Voodoo Jürgens

Voodoo Jürgens: "Mir sind die kleinen Gauner sympathischer"

Voodoo Jürgens geht neue Wege. Mit der freizeit spricht er über seinen veränderten Sound, die Storys hinter seinen Texten – und die Faszination an der „Halbwelt“.

Er ist seit seiner Debüt-Single „Heite grob ma Tote aus“ einer der erfolgreichsten Songwriter des Landes  – und hat auch in Deutschland jede Menge Fans. Für seine erste Hauptrolle in Adrian Goigingers Film „Rickerl“ bekam er im Vorjahr den österreichischen Filmpreis. 

Auf seiner aktuellen CD „Gschnas“ erfindet sich Voodoo Jürgens nun zumindest musikalisch neu.

Voodoo Jürgens

Erkennen wir ihn noch? Voodoo Jürgens!

©Susanne Hassler-Smith

Gratulation zur hervorragenden neuen Platte. Und lassen Sie uns gleich den Elefanten tacklen, der hier im Raum steht: Ihr neuer, wirklich top-produzierter Sound. Wie kam’s dazu? 

Na ja, man entwickelt sich schon weiter, ganz allgemein würde ich sagen. 

Das ist klar. Aber dieser scheppernde Beisl-Sound war ja quasi schon Ihr Markenzeichen.

(lacht)  Als ich die erste Platte aufgenommen hab, vor  über zehn Jahren, da war ich ja froh, dass überhaupt jemand mitgespielt hat, dass ich mir das Studio leisten konnte. Vielleicht wurde der Sound dann ein bissl zu meinem Markenzeichen, ja ...

Diesmal haben wir die Instrumentaltracks zuerst aufgenommen, dann sind wir mit unserem Produzenten Wolfgang Möstl nach Bremen ins Studio.

Das hat sich ausgezahlt. Der Sound ist High-End, klingt nach internationaler Produktion, die auch perfekt zu den Americana-Songs des Albums passt. Ein wenig wie Tom Waits im Prater.

Wobei’s bei dem oft mindestens so scheppert wie auf meinen früheren Platten ...

Stimmt. Kommt bei ihm immer ein wenig drauf an, wie er produziert. Ich meine eher seine „Downtown Train“-Phase. Jedenfalls spielt sich die Musik, die früher quasi nur das Fundament für Ihre Texte war, doch in den Vordergrund, wirkt gleichberechtigt. „Somnabulen“ etwa ist eine wunderbare jazzy Groove-Nummer, die mich an den Edel-Trompeter Matthieu Michel erinnert. Stimmt der Eindruck?
Hm, ganz unwichtig war mir die Musik davor auch nicht. (lacht) Aber es stimmt schon. Früher haben wir musikalisch ein bisschen mit Handbremse gespielt. Ich hatte immer die Befürchtung, dass sonst die Texte untergehen, nicht verstanden werden. Und ja, Matthieu Michel ist ein Wahnsinn. Aber bei uns spielt Alex Kranabetter – der macht das auch nicht schlecht!
Zum Textverständnis kommen wir gleich noch. Aber zuerst zu den Inhalten: Wie bei jedem Singer/Songwriter fragen sich Ihre Fans: Wie autobiografisch sind Ihre Lieder?

Ich würde sagen zu 63 Prozent (ausgedehnte Pause) ... Also ja, da steckt schon viel von mir drin. Aber vieles beobachte ich auch nur in meinem Umfeld, bei Bekannten, in der Straßenbahn, in einem Beisl. Ich mag wirklich nicht mein Innerstes nach außen kehren. Bei „Tulln“ hab ich das im maximalen Ausmaß gemacht, so weit bin ich dann nie mehr gegangen.

Voodoo Jürgens

Kehrt Voodoo Jürgens sein Innerstes nach außen?

©Susanne Hassler-Smith
Warum gerade bei Tulln?
Das war halt diese Zeit ... In Tulln wusste ja auch jeder von meinem Vater. Das war für meine Großmutter unglaublich schwierig, dass er im Gefängnis war. Für mich auch. Und als ich die Platte gemacht hab, da war meine Oma wirklich entsetzt, „musst du das denn machen?“ Sie wollte nicht, dass alles wieder hochkommt. Aber ich musste einfach darüber schreiben, es war auch wie eine Art Befreiung. Damit hatte ich den Teil meines Lebens endlich irgendwie abgehakt, konnte ihn hinter mir lassen.
Voodoo Jürgens

"Zu 63 Prozent!"

©Susanne Hassler-Smith
Und aktuell bei „Sche langsam wirst ma fremd“? Dieses wunderbare Bild, wo der Protagonist nicht weiß, ob seine Freundin oder beinahe Ex-Freundin ihn wirklich nicht gesehen hat oder ob sie absichtlich weggeschaut hat, um ihn nicht sehen zu müssen: Haben Sie das so erlebt?

