen Weg über Schotterpisten und durch Flüsse, Brücken gab es keine. Nahe Mendoza fand er schließlich das, wonach er suchte: das Terroir für Chandons erste internationale Schaumweinkellerei.
Wie Champagner, aber in Argentinien.
Die Idee hinter der Odyssee: Statt Champagner in alle Welt zu verschiffen, wollte man das jahrhundertealte Know-how direkt dorthin bringen, wo neue Böden, ein anderes Klima und neue Konsumenten warteten. Weitere Standorte in Amerika, Asien und Australien folgten.
Heute ist Sprudel von Chandon der mit Abstand bekannteste und beliebteste Schaumwein Lateinamerikas. Bei den Champagne & Sparkling Wine World Championships in London heimst das Haus zudem regelmäßig die Auszeichnung für den besten Schaumwein Argentiniens ein. In Europa kriegt man davon wenig mit, der Sprudel bleibt normalerweise in der Region.
Eine Schaumweinverkostung in der Maison Chandon in Argentinien.
©ChandonIm Garten der Maison klirren die Eiswürfel in den Gläsern, im Hintergrund leuchtet eine bunte Bar. Über der Hecke sind die ersten Berge der Anden zu sehen. Ein Ort, an dem man versteht, warum aus Mendoza nicht nur klassischer Schaumwein, sondern auch Sommerdrinks kommen. In den vergangenen Jahren hat sich ein Produkt von hier zum Sommerliebling entwickelt: der fertig gemixte Garden Spritz. Ein Schaumwein aus Chardonnay-, Pinot-Noir- und Sémillon-Trauben, angereichert mit Orangenzesten und -schalen, Kräutern, Gewürzen und einer bitteren Frische.
Kein Zufall, denn Bitterkeit hat in Argentinien Tradition: Yerba Mate gehört zum Alltag, Fernet Branca wird hier am liebsten mit Cola getrunken. Der Newcomer im Aperitivo-Segment übertraf bei seinem Europastart vor fünf Jahren die Erwartungen.
Darum hat der neue Spritz weniger Alkohol
Seit Kurzem wird das Sortiment um zwei leichtere Varianten ergänzt: der zitronige Spritz Lemon und der beerige Berries & Hibiscus. Mit sechs Prozent Alkohol liegen sie deutlich unter dem Original (das mittlerweile Spritz Orange heißt) und treffen damit den aktuellen Wunsch nach leichteren Drinks. Hinter den Sorten stehen drei Frauen: Kellermeisterin Ana Paula Bartolucci, ihre Kollegin Pauline Lhote aus dem kalifornischen Napa Valley und Inés de los Santos. Sie ist Mixologin und betreibt in Buenos Aires die angesagte Bar La CoChinChina. Die freizeit traf Bartolucci und de los Santos in Argentinien.
Mixologin Inés de los Santos und Chandon- Kellermeisterin Ana Paula Bartolucci mit den Spritz-Varianten
©FEDERICO J GARCIAStatt kompromisslos herb sind es bewusst gefällige Drinks geworden, passend zum Aperitif ebenso wie zum Dessert. „Wir wollten einen Drink, der überall verstanden wird, nicht nur in Argentinien“, sagt de los Santos. Gleichzeitig sollten die Wurzeln spürbar bleiben. „Argentinische Zutaten sollten neue Akzente ins Spritz-Universum bringen.“
Die Frauen experimentierten viel. Probierten Tinkturen, zerkleinerten Wurzeln. 197 Rezepte waren es bei den drei Sorten insgesamt. Am Ende entscheiden Nuancen. „Beim Orange Spritz gab es 64 Versuche, bei den Beeren hatten wir sogar 73“, sagt Bartolucci und lacht. „Manchmal machen ein oder zwei Tropfen den Unterschied.“
Favoriten waren Grüner Tee und rosa Pfeffer
Und ja, auch Mate stand zur Diskussion. „Mate lässt sich unglaublich vielseitig verarbeiten, sei es als Matcha oder als Tee mit Blättern“, erzählt de los Santos. Dazu waren Grüner Tee, Grapefruit oder rosa Pfeffer im Rennen. Doch am Ende entschieden nicht die Expertinnen allein. „Wir haben in vier Testmärkten verkostet“, sagt Bartolucci. „Die Konsumenten haben sich für Zitrone und Beeren ausgesprochen. Am Ende machen wir das Produkt für sie.“
Für den Geschmack: In den Spritz-Varianten gibt es reichlich Gewürze.
©ChandonSkepsis gegenüber leichteren Drinks gab es im Team keine. Auch wenn gern behauptet wird, weniger Alkohol bedeute automatisch weniger Geschmack. „Genau das kann sehr spannend sein“, sagt Mixologin de los Santos. „Plötzlich bekommen andere Aromen Raum.“ Der dafür verwendete Wein wird übrigens nicht entalkoholisiert, sondern – ähnlich wie beim Asti – schonend erzeugt, indem die Fermentation des Mosts durch Kühlung gestoppt wird.
Schaumwein mit Prestige
Dass es dabei nicht ganz so streng traditionell zugeht wie bei der klassischen Schaumweinerzeugung, sorgte beim ersten Produkt, dem Orange Spritz, intern durchaus für Diskussionen. „Am Anfang war es nicht leicht“, gibt Kellermeisterin Bartolucci zu. Dabei verantwortet sie im Haus auch die Prestige-Linie Chef de Cave Assemblage. Das sind Schaumweine nach traditioneller Methode, mit Fokus auf Chardonnay und Pinot Noir, feiner, cremiger Perlage und Zeit.
Einblick in den Keller von Chandon Argentinien.
©ChandonDer Anspruch ist dennoch derselbe: „Wir arbeiten bei beiden mit der gleichen Sorgfalt.“ Ob eines Tages sogar der landestypische rote Malbec in einer Spritz-Variante landet? „Gut möglich“, meint Bartolucci. Ein Hauch davon sorgt im Orange Spritz immerhin schon für die Farbe. De los Santos schmunzelt etwas und widerspricht. „Man muss einen Spritz schon respektieren.“ Klar könne man auch Bourbon verwenden. „Aber das wäre dann kein Spritz mehr.“ Wenn auch ein Abenteurer.
In der Steppe
Wer sich heute die Weingärten ansehen will, in denen mitunter auch Trauben für Chandons-Spritz-Kreationen wachsen, kann sich ein wenig fühlen wie der Moët & Chandon-Chef in den 1950er-Jahren: als Abenteurer. Je weiter es von der Maison in Richtung Cepas del Plata geht, desto spärlicher werden die Häuser. Asphalt weicht Schotter, die Straße wird zum ruppigen Feldweg.
Mit den Gauchos durch die schier endlosen Weingärten in der argentinischen Provinz Mendoza reiten.
©ChandonAb etwa 900 Metern Seehöhe wächst hier Wein – mitten in einer kargen Steppen- und Halbwüstenlandschaft, möglich gemacht nur durch das Schmelzwasser der Anden. Die Reben ziehen sich bis auf rund 1.600 Meter hinauf.
Als argentinischer Wein international lange als günstiges Massenprodukt galt, begann man gezielt nach neuen Lagen zu suchen, um die Qualität zu heben. Die Höhe wurde zum Schlüssel – auch wenn Wasser knapp ist und der Klimawandel die Sache nicht leichter macht.
„Durch die Höhenlage reifen die Trauben langsamer“, erklärt Hervé Birnie Scott, Direktor von Chandon Argentinien. „Das sorgt für mehr Ausdruck, mehr Komplexität und eine präzisere Aromatik.“ Sein Credo fällt knapp aus: Big is better.
Kommentare