Kultregisseur Jim Jarmusch: „Ich bin wie ein Dirigent“
Jim Jarmusch ist der coole König des Independent-Kinos. Ein Gespräch über Familie, Schauspieler und wilde Nächte mit Tom Waits.
Jim Jarmusch hat Probleme mit der Kamera. Einer gewissen Komik entbehrt das natürlich nicht, wie der Kultregisseur da in New York mit ratlosem Blick und offenem Mund in seinem Wohnzimmer sitzt, vor Bücherregal und Kaffeeküche, und an seinem Laptop an der Webcam herumfuhrwerkt. So ein Videocall birgt eben manchmal seine Tücken. Da hilft es auch nicht, dass der Mann so gut wie seine ganzen 73 Jahre dem Leben vor und hinter der Kamera gewidmet hat.
Jim Jarmusch, das ist jener Mann, der in den Achtzigerjahren ein neues Coolness-Gefühl auf der Leinwand etabliert hat. Mit seinem minimalistischen Stil und dem smoothen Lebensgefühl wurde er zum König des Independent-Kinos. Dazu passte die stets unveränderte Aufmachung, mit der er sich präsentierte: graue Haarpracht, schwarze Sonnenbrille, verspieltes Lächeln – Jim Jarmusch, das war die personifizierte New Yorker Coolness. Auch heute, im Zoom-Call, sieht er aus, als wäre er kein Jahr gealtert: ein Arthouse-Asket und cineastischer Samurai. Die Kamerakrise bewältigt er, wie man es aus seinen Filmen kennt: mit liebevollem Charme und lakonischem Witz. Unversehens ist man in einen Jarmusch-Film hineingeraten.
Film "Stranger than Paradise": Wartet das Glück in Florida?
©Filmarchiv AustriaEin Außenseiter in New York
Eine wunderbare Ziellosigkeit durchzieht seine Filme. Es passiert nicht viel, aber das muss es auch nicht. Plotgetriebene Blockbuster-Fans waren bei Jarmusch stets an der falschen Adresse. Für alle anderen war er eine wichtige, ja eine ersehnte Stimme. Ein Außenseiter, der Geschichten über Außenseiter erzählte. „Stranger than Paradise“ aus 1984 zeigte Willie, einen Ungarn in Amerika, mit Kumpel und Cousine sucht er das Paradies – und das liegt für sie in Florida. Eine fragmentarische Story, für die Jarmusch die Goldene Palme in Cannes gewann; ein Werk in einzelnen Einstellungen und in Schwarzweiß, ein Film über Fremdsein, ein Roadmovie – aber auch ein Film über Familie.
Mit „Father Mother Sister Brother“ stellt Jarmusch erneut die Familie ins Zentrum seiner Betrachtungen. Komponiert ist der Film in drei Episoden, alle drei bilden die Beziehungen erwachsener Kinder zu ihren Eltern ab: von kompliziert bis distanziert. Einmal besuchen ein Sohn (Adam Driver) und seine Schwester (Mayim Bialik aus „The Big Bang Theory“) ihren störrischen Vater (Tom Waits) in New York. In Dublin bekommen es zwei Schwestern (eine davon: Cate Blanchett) mit ihrer berühmten wie kühlen Autoren-Mutter (Charlotte Rampling) zu tun. Und in Paris werden Zwillinge gezeigt, die nach dem Tod ihrer Eltern ihre Vergangenheit aufarbeiten. Sorgfältige Charakterstudien, für die der Regisseur den Goldenen Löwen in Venedig gewann.
