Liebe mit Ablaufdatum: Der Ärger mit dem "plötzlichen Serientod"
Algorithmen, Cliffhanger – und gebrochene Serienversprechen. Warum empfehlen uns Streamingdienste Serien, die sie selbst nie zu Ende erzählt haben?
Diese Serien gefallen Ihnen bestimmt! – Unsere Geheimtipps für Sie! – Ihre Auswahl für ein Binge-Wochenende! Die Algorithmen der Streaming-Anbieter scheinen uns besser zu kennen als unsere jeweiligen Lebensabschnittspartner. Sie wissen, wann wir düstere Stoffe brauchen und wann Eskapismus, sie spüren unsere Schwäche für Antihelden, Zeitsprünge, gebrochene Familien oder Weltuntergänge.
So brav wir Daumen nach oben oder unten verteilen, so erstaunlich treffsicher sind viele der Serien, die uns Netflix, Amazon & Co. vorschlagen.
Brit Marlings „The OA“ wurde eiskalt abgesetzt. Ihr aktuelles Projekt „A Murder at the End of the World“ konzipierte sie lieber gleich als Miniserie
©JoJo Whilden/NetflixAuch ältere Serien tauchen hier auf, „Westworld“ etwa oder „The OA“ oder „Night Sky“, jene leise, zutiefst melancholische Sci-Fi-Serie mit Sissy Spacek und J. K. Simmons, in der ein älteres Ehepaar im Hinterhof ein Portal zu einem fremden Planeten entdeckt.
Vorschläge, über die man sich freut, weil sie einen Nerv treffen, den die KI in unseren Sehgewohnheiten freigelegt hat.
Und genau hier beginnt das Problem.
Denn allzu oft folgt auf die Euphorie die grausame Erkenntnis: Diese Beziehung war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Sie hatte ein Ablaufdatum – eines, über das man uns nicht informiert hat. Keine Warnung, kein Hinweis, kein „Achtung, diese Serie endet abrupt und ohne Abschluss“.
Stattdessen: Cliffhanger. Schwarzblende. Abspann.
Nehmen wir „The OA“: Eine der eigenwilligsten Netflix-Produktionen überhaupt, getragen von Brit Marling, die auch Mitschöpferin war. Eine Serie über alternative Dimensionen, Traumata, kollektives Erzählen – und darüber, dass Geschichten Türen öffnen können. Nach zwei Staffeln abgesetzt mit einem Meta-Cliffhanger, der das Serienuniversum sprengte.
Begründung: zu teuer, zu wenig Reichweite.
Fans reagierten mit Petitionen, Flashmobs, Hungerstreiks vor Netflix-Gebäuden. Vergeblich.
Oder: „The Peripheral“. Amazon hatte die Serie nach der ersten Staffel bereits verlängert, ein seltenes Vertrauenssignal in Zeiten nervöser Algorithmen.
Im Zentrum: Chloë Grace Moretz, einst Kinderstar, längst aber im Erwachsenenfach angekommen, kühl, präsent, perfekt besetzt als junge Frau, die zwischen einer kaputten Gegenwart und einer noch kaputteren Zukunft pendelt.
Die Serie basierte auf einem Roman von William Gibson, der Begriffe wie „Cyberspace“ prägte, als andere noch an Telefonzellen glaubten. „The Peripheral“ war klassische Gibson-Kost: komplex, verschachtelt, technologisch kühn, politisch unterfüttert.
Keine Serie zum Nebenbeischauen, sondern eine, die Konzentration einforderte – und genau darin lag wohl auch ihr Schicksal.
Offiziell begründete Amazon das plötzliche Aus mit den Folgen des Autorenstreiks in Hollywood.
Inoffiziell zeigte sich einmal mehr: Selbst eine bereits verlängerte Serie ist nicht sicher.
Der Cliffhanger am Ende der ersten Staffel – mehrere Zeitebenen offen, Machtverhältnisse ungeklärt, Figuren in akuter Gefahr – wirkt heute fast zynisch. Als hätte man den Stecker mitten im Satz gezogen.
Die nüchterne Wahrheit: Serien werden nicht mehr zu Ende erzählt, sondern ausgewertet. Gemessen wird nicht, ob eine Geschichte gut ist, sondern ob sie schnell genug süchtig macht.
Wer nicht sofort funktioniert, fliegt. Das Bittere daran: Genau jene Serien, die Zeit brauchen, die Tiefe entwickeln, die wachsen wollen, sind besonders gefährdet. Also jene, die uns wirklich berühren.
Vielleicht wäre es also nur fair, wenn Streamingdienste künftig ein kleines Warnschild einblenden müssten. So wie auf Zigarettenpackungen. „Diese Serie kann süchtig machen. Aber sie endet abrupt.“
Also ja, der Algorithmus kennt uns. Aber er liebt uns nicht.
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