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Immer mehr türkische Serien: Was hinter dem Streamingboom steckt

Von "Ein anderes Selbst" bis "Mitternacht im Pera Palace": Serien aus Istanbul und Umgebung sind Exportschlager. Nachfrage und Angebot steigen massiv – und Drehorte werden zu Touristenmagneten.

Erst übernachteten hier Aristokraten, Agatha Christie schrieb ihren „Mord im Orientexpress“, James Bond machte in „Liebesgrüße aus Moskau“ Station und zu Mitternacht reist man mit einem alten Zimmerschlüssel durch die Zeit – zumindest in der Serie „Pera Palace“. Das gleichnamige Hotel ist spektakulärer Drehort und bietet durch sein historisches Auftreten einen starken Kontrast zur modernen Geschichte. Das macht die Serie spannend, nicht nur im Inhalt, sondern auch in der Machart.

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„Pera Palace“ im gleichnamigen Hotel umfasst derzeit zwei Staffeln. 
Ob es weitere geben wird, ist noch unklar, gilt aber als wahrscheinlich

©Pera Palace Hotel

„Pera Palace“ ist eine von vielen Produktionen aus der Türkei, die die Streamingplattformen über die vergangenen Jahre hinweg kontinuierlich und in einem beachtlichen Ausmaß erobert haben – denken wir etwa an „Der Schneider“ (Ästhetik total, 3 Staffeln), „Der Vogel und die Löwin“ (Karriere-Thriller, 3 Staffeln), „Ein anderes Selbst“ (für Fans spiritueller Weltsichten, 2 Staffeln), „Altes Geld, neue Liebe“ (ein Luxus-Liebesdrama, 1 Staffel, Dreharbeiten für eine zweite Staffel wurden 2026 begonnen) oder „The Protector“ (eine Art Superhelden-Geschichte, 4 Staffeln). Vor kurzem hat es auch die Romanze „Alles für die Liebe“ auf Anhieb in mehr als 100 Ländern in die Streamingcharts geschafft.

Liebe, Schuld und Moral

Darin geht es um eine dramatische Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die aus unterschiedlichen Welten kommen. Kemal ist eiskalter Schuldeneintreiber und verliebt sich in die verschuldete Drehbuchautorin Afife. Ihr Restaurant steht vor dem Aus. Hinter den beiden toben die Einflüsse der jeweiligen Familien, dennoch entwickelt sich eine emotionale Beziehung, die nicht nur das Leben der beiden, sondern auch das ihrer Familien verändert. Es geht um Liebe, Schuld, Moral, familiäre Verpflichtungen und gesellschaftliche Erwartungen – also nicht nur um Romantik.

Ebenso neu in der Serienwelt und seit Mitte Februar auf Netflix zu streamen ist „Das Museum der Unschuld“, eine aufwendige Produktion, die im Istanbul der 1970er-Jahre spielt. Es ist die intensive und tragische Liebesgeschichte zwischen Kemal (der Name scheint in der Türkei sehr beliebt zu sein) und Füsun. Er, ein gut situierter junger Mann, sie, eine junge Verkäuferin aus einfachen Verhältnissen. Trotz der anstehenden Verlobung mit einer von der Familie akzeptierten Braut, ist Kemal von Füsun emotional überwältigt. Seine Gefühle arten sogar in Besessenheit aus. Aus persönlichen Gegenständen von ihr beginnt er ein ganz persönliches „Museum“ zu erschaffen: eine Sammlung, die für unerfüllte Liebe und Sehnsucht steht – und den Versuch, die Vergangenheit festzuhalten.

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In „Alles für die Liebe“ geht es um Schuld, Moral und familiäre Verpflichtungen

©Netflix

Begonnen hat der Erfolgskurs türkischer Produktionen aber viel früher, etwa mit Dramen wie „Ezel“, „Das prächtige Jahrhundert“ oder „Silber“. Zuerst wurden diese Serien vor allem in arabischsprachigen Ländern ausgestrahlt, schnell folgte aber auch Europa. Heuer wird noch das Anlaufen von „Reborn“ oder „Sins and Roses“ erwartet. Türkische Produktionen haben also Hochkonjunktur, in fast 200 Länder werden sie verkauft, was inzwischen auch einen Wirtschaftsfaktor für das Land darstellt. Schätzungen zufolge soll die Eine-Milliarde-Dollar-Marke pro Jahr geknackt werden, die Nachfrage nach Serien aus Istanbul und Co. ist laut dw.com zwischen den Jahren 2000 und 2023 um 184 Prozent gestiegen.

Drehorte als Tourismusmagnete

Das spürt auch der Tourismus im Land: Die Türkei verzeichnete im Jahr 2024 ein Rekordjahr mit mehr als 60 Millionen Besuchern. Im Vorjahr führte das besonders im Sommer zu hohen Preisen, was die Buchungen wieder etwas einbrechen ließ. Im Großen und Ganzen wird Experten zufolge heuer aber eine Fortsetzung des positiven Trends erwartet.

A Seagull flies by the Dolmabahce Palace, Bosphorus, Istanbul, Turkey

Die Villen am Bosporus sind zu Touristenmagneten geworden

©Getty Images/iStockphoto/Anton Aleksenko/iStockphoto

Eigene Touren machen Drehorte zu beliebten Zieldestinationen in Istanbul oder auch Kappadokien – etwa der Topkapi-Palast, wo der Krimithriller mit Melina Mercouri und Peter Ustinov gedreht wurde. Auch Szenen für „Das großartige Jahrhundert“ entstanden dort. Darüber hinaus dienen prachtvolle Villen am Bosporus als Schauplatz vieler Serien, und sie stehen bei den Serienfans hoch im Kurs. Ebenso das Viertel Balat in Istanbul, oder die Ägäis-Region mit ihren Buchten und Ruinen. Touristenmagnet ist natürlich auch der Pera Palast selbst, heute ein Luxushotel. Ursprünglich wurde es für Passagiere des Orient Express gebaut, um diesen einen gehobenen Standard zu bieten. Dort können Gäste Zimmer buchen, in 411 übernachtete übrigens oft Agatha Christie.

Ob es eine Fortsetzung in Form einer weiteren Staffel von „Pera Palace“ geben wird, ist noch nicht klar. Zwar kursieren immer wieder Gerüchte, sogar rund um einen konkreten Start im Herbst 2026, eine offizielle Bestätigung dazu steht aber aus. Inhaltlich gäbe es jedenfalls gute Anknüpfungspunkte, die Handlung könnte sich auf die Reparatur der Zeitlinien konzentrieren – der Cliffhanger am Ende der zweiten Staffel lässt Fans auf eine Fortsetzung hoffen.

Marlene Auer

Über Marlene Auer

Chefredakteur-Stellvertreterin KURIER, sowie Chefredakteurin KURIER-freizeit und KURIER-leben. War zuvor Chefredakteurin bei Falstaff und Horizont, werkte auch als Journalistin in Chronik und Innenpolitik bei Tages- und Wochenzeitungen. Studierte Qualitätsjournalismus.

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