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Verliebt in eine Serien-Welt

Die letzte Staffel „Outlander“, ein „Game of Thrones“ Spin-Off und „Peaky Blinders“ nun auch im Kino. Wieso uns in Zeiten immer kürzerer Formate manche Serien über Jahrzehnte hinweg begleiten.

Sechs Grad, dunkle Wolken und scharfer Wind aus Nordwesten. All das konnte Hunderte Fans nicht davon abhalten, Anfang März am New Yorker Broadway in Schlafsäcken und Campingstühlen vor der Alice Tully Hall auszuharren. Hatte der Veranstalter den ersten 500 von ihnen einen Platz für die Vorführung am nächsten Tag versprochen. Bei dieser Premiere, für die Fans aus Deutschland oder Australien angereist waren, handelte es sich jedoch nicht um einen neuen Blockbuster oder eine Indie-Komödie, sondern um den Beginn der achten Staffel „Outlander“.

Seit 2014 haben einander Caitriona Balfe als Claire und Sam Heughan als Jamie Fraser über Jahrhunderte, Kontinente und Kriege hinweg geliebt. Ihre Hingabe war fast ebenso beständig wie der Nebel in den schottischen Highlands. Gleich zu Beginn der Saga verliert sich Claire in diesem geheimnisvollen Dunst, stößt auf die magischen Steine von Craigh na Dun – und wird durch deren Kräfte aus dem 20. in das 18. Jahrhundert geschleudert.

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Caitriona Balfe als Claire und Sam Heughan als Jamie Fraser in Outlander.

©Starz

Nach 91 Episoden ist jetzt ihr letztes Kapitel angebrochen. Und das setzt bei einem Cliffhanger an: Faith, Claires und Jamies Baby, das in der zweiten Staffel gestorben ist, könnte doch noch leben. Und so überschlagen sich derzeit die Diskussionen in den Fanforen: Ist diese Wende fantastisch, dramatisch oder unentschuldbar?

Gegen die Schnelllebigkeit

Nun gab es in der jüngsten Vergangenheit ja eigentlich einen Trend hin zu kompakteren Miniserien. Man denke an die verstörend-ergreifende Analyse des jugendlichen Mörders Jamie im Vierteiler „Adolescence“, die einstaffelige Verfilmung des Stalker-Dramas „Baby Reindeer“ oder David Schalkos Miniserie „Kafka“. 

Diese Entwicklung, erörtert Anglistik-Professor Stefan Brandt von der Universität Graz, hängt mit verändertem Sehverhalten, Produktionsökonomie und der Logik der Streamingplattformen zusammen: „Auf diesen Plattformen geht es oft stärker um Aufmerksamkeit und schnelle Zugänglichkeit.“ Klassische Fernsehsender hätten hingegen auf lange Serienformate gesetzt. „Teilweise mit sehr vielen Episoden pro Staffel, weil diese über Jahre hinweg stabile Zuschauerbindungen erzeugen konnten.“

Reden über mit Dietrich Siegl

Die Lindenstraße, Deutschlands längte Wochenserie.

©Kurier/Gilbert Novy

Das war nicht nur im angloamerikanischen Raum der Fall: Die „Lindenstraße“ begleitete deutschsprachige Haushalte ab 1985 ganz 34 Jahre und 4 Monate – und hält damit den Rekord der langlebigsten deutschsprachigen Serie. Auf knapp 34 Jahre kommt bereits die tägliche Seifenoper „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“. Und sogar noch länger, nämlich 56 Jahre, begleitet uns die Krimiserie „Tatort“.

Ganz groß gefragt

Doch gleichzeitig zeigen mehrere jüngere Produktionen, dass lange Serienformate nicht nur weiter präsent sind, sondern womöglich besser denn je funktionieren: Rund 1.000 Menschen verfolgten in der Alice Tully Hall den „Outlander“-Staffelstart. 100.000 Peaky-Blinders-Fans sicherten sich Anfang März Tickets für den neuen Film „The Immortal Man“ um das letzte Drama des skrupellosen und doch sagenhaft charmanten Gangsterleader Thomas Shelby auf großer Leinwand zu verfolgen, obwohl der Film seit gestern auf Netflix ist.

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Der neue Peaky-Blinders-Film ist ab dieser Woche auf Netflix.

©Robert Viglasky/Netflix

Manche Serien sind so erfolgreich, dass die Produzenten den Kosmos nach dem eigentlich Serienende in Spin-Offs oder Prequels weiterleben lassen. Zu Jahresbeginn brachte HBO mit „A Knight of Seven Kingdoms“ Neues aus dem „Game of Thrones“-Universum. Das Prequel basiert auf George R.R. Martins Novelle „The Hedge Knight“ und erzählt die Abenteuer von Ser Duncan dem Großen und seinem Knappen Egg.

Verliebt in eine Welt

Aber warum verlieren wir uns eigentlich so gerne in langen Serien? „Das hat viel mit ihrer besonderen Zeitstruktur zu tun“, sagt Lisa Gotto, Professorin am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien. „Wir entwickeln emotionale Bindungen zu Figuren, weil wir so viel Zeit mit ihnen verbringen.“ Dadurch entstehe ein Gefühl von fast schon biografischer Vertrautheit. „Gleichzeitig erzählen moderne Serien weniger einzelne Geschichten als ganze narrative Ökosysteme.“ Sie würden komplexe Welten aufbauen, in die man immer wieder zurückkehre.

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Mehrstaffelige Serien bauen narrative Ökosysteme auf, sagt Lisa Gotto.

©Starz

„Outlander“-Superfan Lisa schildert in ihrem Podcast „Outlandish Hot“ etwa, sie habe schon bei der Staffelzusammenfassung geschluchzt. Konnte sie doch endlich wieder in die vertraute Welt von Claire und Jamie eintauchen.

Langzeitserien“, ergänzt Gotto, „bieten eine Art kontinuierliche Gegenwart. Während sich unser eigenes Leben verändert, bleibt das Serienuniversum bestehen und entwickelt sich parallel weiter. Man könnte sagen: Wir verfolgen nicht nur eine Geschichte, sondern führen über Jahre hinweg eine Beziehung zu einer Erzählwelt.

Ein Umstand, den „Outlander“-Produzent Matthew Roberts zum Staffelende mit berührenden Worten anerkannte: „Wenn wir unser Herz an eine Geschichte verlieren – wenn wir fiktive Figuren für uns real werden lassen – endet das nicht, wenn der Abspann zum letzten Mal läuft. Geschichten sterben nicht. Sie werden nur nicht mehr erzählt. Und dann gehören sie zu euch. Für immer.

Anna-Maria Bauer

Über Anna-Maria Bauer

Schreibt seit 2021 als freie Autorin aus London für den KURIER über Politik, Royals und Lifestyle. Zuvor acht Jahre in der Wien-Chronik.

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