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Nina Hagen im Interview: „Wir haben eine große Zukunft vor uns!“

Sie sorgte für Skandale – und feierte Erfolge, die uns heute gar nicht mehr bewusst sind: Nina Hagen meldet sich mit einem neuen Album zurück und zeigt sich frisch wie der junge Frühling.

Ihre Karriere verlief noch viel schillernder, als vielen Fans in Österreich überhaupt  bewusst ist: Nina Hagen schockte keineswegs nur die Nation mit einem frühen „Club 2“-Auftritt. 

Sie rockte gemeinsam mit Queen 300.000 Menschen in Rio im damals größten Open-Air der Welt, beeinflusste Londons Punk- und New Yorks Hip-Hop-Szene, zierte das Cover der Vogue, inspirierte Jean Paul Gaultier, machte David Bowie und Madonna zu ihren Fans – und den legendären Talkshow-Host David Letterman sprachlos. 

Jetzt, mit  71, hat sie eine neue Platte herausgebracht.

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©andjani autumn

 Gratulation zum neuen Album „Highway to Heaven“. Es ist eine ungemein positive Platte, so lebensbejahend – perfekt für den Frühlingsbeginn. 

Lebensbejahend ist  mein Lebensmotto! Die Message ist Love, Gott ist unser bester Freund. Wir haben eine große Zukunft vor uns.

Sie singen darauf sehr viel Gospel und Blues. Woher kommt Ihre Beziehung zu dieser Musik?

Ach, ich hab das schon als Kind geliebt. Janis Joplin und Tina Turner natürlich auch, aber von den alten Gospel-Sachen war ich einfach richtig fasziniert. Wie die beiden wahrscheinlich auch. Das ist Musik, die einen wirklich hochhebt.

Und Ihr Song „Highway to Heaven“ ist so etwas wie eine himmlische Umleitung  für AC/DC?

Ach ne, der Highway to Hell dieser Australier interessiert mich überhaupt nicht. Ich kann wirklich nicht verstehen, wie jemand in die Hölle gehen will ... Wahrscheinlich haben DIE das geschrieben, um sich irgendwie über das Original, das ich auf meiner Platte covere, lustig zu machen, falls sie es gekannt haben: „There’s a Highway to Heaven“ von der großen Sister Rosetta Tharpe.

Ach, das war diese fantastische schwarze Sängerin, die schon in den 1940er-Jahren eine richtig coole Gitarre spielte und Blues- und Gospel-Aufnahmen machte?

Genau von der spreche ich, richtig. Die war ihrer Zeit so richtig voraus – und heute kennt kaum jemand ihre tollen Songs. Auch deshalb musste ich sie covern. Es ist eine Hommage, wirklich. Sie hatte so einen unglaublichen Spirit, gilt ja auch als Godmother of Rock ’n’ Roll, obwohl sie eigentlich vom Gospel kommt.

Ist von ihr dann auch mein Lieblingssong auf Ihrem neuen Album: Dry Bones? Wirklich toller Sound, mit diesem Bass. Praktisch eine Dub-Variante.
Och danke! Und nein, das ist tatsächlich ein uralter Gospel aus dem frühen 20. Jahrhundert. Die Delta Rhythm Boys haben ihn dann  bekannt gemacht.
Sie haben zuvor  Ihre Kindheit in der DDR angesprochen. Wie kamen Sie ursprünglich mit westlicher Musik in Kontakt?

(Lacht) In der DDR gab’s doch angeblich alles, außer Bananen. Aber nein, das war schon eine schwierige Zeit. Wir lebten ja wie die Wellensittiche im Käfig. Schlimmer eigentlich, es sind ja schreckliche Dinge passiert, von denen man oft gar nicht wusste ... Mit ein Grund, warum ich mich heute so gegen Zwangspsychiatrie und dergleichen einsetze. Aber natürlich hatte man in einem Künstlerhaushalt kulturell mehr Optionen, denke ich.

