Matthias Reim: Label zweifelte an "Verdammt, ich lieb' dich"
Aus Frust wurde ein Hit. Matthias Reim erzählt, wie an einem „Scheißtag“ Musikgeschichte entstand – und warum "Verdammt, ich lieb' dich" bis heute sein Leben prägt.
Sein „Verdammt ich lieb’ dich“ hielt sich im Sommer 1990 ganze 16 Wochen auf Platz eins der deutschen Hitparade. Der Ohrwurm ist wohl das erfolgreichste Liebeslied in deutscher Sprache. Matthias Reim verrät, wie Liebe und Mut seine Karriere prägten – und warum Rock und Schlager näher beieinanderliegen, als man denkt.
Können Sie den Moment beschreiben, in dem Ihnen die erste Zeile oder die Melodie von „Verdammt, ich lieb’ dich“ in den Kopf kam?
Matthias Reim: Ich weiß den Tag und sogar die Stunde, weil ich am nächsten Tag Geburtstag hatte. Es war der 25. November 1989, es regnete – ein richtiger Scheißtag. Ich hatte gerade ein Album für Bernhard Brink produziert. Dann rief die Plattenfirma an: Sie würden das Album nicht veröffentlichen, ich würde kein Geld sehen. Einer sagte wortwörtlich, dieses Ich-lieb’-dich-ich-lieb’-dich-Nicht ist so eine verdammte Kacke, die könne doch keiner mehr hören. Ich legte auf, dachte: „Okay, 30.000 Mark verloren“, schaute auf meinen Zettel. Und dort stand „Ich lieb’ dich, ich lieb’ dich nicht“. Da machte es Klick.
Dann ging es sofort los mit dem Schreiben?
Innerhalb von 20 Minuten schrieb ich den Song, produzierte ihn direkt im Studio, sang ihn ein – und gegen Mitternacht war er fertig. Um zwölf klingelten Freunde mit einem Kasten Bier zum Geburtstag. Ich sagte: „Ihr könnt wieder gehen und später wiederkommen. Ich habe hier gerade einen Hit.“ Ich spielte ihnen dann den Song vor, sie waren begeistert. Und ich arbeitete weiter.
Stimmt es, dass die Plattenfirma anfangs nicht überzeugt war?
Ja. Man meinte, Jürgen Drews solle das singen, mich kenne keiner. Ich sagte: Ich brauche keinen Vorschuss, kein Geld. Ich will nur, dass sie den Titel veröffentlichen. Der Plattenfirmenchef Götz Kiso sagte: „Wir klatschen das Ding an die Wand und wenn’s kleben bleibt, gut, wenn nicht, Pech.“ Beim Weggehen meinte er: „Ich glaube nicht, dass das läuft.“ Das halte ich ihm noch gerne vor.
Gerne wird bei Liebessongs erzählt, dass persönlicher Liebeskummer der Auslöser war. Gab es das bei „Verdammt, ich lieb’ dich“ auch?
Ich war damals verheiratet, wir hatten Stress und funktionierten zunehmend getrennt. Da habe ich meine Gefühle beschrieben: dieses Dazwischen, Hin- und Hergerissensein, wenn etwas auseinanderdriftet, was man festhalten will. Auch wenn wir uns mal gestritten haben, habe ich gesagt: „In zwei Stunden haben wir uns beruhigt.“ Ich traf einen Nerv. Das mache ich heute noch: Geschichten aus dem Leben, zugespitzt oft mit Hoffnungsschimmer, weil ich an Happy Ends glaube.
„Einen Song über die Steuererklärung würde keiner hören, das wäre der größte Flop.“
Welche Rolle spielte Ihre zweite Frau Margot „Mago“ Scheuermeyer, die im Video und als Backgroundsängerin im Fernsehen auftrat?
Sie kam später dazu. Im Studio hatte ich Chorsängerinnen. Fürs Fernsehen brauchten wir aber ein Bild. Mago war Stylistin und die Assistentin des Fotografen, der das Albumcover schoss. Wir suchten jemanden, der gut aussieht; singen musste sie im TV nicht. Ich rief sie an: „Die Plattenfirma zahlt, hast du Lust?“ Sie war sofort dabei. Durch die vielen Sendungen kamen wir uns näher. Das Ganze explodierte, sie war ständig präsent und auf Yellow-Press-Covern, sie war sehr fotogen. Der Moderator Dieter Thomas Heck kündigte uns sogar als „Mago und Matthias Reim“ an, da waren wir noch gar nicht verheiratet.
Wurde der Song für Sie zur Bürde?
