Psychologe über Weihnachtsfilme: "Fast Food für die Seele"
Der TV-Sender Hallmark ist Weltmeister im Weihnachtsfilm. Ein Psychologe erklärt das Geheimrezept und warum es uns erfüllt.
Beginnen wir mit jener Frage, welche die Gemüter verlässlich so erhitzt wie sonst nur der Glühwein am Christkindlmarkt: Ist „Stirb langsam“ ein Weihnachtsfilm? Bruce Willis sagt nein, doch die Wissenschaft widerlegt dies. „Aus wissenschaftlicher Perspektive ist ,Stirb langsam’ eindeutig ein Weihnachtsfilm“, referierte Andrea Geier gegenüber der Zeit einmal zum kontrovers diskutierten Thema. An der Uni Trier hat sie über das Phänomen Weihnachtsfilme ausführlich geforscht. Und „Stirb langsam“ werde als Weihnachtsfilm wahrgenommen, zu Weihnachten ausgestrahlt und greife Weihnachten inhaltlich auf. Yippie-ya-yay, Schweinebacke!
Der Actionfilm, in dem Willis am Heiligen Abend seine Frau und andere Geiseln aus einem von Terroristen besetzten Hochhaus befreit, ist ein Spezialfall seiner Sparte. Weihnachtsfilme lassen uns näher zusammenrücken, sowohl menschlich als auch im Keks-Koma auf der Couch. Zum Fest gehören sie wie das Amen im Gebet. Und versorgen uns genau mit jener Emotionsinjektion, die wir im Trubel eines gestressten Weihnachtsfestes so oft dringlich benötigen: vor Kitsch triefende Romanzen und gefühlsduselige Komödien versetzen uns in ein narratives Nostalgiedelirium, vor dem selbst das Christkind kapitulieren muss. Weihnachten braucht ein Happy End. Immer! Vor allem angesichts emotionaler Brennpunktsituationen, wie wenn der Karpfen anbrennt, die Schwiegermutter bohrend nachfragt, wann endlich geheiratet wird, und der Onkel nach dem zweiten Glas Wein mit fragwürdigen politischen Ansichten aufhorchen lässt.
Romantik und Lametta
Zum Beruhigen der Nerven dienen da gerne die Klassiker. „Kevin allein zu Haus“, „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, „Ist das Leben nicht schön?“, „Santa Clause“, „Tatsächlich ... Liebe“. Bewährter Wohlfühlstoff. Warum tun uns Weihnachtsfilme so gut? Der Psychologe John Haas von der AG Digitalisierung des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen (BÖP) erklärt es. „Diese Filme versuchen, das Gefühl von Ordnung und Geborgenheit herzustellen. Konflikte existieren zwar, jedoch kann man sicher sein, dass es am Ende ein Happy End gibt.“
Das alles betrifft vor allem den Weltmeister im Weihnachtsfilm. Hallmark heißt der amerikanische Fernsehsender, der jedes Jahr eine Lawine von selbst produzierten Romantik-Epen vor Lametta-Kulisse hereinschneien lässt. Werke weich wie Wattebauschen, die zwischen Anfang November und Ende Jänner den saisonalen Schwerpunkt namens „Christmas Countdown“ bilden – Filme wie „Weihnachten im Starlight Café“, „Latina Christmas Ballerina“ oder „Eine zauberhafte Winterromanze“.
Allein heuer bringt Hallmark 24 neue Streifen dieser Art heraus. Im US-Kabelfernsehen sorgen sie für beachtliche Quoten, und auch bei uns können viele davon auf Amazon Prime, RTL+ oder RTL Passion gestreamt werden. „Die Dramaturgie wie das Verhalten der Figuren ist stets sehr vorausschaubar“, weiß Psychologe Haas. „Das heißt, wir können uns auf dieses Drama gut einlassen, und das gibt uns ein Gefühl der Entspannung.“
Die Erzählformel der Hallmark-Filme wurde etwa von der Writers Guild Foundation oder der New York Times untersucht. Die Hauptfigur ist zumeist eine Frau. Sagen wir, eine erfolgreiche Karrierefrau kehrt für Weihnachten in ihre kleinstädtische Heimat zurück, wo sie sich in einen charakterlich geerdeten Feschak verliebt – wahlweise einer, den sie neu kennenlernt oder der ein alter Freund ist. Dazu kommt ein Konflikt, den es zu bewältigen gilt. Das kann ein Tierheim oder eine Bäckerei in Not sein, die gerettet werden müssen, eine Weihnachtsparade oder ein Kekswettbewerb, die Familie oder gleich Weihnachten an sich. Fertig. Am Ende findet die Heldin den Glauben an die Liebe und an Weihnachten wieder. Ende gut, alles gut!
