Julia Hagen: „Mein Cello bekommt den Fensterplatz“
Julia Hagen spricht über ihre musikalische Herkunft, den Ton in der Hochkultur und einen Abend, an dem sie ihr Cello vergaß.
Natürlichkeit, Wärme oder Mut zum Risiko. Solche Zuschreibungen begleiten das Cello-Spiel Julia Hagens regelmäßig. Musik war für sie immer da. Ihr Vater ist der Cellist Clemens Hagen, der mit seinen Geschwistern das Hagen-Quartett bildet (das heuer seine Abschiedssaison begeht). Ihre Mutter ist Bratschistin. In der aktuellen Saison ist sie Fokus-Künstlerin des Wiener Musikvereins. Im Gespräch erzählt die Musikerin vom Umgangston in der Hochkultur, von Stücken, die sie bis heute nicht loslassen, und von einem verhängnisvollen Abend.
Wenn Sie vorgestellt werden, fallen Superlative: „Shootingstar“, „neuer Klassik-Star“. Was macht das mit Ihnen? Besteht die Gefahr, abzuheben?
Julia Hagen: Ehrlich gesagt tue ich mir mit solchen Begriffen immer schwer. Ich finde sie schwierig und verbinde sie nicht mit mir als Person. Natürlich freue ich mich, so etwas zu hören, aber ich identifiziere mich nicht darüber. Ich bin sehr selbstkritisch, deshalb nehme ich diese Bezeichnungen nicht allzu ernst.
Welche Art von Kompliment bedeutet Ihnen wirklich etwas?
Das Schönste ist für mich, wenn Dirigenten oder Menschen aus dem Publikum nach dem Konzert zu mir kommen und sagen, es sei „wahnsinnig ehrlich musiziert“ gewesen. Wenn ich merke, dass das, was ich an Emotionen in die Musik gepackt habe, die Menschen wirklich berührt hat. Beim Musikmachen sollte man verletzlich und ehrlich sein, nicht primär technisch perfekt. Ich möchte etwas bei den Menschen auslösen.
Wie sind Sie als Kind zum Cello gekommen? Der Klang ist eher anspruchsvoll.
Für mich war das Cello immer schon da. Mein Vater ist Cellist, ich habe den Klang des Cellos vermutlich schon im Bauch gehört. Irgendwann wollte ich nicht mehr nur zuhören. Gerade der Klang des Cellos hat mich fasziniert: die tiefen, warmen Lagen ebenso wie die hohen, gesanglichen. Als Kind fand ich es außerdem großartig, dass man beim Cello sitzen kann im Gegensatz zur Geige, dass man das Instrument fast umarmt. Ich habe mich sogar oft im Cellokasten meines Vaters versteckt und bin nie gefunden worden.
"Egal, ob wir jetzt über Dirigenten, Lehrer, Intendanten oder sonstige Personen sprechen, ein Genie rechtfertigt keinen respektlosen Umgang mit anderen.
Sie sind heute Professorin. War das ein naheliegender Schritt?
Ich hatte das große Glück, unglaublich tolle Lehrer zu haben, die ihre Studenten mit Hingabe unterstützt haben. Unterrichten ist ein sehr wertvoller Beruf, junge Menschen auf ihrem Weg zu begleiten, ihnen zu helfen, ihre eigene Stimme zu finden. Gleichzeitig ist es eine große Verantwortung, weil es so viele gute junge Musiker gibt, aber nur begrenzte Stellen. Mein Ziel ist es, meine Studierenden bestmöglich zu unterstützen, damit sie später von der Musik leben können.
Sind Sie streng?
Mir ist eine freundliche Stimmung im Unterricht wichtig. Ich habe selbst erlebt, dass Negativität dazu führt, dass man sich zurückzieht. Natürlich gibt es Situationen, in denen man sagen muss, was besser werden muss. Aber das geht auch, ohne laut zu werden. Ich bin 30, für mich fühlt es sich passend an, dass wir uns duzen. Der Respekt hängt nicht vom Du oder Sie ab.
