John Grisham

Starautor John Grisham: „Trump will ein Diktator sein“

Exklusivinterview John Grisham. Warum er nicht aufhören kann zu schreiben und Donald Trump ein „faschistischer Dreckskerl“ ist.

Mit ungebremster Energie schreibt er, vier Stunden täglich, fünf Tage die Woche: Auch mit 71 und nach Justizthrillern, die Hollywood gern mit Stars wie Tom Cruise oder Julia Roberts verfilmt. Nötig hätte John Grisham es längst nicht mehr. 300 Millionen Mal haben sich seine Bestseller verkauft, darunter Jugend- und Sachbücher. 

Jetzt hat der Starautor mit „Das Vermächtnis“ so etwas wie seinen ersten klassischen Krimi geschrieben: ein „Whodunit“ mit mehreren Verdächtigen, Handlungstwist und einem überraschenden Täter. Der Held ist Simon, ein kleiner Anwalt, dessen Ehe schief geht und mit Glücksspielproblem. Für eine ältere Witwe mit großem Vermögen legt er ein Testament an und wittert selbst die Chance aufs große Geld. Doch dann stirbt die Dame unerwartet – und Simon steht unter Mordverdacht. Die Todesstrafe droht. Und er muss selbst den wahren Täter finden.

Mr. Grisham, Sie haben noch nie einen reinen Krimi geschrieben, also einen klassischen „Whodunit“. Was hat Sie jetzt daran gereizt?

Wir alle lieben einen guten Krimi, ich auch. Wer war es, wer ist für den Mord verantwortlich? Dieser Herausforderung wollte ich mich stellen und etwas anderes ausprobieren. Ich liebe den amerikanischen Noir, die Bücher von Raymond Chandler, Dashiell Hammett oder Elmore Leonard. „Police Noir“, düstere Geschichten um allerlei Verbrechen, das ist genau die Art von Literatur, die ich gerne lese. Ich hingegen schreibe normalerweise ja über Anwälte.

Wie war es für Sie, das zu schreiben – mussten Sie Ihre Herangehensweise an einen Roman dafür ändern?

Vor allem erfordert es sorgfältige Planung. Man muss das Ende kennen, bevor man anfängt, was ich immer tue. Ein Teil der Formel beim Schreiben eines Krimis besteht darin, den Leser auf eine falsche Fährte zu führen und ihn über ein langes Buch hinweg im Ungewissen zu lassen. Das macht Spaß. Man muss verdächtige, aber falsche Hinweise geben. Das erfordert Arbeit und Planung.

Der Figur Eleanor Bartlett in „Das Vermächtnis“ wurde ein riesiges Vermögen hinterlassen. Ihr Anwalt hegt darauf illegale Gedanken. Hatten Sie reale Vorbilder?

Eleanor basiert auf einer Mandantin, die ich vor 40 Jahren vertreten habe. Damals war ich ein junger Anwalt, der mühsam versuchte, über die Runden zu kommen und sich in einer Kleinstadt eine Kanzlei aufzubauen – kein leichtes Unterfangen. Meine Mandanten hatten kaum Geld. Diese Frau war ziemlich alt, wohlhabender als irgendjemand vermutet hätte und stand ihrer Familie nicht nahe. Ich erinnere mich noch, wie ich dachte: Wenn ich dieses Testament ein wenig komplizierter gestalte ...

Könnte sich Ihr Leben in Zukunft vielleicht komfortabler gestalten?

Ich dachte nach, vielleicht wichtiger im Leben dieser Person zu werden, um mehr Honorar herauszuschlagen. Aber ich habe nichts Unrechtes getan. Solche Gedanken liegen in der menschlichen Natur. Ich war gierig geworden. Wie mein Held im Roman.

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Schwört auf seine tägliche Schreibroutine: Starautor John Grisham – „Ich hätte sonst auch nichts anderes zu tun“

©Charlotte Graham / CAG Photography Ltd

Heute sind Sie selbst Millionär, kein Vergleich zu den bescheidenen Anfängen als Anwalt von früher. Was ist das Schönste, das man für Geld kaufen kann?