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©andjani autumn
Sie kommen aus einem intellektuellen Background, Ihre Mutter war eine Grande Dame des ostdeutschen Theaters, Ihr Ziehvater war der Lyriker und Liedermacher Wolf Biermann.
Ja, stimmt. Und ich selbst war von elf bis 21, also quasi bis ich in den Westen bin, am Berliner Ensemble. Mit allem, was da an Theater dazugehört, Brecht natürlich immer eine Konstante. Dort hab ich den Mut entwickeln können, eine Bühnenperson zu werden.
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©andjani autumn

Konnten Ihre neuen musikalischen Kontakte im Westen damit was anfangen? Der durchschnittliche Musiker ist ja eher nicht so sehr an Theater, Philosophie, Oper ...  

Da muss ich Sie jetzt aber mal ganz schnell bremsen! Denn kein Musiker ist durchschnittlich, kein Mensch ist durchschnittlich. Wir sind alle etwas ganz Besonderes. Weil jemand etwas weiß oder schon mitbekommen hat, was jemand anderer vielleicht nicht hat, macht ihn das zu nichts Besserem. Die Punkies, die ich ’77 in London kennen gelernt hab, haben es geliebt, wenn ich ihnen Brecht oder Oper vorgesungen habe. Auch wenn sie nicht damit aufgewachsen sind.

Sie sind gleich, nachdem Sie in den Westen sind, nach London? Ich dachte Sie hätten als erstes in Berlin gleich mal Ihre Band gegründet?

Hab ich auch. Dann, schließlich. Aber die Plattenfirma hat gesagt, ich soll mir Zeit lassen und mich erst mal überall umhören, was so läuft, was mir gefällt. Da war ich dann in London, ’77, hab die Sex Pistols kennengelernt, Julian Temple ... Und vor allem die Slits, mit Ariane oder Ari-Up, wie sie sich dann als Sängerin der Band nannte. John Lydons Stieftochter aus Deutschland, Udo Jürgens war ihr Patenonkel ... Das war eine unglaubliche Zeit des Aufbruchs. Und danach hab ich mit den Jungs von Lokomotive Kreuzberg, einer politischen Prog-Rock-Band, die Nina Hagen Band gegründet.

Genau, die waren eigentlich alles andere als Punks.

Müssen ja auch keine Punks sein unbedingt. Es geht um den Spirit.

Jedenfalls ist mir eine sehr frühe Fernseh-Talkshow mit Ihnen aufgefallen ...

Ach, Sie meinen die in Österreich?

Nein, die wollte ich eigentlich gar nicht ansprechen.

Aber wieso? Das MÜSSEN Sie!

Also gut, reden wir über die Skandal-Sendung. Das war im Club 2.

Genau, und dasEinzige, was mir wegen damals leid tut, ist, dass der liebe Dieter Seefranz deshalb gefeuert wurde. Der konnte wirklich nichts dafür und war ein unglaublich angenehmer, intelligenter Mensch. Aber dieser eine Typ hat mich so provoziert mit seinen Ansichten zur weiblichen Sexualität und zum weiblichen Orgasmus, dass ich ihm ganz einfach zeigen musste, wie das läuft ...

Das haben Sie auch. Und Dieter Seefranz hat sich wie ein Gentleman verhalten. 

Stimmt, das war er: ein Gentleman.

Aber eigentlich meinte ich Ihren ersten Auftritt im deutschen TV, Sie waren damals 21. Was da so überrascht, ist  der Gast neben Ihnen, der Sie am Ende gegen den Moderator verteidigt, nachdem der  Punk als Gefährdung der Öffentlichkeit bezeichnete: Schlagerstar Gunter Gabriel.

Ach ja, DAS war es! Ja, das ist halt so eine Sache, jede neue Generation bringt die alte zum Ausflippen. Das war so mit Rock ’n’ Roll, mit den Beatles, dann eben mit Punk. Vielleicht muss es einfach so sein. Und vor allem: Die coolen Menschen der älteren Generation verstehen das. Gunter Gabriel war ein wirklich cooler Mensch.

