Simon Verhoeven und Senta Berger: "Privat zanken wir uns mehr"
Simon Verhoeven über "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke", den Dreh mit Mutter Senta Berger und die Trauer um den Vater.
Der Kampf auf der Schauspielschule, das Leben bei den schrulligen Großeltern – davon erzählte Burg-Liebling Joachim Meyerhoff in seinem erinnernden Bestseller „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“: witzig, berührend, gefühlvoll; ein Buch über Abschiede. Etwas, das Simon Verhoeven wie auch seine Mutter Senta Berger gut nachfühlen können. 2024 starb Michael Verhoeven, Vater und Ehemann der beiden.
Joachim Meyerhoffs Roman handelt von einem jungen Mann, der versucht, Schauspieler zu werden. Die Großmutter war ein Filmstar. Fühlten Sie sich beim Lesen an sich selbst erinnert?
Es gibt Parallelen. Wie der Meyerhoff-Held habe ich mich auch gefühlt, auf der Schauspielschule: unsicher, überfordert, mit dem Gefühl ständigen Scheiterns konfrontiert. Darin habe ich mich wiedergefunden. Und natürlich im Künstlerhaushalt. Literatur, Theater, Film, das war auch bei uns von enormer Wichtigkeit und wurde mit großem Ernst besprochen. Das kenne ich von zuhause. Es geht immer beinahe um alles.
Die Lücke im Leben, die das Buch behandelt – was ist Ihre persönliche Lücke?
Bei mir ist es mein Vater, der vor zwei Jahren verstorben ist. Dem Schmerz über einen Menschen, der nicht mehr da ist, fühle ich mich sehr nahe. Mein größter Wunsch wäre, dass mein Vater noch da wäre und wir noch ein paar Jahre länger gehabt hätten.
Wie hat Ihr Vater Sie geprägt?
Auf vielen Ebenen. Zum Beispiel ist mein Vater jeden Samstag mit mir ins Kino gegangen. Danach haben wir die Filme im Wohnzimmer für die Familie nachgespielt, vor allem für die Oma, etwa Disney-Klassiker wie „Bernhard und Bianca“. Das war sehr witzig. Ich habe oft in einer Fantasiewelt gelebt und mir Geschichten ausgedacht oder Comics gezeichnet. Mein Vater hat nie gesagt, ich solle den Quatsch lassen. Er war generell ein sehr ermutigender Papa.
Spürten Sie als Kind den Künstler, den Regisseur als Vater?
Er war kein verkopfter Künstler-Papa, sondern auch einer, der mich beim Fußball angefeuert hat. Aber natürlich habe ich auch erlebt, wie er völlig in seinen Projekten aufging, sodass man nicht viel von ihm hatte. Auch im Urlaub hat er an Drehbüchern mit einer Obsession gearbeitet, die ich damals nicht verstanden habe. Heute im Nachhinein schon. Es geht einfach oft nicht anders, wenn man schreibt.
Man muss natürlich damit leben, dass deine Mutter trotzdem deine Mutter ist und dich mal vor allen Teammitgliedern fragt, ob du warm genug angezogen bist oder ob du Milch im Kühlschrank hast.
Wie akzeptiert es Ihre Mutter, die sehr selbstbewusst ist, wenn der Sohn ihr Regisseur ist und ihr Anweisungen gibt?
Erstaunlich gut, ehrlich gesagt – privat zanken wir uns mehr. Weil das präzise Drehbuch sie überzeugt hat, hatte sie großes Grundvertrauen, dann folgte das gemeinsame Entdecken der Rolle im Detail. Außerdem fehlt an einem Filmset ja auch die Zeit, sich groß zu streiten. Es stehen 40 Leute um einen herum, da spart man sich Diskussionen, die man vielleicht privat führen würde. Wir hatten ein sehr liebevolles, aber auch sehr professionelles Verhältnis während des Drehs.
Hat sie sozusagen Rücksicht genommen, die Autorität des Regisseurs nicht unnötig zu untergraben.