Schwierige Frage. Meine Bücher sichern uns seit etwa 35 Jahren ein komfortables Einkommen. Wenn Zukunft und Familie abgesichert sind, wird wichtig, was man mit diesem Geld macht: anderen helfen. Meine Frau engagiert sich stark gegen Kinderhunger. Es ist erschütternd, wie viel Reichtum und Nahrung es in Amerika gibt – und trotzdem so viele hungernde Kinder. Das ist frustrierend, weil es lösbar wäre. Ich selbst unterstütze das Innocence Project gegen Fehlurteile. Wir engagieren uns seit Jahrzehnten in gemeinnützigen Bereichen und haben festgestellt: Am erfüllendsten ist es, mit dem eigenen Geld anderen zu helfen.

Sie veröffentlichen ohne müde zu werden neue Romane. Was treibt Sie an – Neugier, Gerechtigkeitswille, Ehrgeiz?

Der Ehrgeiz ist gestillt, das Geld ist auf dem Konto. Aber das Schreiben macht mir immer noch unglaublich viel Spaß. Es ist einfach, was ich jeden Morgen von 7 bis 11 Uhr mache, fünf Tage die Woche. Ich hätte sonst auch nichts anderes zu tun und ich bin ein Gewohnheitstier: aufstehen, Kaffee, ins Zimmer gehen, in der Stille sitzen und Geschichten erfinden. Ich genieße das. Wenn es keinen Spaß mehr macht oder die Bücher nicht mehr ankommen, hoffe ich, klug genug zu sein, aufzuhören und etwas anderes zu machen.

Meine Frau ist die Gespräche müde und sie hat recht: Ich habe zu viel Zeit im Todestrakt verbracht.

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Das Schreiben ist Gewohnheit und Leidenschaft zugleich.

Die Nachfrage ist ungebrochen. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich 35 Jahre nach „Die Firma“ noch schreibe, so erfolgreich bin und so viel Freude daran habe. Es gibt noch viele Geschichten zu erzählen und ich habe viele Ideen. Ich bin 71 und bei guter Gesundheit – Gott sei Dank, auch wenn sich das jederzeit ändern kann. Ich genieße das Leben, und ein großer Teil davon sind meine drei, vier Stunden Schreiben am Tag.

Sie haben einmal gesagt, Ihre Frau hätte keine Lust mehr, Geschichten über Todesstrafe, Gefängnisse und Verbrechen zu lesen. Hat sie inzwischen aufgegeben, weil Sie unbelehrbar sind?

Ja, sie hat aufgegeben. (lacht) Sie hat das scherzhaft gemeint, aber ich spreche oft über solche Themen, auch wenn ich nicht darüber schreibe – etwa wenn ich von einer neuen Verurteilung oder Hinrichtung höre. Sie ist diese Gespräche über Todesstrafe und Fehlurteile müde, und sie hat recht: Ich habe zu viel Zeit im Todestrakt und mit solchen Stoffen verbracht. Vielleicht mache ich mal eine Pause und probiere etwas anderes. Sie ist aber weiterhin mein größter Fan, meine Erstleserin, mit einem feinen Gespür für Geschichten und Dialoge.

Und sie hatte eine andere Meinung als Sie zum ursprünglich geplanten Ende ...

Ja, ihr gefiel das Ende nicht – und ich war mir auch unsicher. Normalerweise habe ich ja das Ende genau ausgearbeitet, diesmal nicht. Also habe ich weitergeschrieben, bis es stimmte. Am Ende war sie sehr zufrieden.

Stimmt es, dass Sie eigentlich nur des Geldes wegen begonnen haben zu schreiben?