Ja, natürlich, das hab ich selbst erlebt ... (nickt langsam und nippt vom Kaffee) Oder hab ich es nur beobachtet? Ich weiß nicht, ob man diese Dinge selbst erleben muss ... Aber ja, wahrscheinlich muss man das. Es ging mir jedenfalls um dieses Erkennen, wenn etwas Vertrautes, etwas, das man als selbstverständlich betrachtet hat, sich plötzlich immer weiter entfernt. Bis man es nicht mehr greifen kann.

Und mit dem Songtitel „Kassiber“ haben Sie meinen Wortschatz erweitert! Bevor ich ihn hörte, hätte ich einen Kassiber in der Küche verortet ... 

Ehrlich? Ich dachte eigentlich, dass das Wort geläufiger ist. Aber mich haben doch schon einige drauf angesprochen ... Jedenfalls ja, das kommt aus der Häfn-Sprache und bezeichnet eine kleine, geschriebene Nachricht, die zwischen den Insassen ausgetauscht oder auch hinausgeschmuggelt wird. Ich mag diese alten Wörter, wienerische, aber gerade auch die aus dem Rotwelsch. Dieser Geheimsprache der Gauner, mit hebräischen, jiddischen, italienischen oder slowenischen, kroatischen, bosnischen Wurzeln, von allen Sprachen, die im alten Österreich gesprochen wurden, quasi. Die nur von Eingeweihten verstanden wurde.

„Taxitänzer“ vielleicht? Auch ein Titel auf dem neuen Album.

Nein, der kommt nicht aus dem Milieu. Aber den kennen Sie doch, oder? Das waren oder sind die Herren, die auf Bällen und in Tanzlokalen bereitstanden, um mit alleinstehenden Damen zu tanzen. Der Veranstalter bezahlte sie, sie sollten natürlich sehr gut tanzen können, aber auch charmant sein und in der Lage, eine Konversation zu führen. Ich hab da mal einen alten Taxitänzer kennengelernt, auf den NICHTS davon zutraf, außer, dass er tanzen konnte. Über den wollte ich schon lange einen Song schreiben ...

Apropos Milieu: Auf „Vaschwindn“ präsentieren Sie eine Art Flucht-Szenario. Der Protagonist muss  Hals über Kopf aus der Wohnung, weil er sich als kleiner Gauner wohl mit den falschen Kerlen eingelassen hat. Woher kommt unsere Faszination an dieser Art Halbwelt?

Halbwelt ... Interessanter Name eigentlich, aber ja, so heißt das wohl. Ich weiß auch nicht. Vielleicht liegt’s ja daran, dass von der Politik über die Reichsten der Reichen bis zu Konzernchefs, die man gar nicht kennt, alles große Gauner sind. Die Dinge tun, die wir uns nicht einmal vorstellen können. Da sind mir   die kleinen Gauner irgendwie sympathischer, die gerade so überleben, von einem Problem ins nächste stolpern und dabei von einem besseren Leben träumen, das wir alle nachvollziehen können. 

Sie haben vorher Bremen erwähnt, wo Sie aufgenommen haben. Und Sie haben in Norddeutschland auch eine wirklich große Fan-Base.  Werden Sie dort eigentlich überhaupt verstanden? 

Erstaunlich wenig. (lacht) Nein wirklich, ich hab mir schon gedacht, dass das nicht so ein Problem ist! Aber nach Gesprächen mit Fans aus dem Norden, so nach Konzerten, bin ich draufgekommen: Die verstehen höchstens ein paar Worte. Und die nicht immer richtig. Aber ich denk mir, vielleicht ist das mit mir dort so wie mit dem Eros Ramazotti bei uns. Wir verstehen höchstens den Refrain, aber mögen ihn trotzdem. Und wir Österreicher gelten – auch wegen unserer völlig unverständlichen Aussprache – so irgendwie als exotisch. Daran könnt’s doch liegen, oder?

Andreas Bovelino

Über Andreas Bovelino

Redakteur bei KURIER freizeit. Ex-Musiker, spielte in der Steinzeit des Radios das erste Unplugged-Set im FM4-Studio. Der Szene noch immer sehr verbunden. Versucht musikalisches Schubladendenken zu vermeiden, ist an Klassik ebenso interessiert wie an Dance, Hip-Hop, Rock oder Pop. Sonst: Texte aller Art, von philosophischen Farbbetrachtungen bis zu Sozialreportagen aus dem Vorstadt-Beisl. Hat nun, ach! Philosophie, Juristerei und Theaterwissenschaft und leider auch Anglistik durchaus studiert. Dazu noch Vorgeschichte und Hethitologie, ist also auch immer auf der Suche einer archäologischen Sensation. Unter anderem.

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