Ich denke, hätte ihr beim Dreh etwas missfallen oder eine Anweisung nicht eingeleuchtet, hätte sie es angesprochen, aber nicht auf unsensible Art. Aber tatsächlich kam das diesmal gar nicht vor. Man muss natürlich damit leben, dass deine Mutter trotzdem deine Mutter ist und dich mal vor allen Teammitgliedern fragt, ob du warm genug angezogen bist oder ob du Milch im Kühlschrank hast. Das ist aber auch witzig und erzeugt ein familiäres Gefühl. Wir hatten ein Miteinander am Set, das Ringen um Autorität war kein Thema.
Am Filmset: Regisseur Verhoeven mit Senta Berger, Hauptrolle Bruno Alexander und Michael Wittenborn
©2026 Komplizen Film GmbH / Doll Filmproduktion GmbH / Warner Bros. Entertainment GmbH / Constantin Film ÖsterreichAls Sie begonnen haben, Filme zu drehen, wie groß war da Ihr Ehrgeiz, sich von den großen Namen Ihrer Eltern zu lösen?
Ich hatte mit dem Ruhm meiner Eltern große Probleme und würde sagen, das war eine Triebfeder für meinen Ehrgeiz, weil es mich belastet hat. Das ergeht wohl jedem ähnlich, der einen Beruf ausüben will, den die Eltern auch machen und noch dazu sehr erfolgreich. Es braucht Mut, diesen Weg einzuschlagen. Deswegen war es für mich anfangs wahnsinnig nervig, immer auf das Attribut „der Sohn von“ reduziert zu werden. Ich steckte damals ohnehin voller Zukunftsängste.
Wie haben Sie dann Ihren Platz in der Welt und im Beruf gesucht und gefunden?
All das hat einen Ehrgeiz in mir ausgelöst, mit Disziplin und Dickschädeligkeit an meinen Drehbüchern zu arbeiten. Damals hat sich für die wirklich niemand interessiert. Nach meiner Zeit auf der Filmhochschule und meinem ersten Film habe ich sieben Jahre lang kein Projekt auf die Reihe bekommen. Ich hatte oft das Gefühl, ich sei gescheitert. Nicht nur „der Sohn von“, sondern noch dazu einer, der nichts zustande gebracht hat. Das hat in mir eine große Wut entfacht, dran zu bleiben. Und mich über die Jahre besser gemacht in dem, was ich mache.
Hat sich damit gewissermaßen eine Lücke geschlossen?
Wie im Buch ging es auch bei mir um eine Diskrepanz zwischen dem, was man sich ersehnt, und dem was man in der Realität erlebt. Es ist ein immerwährender Prozess, dass man das zu vereinen versucht – oder sich klar darüber wird, dass es einem nicht gelingt und man dafür ein anderes Kapitel aufschlägt. Unsere Lücken, Versäumnisse, Fehler machen uns menschlich. Machen uns zu den Charakteren, die wir sind. Auch wie wir alle mit unerfüllten Wünschen zurechtkommen. Zurechtkommen müssen.
Gibt es einen unerfüllten Wunsch, der Sie bis heute plagt?
Mit 15 war ich Stürmer in der Jugendmannschaft bei 1860 München und wollte Profifußballer werden. Eine schwere Verletzung bedeutete aber ein abruptes, bitteres Ende und ich musste diesen Traum aufgeben. Ich lag drei Monate im Krankenhaus, das war eine Zäsur bei mir.
Inwiefern?
Ich habe mich von einem Traum verabschiedet, aber einen anderen mehr zugelassen. Ich konnte mich zum ersten Mal richtig mit Drehbuchschreiben beschäftigen. Das war eine wichtige Zeit. Später träumte ich davon, nach der Filmhochschule in Hollywood Erfolg zu haben. Ich hatte auch ein paar große Chancen dort, manche habe ich knapp nicht bekommen, andere leichtfertig vertan. Heute bin ich damit im Reinen. Ich mache die Filme, die ich machen will und sie sind sehr persönlich.
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