Familie: schwierig
Warum gerade das Thema Familie? „Eigentlich war das für mich nicht wirklich ein Thema. Aber es ist etwas, mit dem wir uns alle irgendwann einmal beschäftigen – und es ist irgendwie immer kompliziert.“ Persönliche Einflüsse versuchte der Filmemacher zu vermeiden. „Der Film hat nichts mit mir zu tun“, so Jarmusch. „Tatsächlich habe ich mich sogar bewusst von meinem Leben distanziert.“
Dennoch gibt es Einsprengsel, etwa in der Sequenz über die Zwillinge. „Meine Mutter war die Zwillingsschwester ihres Bruders. Sie hatten eine sehr starke telepathische Verbindung. Wenn das Telefon klingelte, sagte sie: ,Oh, das ist Bob’, und wenn sie ans Telefon ging, war es tatsächlich mein Onkel Bob. Als Kind dachte ich, das sei normal.“
Meine Filme sollen zeitlos sein. Ich sehe sie als kleine filmische Gedichte, die zu jeder Zeit gültig sind.
Was hier so zärtlich anklingt ist aber insgesamt Teil einer eher komplizierten Kindheit. „Ich habe gemischte Gefühle, was Familien angeht“, so Jarmusch. Sein Großvater sei ein Krimineller gewesen, der die ganze Zeit im Gefängnis saß. Seine Großmutter war Lehrerin und versuchte, das Essen auf den Tisch zu schaffen. Die Kinder blieben oft alleine.
„Meine eigene Familie habe ich als Teenager verlassen“, stellt Jarmusch beinahe ernüchtert fest. „Familien sind für mich zum Teil ein Konstrukt der kapitalistischen Wirtschaft.“ So habe sein bester Freund lange bei den Bayakas, einem Volk der Pygmäen in Zentralafrika gelebt. Um die Kinder hätten sich alle im Dorf gekümmert, ihnen Liebe geschenkt, nicht nur die engsten Angehörigen – ein Konzept, mit dem sich der Regisseur anfreunden kann. Ein familiäres Orchester, vielleicht, und ein Konzept, das Jarmusch auf gewisse Weise auf seine Filme umlegt. „Father Mother Sister Brother“ beschreibt er als „Musikstück in drei Sätzen“.
Mit dem Jaguar durch New Orleans
Bei Schauspielern setzt er auf ein Stammensemble. Sein großer Verbündeter Tom Waits taucht in mehreren Filmen auf, etwa in „Down by Law“ über drei Gefängnisausbrecher (mit Roberto Benigni); Tilda Swinton spielte in „Only Lovers Left Alive“ oder der Zombie-Komödie „The Dead Don’t Die“; Bill Murray in „Broken Flowers“ oder „Coffee and Cigarettes“. „Ich bin eine Art Dirigent“, so Jarmusch über die Arbeit mit den Akteuren, „aber ich bin auch sehr kooperativ. Ich schätze Schauspieler, schreibe meine Filme für jene, mit denen ich arbeiten will. „Father Mother Sister Brother“ fing damit an, dass ich überlegte, wie es wäre wenn Tom Waits den Vater von Adam Driver spielt.“
Waits, der Sänger mit der Reibeisenstimme, habe ihn „mit seiner Art, nicht in alten Mustern zu denken, sondern offen für Neues zu sein, sehr beeinflusst“, so Jarmusch. Zudem hätten sie „viele seltsame Erfahrungen“ zusammen gemacht. So seien sie beim Dreh von „Down by Law“ drei Nächte hintereinander mit einem schwarzen Jaguar, den sie für den Film zur Verfügung hatten, durch New Orleans gejagt. Der einzige Begleiter des verrückten Duos: eine Kassette mit dem Song „Cry Me A River“ von Julie London.
Auf leise Soundtrack-Einwände hätte Waits gemeint: „Was brauchen wir mehr?“ Die Story ist erneut eine Parallele zu den Filmen von Jarmusch: die Reduktion auf das Wesentliche. Die Moral seines neuen Films? „Es gibt keine Moral“, so der Regisseur. „Ich verkünde keine Proklamationen. Wenn ich einen Film schreibe, dann nicht an die ganze Welt, sondern wie Zeilen an eine Geliebte. Meine Filme sollen zeitlos sein. Kleine filmische Gedichte, die immer gültig sind.“
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