Ich war ein Anwalt in einer Kleinstadt, hatte viele Mandanten. Viel Zeit für ein Hobby blieb da nicht. Ich dachte mir, wenn ich eine Story schreibe und das Glück habe, dass sie veröffentlicht wird, könnte ich mir das als ein kleines Teilzeit-Hobby aufbauen: Krimis über Polizeiarbeit und Justizthriller. Und mir so vielleicht ein paar Dollar dazuverdienen, denn ich war pleite. Also ja, anfangs ging es auch ums Geld.

Ihr Erstroman „Die Jury“ verkaufte sich schleppend, aber Ihr zweiter, „Die Firma“, wurde schon verfilmt, noch bevor er gedruckt wurde. Wie war es, plötzlich jemand zu sein in Hollywood und mit Tom Cruise oder Julia Roberts zu tun zu haben?

Rückblickend betrachtet war es ein Riesenspaß – und zugleich total einschüchternd. Ich war gerade noch völlig unbekannt und plötzlich wurden diese großen Filme gedreht. Das war unglaublich aufregend. Und wir hatten wirklich Glück mit den ersten Filmen, sie waren alle große Erfolge. Das lässt sich so nicht wiederholen. Seit Jahren versuchen wir, neue Projekte umzusetzen, aber das Geschäft hat sich so verändert, dass man Filme kaum noch auf die Beine stellen kann.

Aber es gibt Gerüchte, dass Tom Holland und Jason Bateman vielleicht bald in einer Grisham-Verfilmung mitspielen.

Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Eine Lektion, die ich in Hollywood gelernt habe: Glaub nichts, bis sie mit dem Drehen begonnen haben. Erst dann geben sie Geld aus, ab diesem Punkt müssen sie einen Film machen. Solange wir nur Verträge abschließen und nichts passiert, gibt es auch keinen Film.

2016 haben viele von uns nie geglaubt, dass ein absolut faschistischer Dreckskerl wie Donald Trump in den USA gewählt werden würde.

John Grisham

Sprechen wir über die politische Situation in den USA. Trump ist zum zweiten Mal Präsident. Führerkult, Justizattacken, Gewalt: Ist das noch Demokratie oder schon Faschismus, wie einige Experten und Kritiker behaupten?

Es ist noch kein Faschismus, aber genau darauf steuern wir unter Trump zu. Trump will ein faschistischer Diktator sein und möglichst lange im Amt bleiben. Ich glaube nicht, dass ihm das gelingt, aber die Lage ist so unvorhersehbar, dass niemand weiß, was kommt. Wir hoffen, dass der Oberste Gerichtshof ihn im Zaum hält – Garantien gibt es dafür aber nicht, bisher hat er wenig Bereitschaft dazu gezeigt. Wir bleiben vorsichtig optimistisch, auch weil seine Beliebtheit derzeit sehr niedrig ist. Entscheidend wird der November: Wenn wir Repräsentantenhaus und Senat gewinnen, könnte das Trump deutlich in Schach halten und seine letzten zwei Jahre ziemlich unerträglich machen. Sollten die Republikaner gewinnen, drohen zwei weitere Jahre in seiner absolut schlimmsten Form. Im Moment sprechen die Trends gegen ihn – er ist unpopulär und seine Politik auch.

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Autor Grisham: „Amerika ist nicht mehr das Land, für das ich es gehalten habe“ 

©DONALD JOHNSON/The New York Times/Redux/Redux/laif/Donald Johnson/The New York Times/Redux/laif

Ist es so schlimm, wie Sie es sich vorgestellt haben unter Trump II?

2016 haben viele von uns nie geglaubt, dass ein absolut faschistischer Dreckskerl wie Donald Trump in den USA gewählt werden würde. Ich dachte auch, wir wären besser als das. Sind wir offenbar nicht – wir haben es sogar zweimal getan. Er hat die Hälfte der Stimmen bekommen und zwei Wahlen gewonnen. Amerika ist heute nicht mehr das Land, für das ich es gehalten habe. Ich kann verstehen, dass manche Menschen aus Frust oder wirtschaftlicher Not ihn wählen. Was mich mehr irritiert, ist die Zahl gebildeter Menschen, die Trump unterstützen. Ich habe Freunde, die für ihn gestimmt haben; ganze Familien sind gespalten.

