Porträt von Vea Kaiser mit dunklen, gewellten Haaren und einem sanften Lächeln.

Vea Kaisers "Fabelhafte Welt": Neujahrsvorsätze

Was Man von der großen Liebe eines Mannes zu seinem Schaukelstuhl lernen kann

Zwischen meinem Dottore Amore und unserem Schaukelstuhl war es Liebe auf den ersten Sitz. Ich war zeitweise so eifersüchtig auf dieses Möbelstück, dass ich es auf willhaben verschenken wollte – mich aber doch nicht traute. Außerdem, sage ich mir zur Beruhigung, hat mein Mann im ganzen Haus nur einen einzigen Lieblingsplatz.

Der Hund besitzt in fast jedem Zimmer ein Körbchen. Praktisch ist auch, dass mein Mann, sobald er einmal rastet, nicht so schnell wieder aufsteht. Denn dann muss ich nicht auf mein Zeug aufpassen. Ich, eine das gepflegte Chaos kultivierende Künstlerin, habe mich – weil Amor ein Scherzkeks ist – in einen Zwangsneurotiker verliebt. Er akzeptiert Oberflächen nur in einem Aggregatzustand: sauber. Und sauber heißt für ihn: nichts steht herum.

Abends ist das ein Segen. Wenn ich die Kinder ins Bett bringe, kann ich sorglos einschlafen. Egal, wie Küche oder Esstisch aussehen – mein Mann wird alles wegräumen. Tagsüber ist das weniger praktisch, weil er auch entsorgt, was "in Arbeit" ist: Getränke, die ich mir hergerichtet habe. Suppen oder Tees, die auskühlen sollten. Kunstwerke der Kinder während kreativer Pausen. Manchmal klebe ich datierte Post-its auf meine Wassergläser: "Genieße ich später".

Regelmäßig streiten wir darüber, ob ich zu unordentlich bin oder er zu zwanghaft. Nur zum Jahresbeginn gefällt mir seine Aufräumwut. Er lebt mit mir, zwei kleinen Kindern und einem Hund – und glaubt dennoch, es könnte bei uns dauerhaft ordentlich aussehen. Ich finde, das hat etwas Ermutigendes. Es erinnert daran, dass man Vorsätze nicht aufgeben sollte, nur weil sie unerreichbar scheinen. Denn selbst wenn man ihnen nur eine Nacht lang näherkommt, hat man kurz den Idealzustand erreicht.

Vea Kaiser

Über Vea Kaiser

Vea Kaiser ist die Autorin der Nr.1-Bestseller „Blasmusikpop“, „Makarionissi“ und „Rückwärtswalzer“. Ihre Bücher wurden vielfach preisgekrönt und in mehrere Sprachen übersetzt. Die studierte Altphilologin lebt mit Familie am Wiener Stadtrand und schreibt für die freizeit die wöchentliche Kolumne „Fabelhafte Welt“.

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