Vea Kaisers "Fabelhafte Welt": Winter für Fortgeschrittene
Was man in der kalten Zeit lernen Kann, wenn man der Eitelkeit abzuschwören bereit ist
Mit sechzehn hielt ich 30-Jährige für tragische Figuren: Immer müde, erschreckend begeistert von Topfpflanzen, fad halt. Mittlerweile weiß ich, wann man welche Hortensienart zurückschneiden muss, und plane Erholungstage im Kalender ein, um die Lesereise zu schaffen. Wenn ich auf den Geburtstagsfeiern meiner Freunde so Wünsche höre wie "Hoffen wir, dass mir auch im nächsten Jahr nichts wehtut und das Knie brav ist!", bekomme ich den Impuls, laut auszurufen: "Ich wünsch dir Sex! Drugs! Rock ’n’ Roll!", lasse es aber bleiben aus Angst, folgende Antwort zu bekommen: "Mir reichen Kräutertee, eine Wärmedecke und Walgeräusche zum Einschlafen."
Einmal pro Jahr macht mich das sentimental, und zwar rund um meinen eigenen Geburtstag im Dezember. Doch ausgerechnet in diesem sehr strengen Winter wurde meine Älterwerden-Melancholie geheilt. Ich war viel in den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, um auf Lesereise von Stadt zu Stadt zu kommen, als mir plötzlich auffiel: Mir war, anders als früher, nie kalt, was auf viele junge Menschen nicht zuzutreffen schien.
Ich sah so viele hippe Leute, die bibbernd im Schnee standen, weil die weißen Turnschuhe durchgeweicht waren, wobei die Kälte wahrscheinlich auch via der freiliegenden Knöchel in die Körper kroch. Ich beobachtete hauchdünne Hosen, die sehr ästhetisch die Taille betonten, wo eine kurze Jacke endete, die den eisigen Minusgraden nichts entgegenzusetzen hatte. Und dann erinnerte ich mich daran, dass auch ich einst meiner Eitelkeit den Vortritt ließ.
Vielleicht ist das der stille Vorteil des Älterwerdens: Man muss niemandem mehr beweisen, dass man frieren kann. Offenbar kommt die Weisheit nicht mit den Jahren, sondern in gefütterten Winterschuhen mit Profil.
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