Nein. Solch ein Lied schreibt man vielleicht einmal im Leben, manchmal auch zweimal. Ich habe mit „Ich hab’ geträumt von dir“ noch mal nachgelegt. Ich spielte neue Songs immer zuerst meinen Eltern vor. Meine Mutter sagte nach „Verdammt, ich lieb’ dich“ bei jedem neuen Lied: „Sehr nett – aber ein ‚Verdammt, ich lieb’ dich‘ ist das nicht.“ Daran merkte ich: An diesen Zauber, den das eine ausgelöst hat, kommst du nicht ran – nicht mal bei deiner Mutter.
Ihre großen Themen sind die Liebe und starke Emotionen?
Liebe ist ein Phänomen. Sie hat mit Vernunft wenig zu tun. Und Musik lebt von Harmonie, Gefühl und Emotion. Über Alltag will niemand einen Song hören, den hat jeder selbst. Aber das Kribbeln, die Zweifel, die Sehnsucht, das berührt. Einen Song über die Steuererklärung würde keiner hören wollen, das wäre der größte Flop. Eine Liebesgeschichte, in der jemand nächtelang durch die Straßen fährt, um die Person wiederzufinden – das sind Geschichten, die jeder kennt. Zumindest so ähnlich.
Sie waren ursprünglich Rock-Fan und wollten gar keinen Schlager machen. Wie kam es doch dazu?
Schuld war Udo Lindenberg. Als 18-Jähriger spielte ich in Rockbands, wir wollten wie Deep Purple oder Led Zeppelin sein. Dann traf mich jemand, Udo, der einfache Musik mit deutschen Texten und Geschichten machte. Ich dachte: Warum trifft mich das? Dann kam mir: Du denkst und fühlst deutsch, versuche es auf Deutsch. Das war der zündende Moment.
Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben – irgendwo zwischen Rock und Schlager?
Ich mache keinen traditionellen Schlager, eher deutsche Popmusik mit gelegentlichen schlagerhaften Momenten. Mein Songwriting und meine Harmonien sind stark von der Rockmusik der 70er/80er inspiriert. So wie Ozzy Osbourne, das merkt nur keiner. Rock und moderner Schlager liegen näher beieinander, als man denkt – es kommt auf die Worte und die Haltung an. Man kann seicht sein oder Alltagssprache benutzen. Worte wie „verdammt“, „mach keinen Scheiß“, „Du gehst mir auf den Sack“. Das etwas Derbere hat sich im Schlager erst nach und nach durchgesetzt. Ich nutze sie, aber in schönen Sätzen.
Udo Lindenberg hat Sie mit „Komet“ mit dem Rapper Apache 207 beim Rekord der meisten Wochen auf Platz 1 in Deutschland abgelöst. Hat Sie das gestört?
Überhaupt nicht. Ich bewundere Udo. Dass er in Kombi mit einem Rapper emotional die Menschen getroffen hat, freut mich. So ein Erfolg zeigt: Alles ist möglich. „Verdammt, ich lieb’ dich“ bleibt trotzdem die größere Nummer. Das sehe ich an den Streamingzahlen und jedes Wochenende in den Apps, wie das gefeiert wird. Der Song ist ein Volkslied geworden.
Es gibt größere Probleme, als pleite zu sein: Krankheiten, Kriege. Es gibt Wichtigeres als meine Geldprobleme. Also habe ich gezeigt, dass man darüber lachen kann.
Sie parodierten, als Sie finanzielle Probleme hatten, im Sommer 2007 den Song für einen Werbeclip des Autovermieters Sixt. Er hieß „Verdammt, ich hab’ nix“. War es schwierig, den eigenen Song dafür herzugeben?
So viel Geld gab es dafür gar nicht. Mir gefiel die Idee. Alle schrieben über meine Schulden, als wäre es das Ende. Ich bin Optimist – in der Liebe und im Leben. Es gibt größere Probleme, als pleite zu sein: Krankheiten, Kriege. Es gibt Wichtigeres als meine Geldprobleme. Also habe ich gezeigt, dass man darüber lachen kann – und dass man zur Not ein Auto mietet.
Hat Ihnen das geholfen?
Ja, es gab einen massiven Schub. Viele fanden gut, dass ich mich selbst nicht so ernst nehme. Das war der Start meiner zweiten Karriere. Und ich muss heute noch lachen, wenn ich das Video sehe. Vor allem, dass ich auf dem Pferd sitze. Ich kann ja nicht reiten.
Ein Musical zu „Verdammt, ich lieb’ dich“ war im Gespräch. Wie ist der Stand der Dinge?