In der Hochkultur hört man immer wieder von rauem Umgangston. Haben Sie das erlebt?
Im Konzertbetrieb habe ich das zum Glück nie erlebt. Dort war der Umgang immer sehr respektvoll. Eine solche Erfahrung hatte ich im Studium bei einem Lehrer. Er war ein genialer Musiker, den ich sehr schätze, aber menschlich nicht einfach. Egal, ob wir jetzt über Dirigenten, Lehrer, Intendanten oder sonstige Personen sprechen, ein Genie rechtfertigt keinen respektlosen Umgang mit anderen.
Julia Hagen gilt als ein aufstrebender Star der Klassik-Welt.
©simon paulyGibt es Tage, an denen Sie Ihr Cello hassen?
Hassen nicht, aber ich stelle es auch beiseite. Mir ist ein gesunder Ausgleich wichtig. Ich brauche Tage ohne Cello, um meine Seele wieder zu füttern. Musik lebt von Emotionen und ich muss viel in mir drin haben, damit ich sie auch ausdrücken kann. Dafür muss man auch außerhalb des Instruments Erfahrungen sammeln. Technisch lerne ich an diesen Tagen nichts, aber für den Ausdruck und die Musik lerne ich viel.
Stichwort Emotion: Gibt es ein Stück, das Sie nach all den Jahren immer noch besonders packt – so richtig emotional?
Das Dvořák-Cellokonzert. Es gibt dort den Schluss des dritten Satzes, und der erwischt mich jedes Mal wieder. Ich bekomme Gänsehaut, das berührt mich so tief. Das bleibt wahnsinnig speziell, egal wie oft man dieses Stück spielt. Oder auch das Schubert-Quintett. Der langsame Satz ist für viele Menschen etwas ganz Besonderes. Viele sagen sogar, dass sie diesen Satz bei ihrer Beerdigung gespielt haben möchten. Dieser Satz verbindet Himmel und Erde, er ist nicht von dieser Welt.
Allein die Tatsache, dass das Cello ein Jahr vor Bachs Geburt gebaut wurde, finde ich unglaublich.
Ihr Ruggieri-Cello ist über 300 Jahre alt. Haben Sie beim Reisen Angst um das Instrument?
Ich gebe es nie aus der Hand. Beim Fliegen bekommt es immer einen eigenen Sitzplatz, meistens am Fenster. Das heißt, ich sitze nie am Fenster, aber das ist in Ordnung. Dafür habe ich dann immer eine Schulter zum Anlehnen, nämlich das Cello. Ich kenne dann auch gleich meinen Sitznachbarn. Aus Versicherungsgründen dürfte ich das Instrument gar nicht unten abgeben.
Gab es einen gefährlichen Moment?
Wirklich gefährlich nie. Man hat die Sorge, dass man es vergisst. Einmal – das ist Gott sei Dank viele Jahre her – war ich in Verbier bei einem berühmten Festival. Abends haben sich alle Musiker in einem Pub getroffen, natürlich mit ihren Instrumenten. Ich bin irgendwann nach Hause gegangen und dachte, mein Zimmer wirkt heute irgendwie größer, da stimmt doch was nicht. Da habe ich gemerkt, dass das Cello noch im Pub steht. Das passiert einmal und nie wieder. Allein die Tatsache, dass es ein Jahr vor Bachs Geburt gebaut wurde, finde ich unglaublich.
Sie haben einen gut gehenden Social‑Media‑Account und für ein Video in der Elbphilharmonie in Hamburg in der Garage gespielt. Machen Sie das, um junge Menschen ein bisschen in Richtung Klassik zu bringen?
Junge Menschen haben mir schon geschrieben oder mich angesprochen, dass sie mich über soziale Medien entdeckt haben und dann zum ersten Mal überhaupt in ein klassisches Konzert gegangen sind. Und wenn ich es schaffe, junge Leute in ein Konzert zu bringen, dann ist das für mich ein großes Geschenk.
Kommentare