Das Land ist gespalten.

Wenn man fragt, wie es läuft: ziemlich schlecht. So schlimm war es noch nie. Das liegt alles an Trump und an denen, die ihn gewählt haben. Schwer zu begreifen – aber so ist es.

John Grisham

John Grisham

John Grisham wurde 1955 in Jonesboro, Arkansas, geboren. Er arbeitete zehn Jahre als Anwalt, außerdem war er demokratischer Abgeordneter im Repräsentantenhaus von Mississippi. Er hat mehr als 50 Romane veröffentlicht, alle Bestseller. Viele wurden verfilmt, etwa „Die Firma“ mit Tom Cruise, „Die Akte“ mit Julia Roberts oder die Serie „The Rainmaker“. Grisham lebt mit seiner Frau nahe Charlottesville, Virginia. Sie haben zwei Kinder.

Sie beschäftigen sich viel mit Rassismus. Wie beurteilen Sie die Tötung von Renée Good durch ICE-Beamte im Jänner?

Ich habe mit Ungläubigkeit wahrgenommen, dass ungeschulte, unqualifizierte, schwer bewaffnete Bundesbeamte, die US- und Menschenrechte verletzen, Menschen ohne Haftbefehl festnehmen und Häuser ohne Durchsuchungsbefehl durchsuchen. Sie haben überreagiert, die ICE-Agenten waren so schrecklich, sie haben Menschen geschlagen, sie getötet, und die Gegenreaktion gegen Trump war enorm. Und so hat Trump sie zurückgezogen. Aber er stellt immer noch eine Bedrohung dar, er bedroht alles und jeden. Was in Amerika gerade so entmutigend ist: die Ungewissheit. Was als Nächstes passieren wird, hängt von Trump ab, der jeden Tag in einer anderen Welt aufwacht. Aber vielleicht haben wir eines Tages die Chance, die Verbrechen der ICE-Beamten zu untersuchen. Aber dafür müssen wir wieder die Mehrheit stellen. Ich bin nicht sicher, ob wir das schaffen.

Sie engagieren sich für unschuldig Verurteilte, die einen Justizirrtum erleiden. Was bewegt Sie so stark an dem Thema?

Ich habe vor 20 Jahren das Sachbuch „Der Gefangene“ geschrieben, über eine Fehlverurteilung. Seitdem engagiere ich mich, um Gesetze zu ändern und unschuldige Menschen aus dem Gefängnis zu holen. Die Arbeit ist langsam, teuer und oft frustrierend. Wenn nach Jahrzehnten jemand freikommt, ist das bittersüß: Freiheit – aber verlorene Jahre. Trotzdem fühlen wir uns der Aufgabe verpflichtet.

Neuer Roman

Neuer Roman

John Grisham: „Das Vermächtnis“. Roman, Heyne Verlag,  480 Seiten, 24,70 € 

Sie setzen sich auch gegen die Todesstrafe ein. In den USA ist sie gang und gäbe. Auch Sie waren früher ein Befürworter.

Ich bin in einem sehr konservativen Umfeld im Süden aufgewachsen, wo die Todesstrafe sehr populär ist, und habe sie lange nicht hinterfragt. Erst später, als ich mich intensiver damit befasst habe, wurde mir klar, wie falsch sie ist. Ich setze mich seit langem für ihre Abschaffung ein. Sie ist unfair und unmenschlich. Ich sage oft: Wir sind uns einig, dass Töten falsch ist – warum erlauben wir es dann dem Staat? Wer gibt ihm dieses Recht? Das ist ein ziemlich starkes Argument.

Alexander Kern

Über Alexander Kern

Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine und stand im Gründungsteam des Seitenblicke Magazins des Red Bull Media House. 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment. Schrieb für 110%, das Sport- und Lifestyle-Magazin von Die Presse. Seit 2020 Redakteur der KURIER Freizeit mit Reportagen, Kolumnen, Texten zu Kultur, