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Ein Film wie ein Atemzug: Der geniale Kopf hinter "Adolescence"

Regisseur Philip Barantini hat ein technisches Kunststück zur emotionalen Waffe gemacht. Seine Werke fühlen sich an wie gelebte Zeit – ohne Schnitt, ohne Schutzraum.

Hitchcock hätte seine Seele verkauft für das, was Philip Barantini mit Adolescence gelungen ist. Für eine Kamera, die länger laufen darf als eine Filmrolle, für Darsteller, die nicht von Schnitten gerettet werden – für die Möglichkeit, Zeit nicht zu formen, sondern ihr ausgeliefert zu sein.

Denn genau das ist der große Trick – und die große Zumutung – des One-Take-Shots: Kein Schnitt zum Durchatmen, kein Perspektivwechsel als Fluchtweg, keine elegante Ellipse, die das Unangenehme überspringt. Der One Take zwingt das Publikum, dabei zu bleiben. Er lässt uns nicht los.

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©APA/AFP/FREDERIC J. BROWN

Philip Barantini hat dieses technische Kunststück zur emotionalen Waffe gemacht. Seine Filme und Serien fühlen sich nicht an wie Inszenierung, sondern wie gelebte Zeit. Man schaut nicht zu, man steckt drin. 

Dabei ist der Traum vom „ungeschnittenen Jetzt“ so alt wie das Kino selbst. Die Regielegenden des 20. Jahrhunderts waren besessen von der Idee, Zeit eins zu eins abzubilden. Orson Welles eröffnete Touch of Evil mit einer legendären Plansequenz, die bis heute als Maßstab gilt,  später machten Theo Angelopoulos und Béla Tarr die lange Einstellung zum poetischen Prinzip.

Und Alfred Hitchcock? Der wollte mehr als alle anderen. Mit Rope (1948) versuchte er, einen Film zu drehen, der sich wie ein einziger Atemzug anfühlt. Doch die Technik machte ihm einen Strich durch die Rechnung: Eine Filmrolle erlaubte damals rund zehn Minuten Laufzeit. 

Hitchcock half sich mit „unsichtbaren Schnitten“ – die Kamera fuhr auf dunkle Flächen, auf Rücken, auf Möbel. Ob Rope ein echter One Take ist oder nur so tut, darüber streiten Filmhistoriker noch immer. Was Hitchcock fehlte, hat Barantini heute. Digitale Kameras, die endlos laufen können. Präzise Funktechnik. Drahtlose Tonaufzeichnung. 

Barantini, 1980 in Liverpool geboren, kommt nicht aus der Technik-Ecke, sondern vom Schauspiel, dem Theater. Er kennt den Stress, die Fehler, das Zittern vor der Kamera. Vielleicht ist genau das der Grund, warum seine One-Take-Arbeiten nie nach Zirkusnummer aussehen. Bei ihm ist der One Take kein „Schaut her, was wir können“, sondern ein erzählerisches Werkzeug. 

In Boiling Point folgt die Kamera einem Koch durch einen eskalierenden Abend in einer Restaurantküche. In der Netflix-Serie Adolescence überträgt Barantini dieses Prinzip auf ein soziales Minenfeld: Jugend, Gruppendynamik, Gewalt, Verantwortung. Die Kamera bleibt dran, auch wenn es weh tut. Gerade dann!

Der Effekt ist brutal ehrlich. Der One Take nimmt den Figuren – und uns – jede Möglichkeit, uns neu zu sortieren. Kein Schnitt bedeutet: keine Erlösung. Jeder Fehler bleibt sichtbar, jede Eskalation unausweichlich. Der One Take zwingt das Publikum, dabei zu bleiben. Und genau deshalb ist er so immersiv. Man glaubt wirklich, dabei zu sein.

Dass Barantini diese Technik auch auf einen Ed-Sheeran-Konzertfilm angewandt hat, ist kein Ausreißer, sondern konsequent. Auch hier geht es um Präsenz, um das Gefühl, Teil eines Moments zu sein, der nicht wiederholt werden kann. Keine Montage, keine Verdichtung – nur Zeit, die vergeht: Der Traum vom ungeschnittenen Jetzt. 

Vielleicht ist das der Grund, warum Barantinis Arbeiten so nachhallen. Sie sind unbequem in einer bequemen Streaming-Welt  voller Pausenknöpfe, Algorithmen und Multitasking. Sie verlangt Aufmerksamkeit. Präsenz. Hingabe. 

Barantini beweist, dass der One-Take-Shot keine nostalgische Zirkusnummer ist, sondern die Zukunft des emotionalen Erzählens. 

Andreas Bovelino

Über Andreas Bovelino

Redakteur bei KURIER freizeit. Ex-Musiker, spielte in der Steinzeit des Radios das erste Unplugged-Set im FM4-Studio. Der Szene noch immer sehr verbunden. Versucht musikalisches Schubladendenken zu vermeiden, ist an Klassik ebenso interessiert wie an Dance, Hip-Hop, Rock oder Pop. Sonst: Texte aller Art, von philosophischen Farbbetrachtungen bis zu Sozialreportagen aus dem Vorstadt-Beisl. Hat nun, ach! Philosophie, Juristerei und Theaterwissenschaft und leider auch Anglistik durchaus studiert. Dazu noch Vorgeschichte und Hethitologie, ist also auch immer auf der Suche einer archäologischen Sensation. Unter anderem.

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