Vea Kaisers "Fabelhafte Welt": Das Streben nach dem Besseren Leben
Über die Grenzen der Selbstbeobachtung und die Aussagekraft frisch gemessener Körperwerte
Viele Menschen in meinem Umfeld sind neuerdings besessen von ihrem Körper. Sie überwachen ihren Blutzucker, zahlen obszöne Summen, um in schicken Hotels zwei Wochen lang nur Gemüsesuppe zu schlürfen. Das Ziel: Longevity. Diese von moderner Selbst-Überwachungstechnik getriebenen Bemühungen um ein langes, gesundes Leben hörte ich mir teilnahmslos an.
Dann schnallte sich mein Bruder ein Armband um, das alle seine Vitalfunktionen beobachtet. In einer Mischung aus Geschwisterliebe und Rivalität wollte ich das auch ausprobieren. Dank des Armbands weiß ich nun, wann mein Puls zu hoch ist, ich zu lange sitze, das Krafttraining vernachlässige und schlecht schlafe. Nur: Was bringt mir dieses Wissen? Denn in der Praxis hilft es mir wenig, wenn man eine SUV-Fahrerin, die die Lenkberechtigung wahrscheinlich im Lotto gewonnen hat, bittet, so einzuparken, dass sie nicht zwei, sondern nur einen Parkplatz blockiert, weil diese rundum Mangelware sind, und die dep*** Trutsch** geht einfach weg: Wie krieg ich da den Puls runter?
Wie finde ich Erholung in den Nächten, in denen das Armband bellt, die „nightly recharge“ sei zu gering, aber Bambinos Albträume leider nicht über einen Abschalteknopf verfügen? Und ja, manchmal sitze ich zu lange am Schreibtisch, aber Abgabetermine sind nicht so flexibel wie das Armband des Fitnesstrackers, den ich daraufhin wieder abgelegt habe.
Mit dem Wissen, schlecht geschlafen zu haben, schlief ich in der nächsten Nacht nämlich noch schlechter, weil ich so gestresst war, schlafen zu müssen. Auch am Parkplatz: Als mir die Uhr warnte, Hoher Puls!, hab ich mich nur noch mehr geärgert, dass es mich so aufgeregt hat. Manche Dinge lassen sich verbessern – andere nur aushalten.
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