Liebe in der Bibliothek: Hallmark-Film "The Christmas Novel - Weihnachten, wie es im Buche steht"
©HallmarkÜberforderung zu Weihnachten
So ein Happy End kann eben was. Besonders zur Festzeit, die uns mit seinen Erwartungen überfordert. Zu Weihnachten soll alles perfekt sein. Die Geschenke, das Festmahl, die Familie, die Liebesbeziehung. Friede, Freude, Eierkuchen sollen herrschen. Weihnachten, räsoniert Haas, sei in der westlichen Welt wahrscheinlich jener Tag, an dem der Mensch am stärksten mit sich selbst konfrontiert ist – ob nun alleine und einsam oder im Kontext seiner Nächsten. „Weihnachten hat als Fest eine immens hohe emotionale Dichte und Tiefe, gleichzeitig aber auch eine Enge. Das Schauen von Weihnachtsfilmen kann als bewältigendes Konsumverhalten dafür gesehen werden.“
Sprich: Küsse unterm Mistelzweig am Bildschirm als lindernde Medizin gegen finanzielle Nöte, die man vielleicht leidet, gegen im Familienkreis angesprochene Tabuthemen oder den Status-Abgleich, was andere sich leisten können und was man sich selbst vielleicht nicht. Zuckersüße Festtagsfilme mit klarer Moral und optimistischer Grundhaltung sorgen da für Ablenkung und Wohlbehagen. Bei Hallmark ist die Welt noch in Ordnung. Und vom Grinch hat noch kein Mensch gehört.
Ungeplante Liebe: Szene aus "Jingle Bell Heist - Der große Weihnachtsraub" (Netflix)
©Rob Baker Ashton/Netflix ©2025„Fast Food für die Seele“
Der Bedarf an diesen Filmen ist ein einträgliches Geschäft. „Die Hallmark-Filme sind eine neokonservative Geborgenheitscontent-Reihe, die Menschen – will man es positiv sehen – vielleicht vor Schlimmerem bewahrt. Aber das Interesse ist natürlich kommerziell getrieben“, so John Haas. „Es zeigt, dass viele Menschen in Zeiten multipler Krisen belohnt, entspannt und reguliert werden wollen durch solche Medienprodukte. Die Sehnsucht nach diesem einen Moment im Jahr – oder vielleicht sogar im Leben –, an dem alles gut ist, an dem man zueinander nett ist, dem anderen vergibt und Gemeinschaft erlebt, ist riesig.“
Irritierende gesellschaftliche Themen wie Drogensucht, Verarmung oder Gewalt werden in den Filmen ausgespart. Widrigkeiten sind immer bewältigbar. „Die Filme bedienen große existenzielle Themen“, erläutert Psychologe Haas, „wie die Sehnsucht nach Familie. Auf eine richtig bösartige Figur trifft man dabei nicht. Die Konflikte bleiben an der Oberfläche und alle Protagonisten sind beseelt. Es ist Fast Food für die Seele.“
Getrennte Weihnachten: „A Merry Little Ex-Mas“ mit Alicia Silverstone und Oliver Hudson
©Marni Grossman/NetflixUnd das wird immer mehr angeboten. Netflix hat in den vergangenen Jahren eine Reihe von Weihnachtsfilmen herausgebracht, etwa „Falling for Christmas“, das Comeback von Skandalnudel Lindsay Lohan. Hier spielt sie eine verwöhnte Erbin, die bei einem Skiunfall ihr Gedächtnis verliert. Ein fescher Hüttenbesitzer frischt es wieder auf. In „Our Little Secret“ wiederum muss sie Weihnachten mit ihrem Ex verbringen. Ein Thema, das offenbar zieht. Heuer muss dieses Schicksal Alicia Silverstone in „A Merry Little Ex-Mas“ erleiden. Der neue Film vereint typische Genre-Zutaten: die idyllische Kleinstadt, eine alte Liebe, Sehnsucht nach Familie, der Wunsch nach Selbstverwirklichung. Misslungen ist der Film aber trotzdem.
Liebe im Advent: „Weihnachten in Wien“ mit Glühwein-Romantik, ein Hallmark-Film
©HallmarkWeihnachten in Wien
Apple TV setzt dagegen auf Action: In „The Family Plan 2“ gerät Mark Wahlberg als Ex-Profikiller beim Weihnachtsurlaub mit der Familie in Turbulenzen. Bei Disney+ wird’s musikalisch: In „A Very Jonas Christmas Movie“ erleben die Jonas Brothers familienfreundliche Abenteuer. Und RTL+ hat acht neue Hallmark-Movies im Streaming-Angebot.
Wer sich übrigens nach einem wohligen Weihnachtsfilm sehnt, der in Wien spielt, dem kann geholfen werden: Der Hallmark-Streifen „Weihnachten in Wien“ aus dem Jahr 2020 ist auf Amazon abrufbar und handelt von einer Konzertgeigerin, die ihre Leidenschaft für die Musik verloren hat. In Wien, samt Schönbrunn und Christkindlmarkt, findet sie diese in den Armen einer neuen Liebe wieder. Zu kitschig? Dann bleibt immer noch die österreichische Weihnachtssatire „Single Bells“ samt Omama und Lilibet. Oder Bruce Willis in „Stirb langsam“.
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