Womit bringt uns die neue Generation zum Ausflippen? Damit, dass sie ständig ins Handy starrt?

Ich weiß auch nicht, stimmt – die Kids heute leben alle einzeln in ihren Bubbles. Das ist echt strange. Da gibt's nichts, was sie mal gemeinsam hervorholt, was sie zur gleichen Zeit teilen. Immer nur jeder in seiner kleinen Bildschirmwelt. Wenn’s Beat Club gab, als ich ein Teenager war, dann hingen wir alle vor der Glotze, zur selben Zeit. Mann, das waren Zeiten,  wir haben sie alle gesehen, Santana, Grateful Dead, Chuck Berry, Jimi Hendrix, die Beach Boys, Ike & Tina Turner, Robin Gibb, T Rex,  Led Zeppelin – alle gemeinsam, und dann haben wir drüber geredet.  Irgendwie müsste  man da doch die Fernsehanstalten, ich weiß nicht, wachrütteln. Die sollten wieder was tun, das ist doch Kultur!

Gibt es einen Moment, der Sie persönlich  wachgerüttelt hat?

Ich weiß nicht, ich hatte meine Tiefs - aber mir wurde immer wieder rausgeholfen. Jedes Mal, wenn ich mit Herman Brood „Knocking on Heavens Door“ gesungen habe oder mit Lene Lovich „Lucky Number“, das ist so eine Ode an das ewige Leben, die hab ich später dann auf Deutsch aufgenommen. Bertolt Brecht hat mich dazu gebracht, in der Bibel zu lesen, ich hab ihm ein paar Zeilen im Song „Alle wollen in den Himmel“ auf meiner Platte gewidmet. Mit 16 hatte ich eine Nahtoderfahrung, nachdem ich auf Urlaub in Polen Drogen genommen habe. Da hat Gott mich gerettet. Ich war oft ein sehr trauriger Teenager, aber das ist lange vorbei.

Und mit Ihren Gospels und Coverversionen von Sängerinnen wie Sister Rosetta Tharpe bedanken Sie sich bei Gott?

Ja klar. Und I spread the Love! Aber ich bedanke mich auch sonst jeden Tag bei ihm.

Zu Ihren bekanntesten Coverversionen im deutschsprachigen Raum zählen bisher die von Zarah Leander ...

Ja, das war eine faszinierende Frau, finden Sie nicht?  Man muss ihre Songs auch von dieser schrecklichen Zeit lösen. Sie selbst hat ja jüdischen Kollegen geholfen, ins Exil zu kommen.

Mein persönlicher Favorit ist Ihre Version von „Der Wind hat mir ein Lied erzählt“.

Schön! Und das passt so wundervoll in unser lebensbejahendes Gespräch. Denn für mich ist es der Wind des Frühlings, von dem sie  singt. Der Frühling, der uns alle wieder aufweckt. Wie Gott es dann mal machen wird ...  

Andreas Bovelino

Über Andreas Bovelino

Redakteur bei KURIER freizeit. Ex-Musiker, spielte in der Steinzeit des Radios das erste Unplugged-Set im FM4-Studio. Der Szene noch immer sehr verbunden. Versucht musikalisches Schubladendenken zu vermeiden, ist an Klassik ebenso interessiert wie an Dance, Hip-Hop, Rock oder Pop. Sonst: Texte aller Art, von philosophischen Farbbetrachtungen bis zu Sozialreportagen aus dem Vorstadt-Beisl. Hat nun, ach! Philosophie, Juristerei und Theaterwissenschaft und leider auch Anglistik durchaus studiert. Dazu noch Vorgeschichte und Hethitologie, ist also auch immer auf der Suche einer archäologischen Sensation. Unter anderem.

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