Ich arbeite immer wieder daran, aber gerade habe ich eine andere Priorität: das beste Album meines Lebens schreiben. Ich bin extrem inspiriert – und muss eine große Tournee bestücken. Danach kümmere ich mich ums Musical.
Worum geht es auf dem neuen Album?
Ein Song heißt „Willkommen in meiner Zukunft“. Es geht um den Moment, als ich meine heute fast vierjährige Tochter das erste Mal sah. Musikalisch gibt es bewusste Retro-Momente: Anspielungen auf alte Zeiten. Ich verwende ikonische Worte wieder und greife auch viele Elemente etwa von „Verdammt, ich lieb’ dich“ auf: Wir erzählen die Geschichte 35 Jahre später weiter. Wenn jemand sagt, das erinnere an „Verdammt, ich lieb’ dich“: Genau das will ich.
Es gibt viele Coverversionen von „Verdammt, ich lieb’ dich“. Haben Sie eine Lieblingsversion?
Ich höre mir vieles an, manches ist witzig oder schön. Jene Version von David Hasselhoff mochte ich. Ich gebe das immer frei, so nach dem Motto „Macht doch“. Chartmäßig hat aber kein Cover richtig gezündet.
Wenn Sie mit Ex-Partnerin Michelle oder Ihrer Tochter Marie Reim singen, wird vieles sehr persönlich interpretiert. Ist das gewollt oder stört Sie das?
Ich habe keine Hemmungen, die Gerüchteküche anzufachen. Ein halbes Jahr nach der Trennung von Michelle machten wir „Du Idiot“. Alle dachten, wir kämen wieder zusammen. Zehn Jahre später wurde „Nicht verdient“ wieder ein Mega-Hit. Im Video bauten wir am Ende bewusst eine Szene ein, die das anheizt, worin sie zu mir ins Zimmer schleicht. Da hatten wir genug Humor und Mut. Ich musste das zu Hause dann allerdings meiner Frau erklären. Aber es funktioniert: Mundpropaganda ist die beste Promotion.
Hätte mir jemand vor 35 Jahren gesagt, dass ich mit 68 durch die Arenen rolle und „Verdammt, ich lieb’ dich“ immer noch als Zugabe singe, und meine Platten konsequent in die Top 3 gehen, ich hätte gelacht.
Welches Liebeslied anderer Künstler berührt Sie?
Gar nicht so viele. „Mama, I’m Coming Home“ von Ozzy Osbourne – das ist ja auch ein Liebeslied, er nannte Sharon immer „Mama“.
Ihre neue Tournee durch Deutschland feiert nun 35 Jahre „Verdammt ich lieb’ dich“ (Österreich-Termine sind noch keine geplant, Anm.). Sind Sie überrascht, wie schnell die Zeit seitdem vergangen ist?
Nicht nur überrascht, ich bin schockiert. Hätte mir jemand vor 35 Jahren gesagt, dass ich mit 68 durch die Arenen rolle und „Verdammt, ich lieb’ dich“ immer noch als Zugabe singe, und meine Platten konsequent in die Top 3 gehen, ich hätte gelacht. Jetzt bin ich so alt und bin umgezogen an den Ort meiner schönsten Kindheitserinnerungen, wo meine Großeltern lebten. Ich schaue auf den See, die Mainau, die Alpen. Neulich war ich mit meiner kleinen Tochter im Strandbad, da war ich zuletzt mit 14. Der Kreis schließt sich.
Reim füllt die großen Arenen bei den deutschen Nachbarn. Als Zugabe gibt es den Über-Hit „Verdammt, ich lieb’ dich“.
©milan schmalenbachWie gehen Sie mit dem Älterwerden um?
In zwei Jahren werde ich 70. Was ist, wenn ich eine Tour nicht mehr schaffe. Vielleicht lasse ich mich wie Phil Collins oder Ozzy Osbourne auf die Bühne rollen. Aufhören kann ich mir nicht vorstellen. Klar, die Gelenke melden sich, ich gehe nach Konzerten freiwillig um halb eins aus der Hotelbar. Das gab es früher nicht. Heute gehe ich brav schlafen. Ich telefoniere lieber mit meiner Frau, frage nach den Kindern. Ich bin schon älter geworden. Aber im Kopf bin ich derselbe.
Was, wenn auf dem neuen Album wieder ein Riesenhit ist – würden Sie das wollen?
Natürlich! Ich mache Musik dafür, dass man mir zuhört. Ich freue mich über jeden Song, der den Nerv trifft.
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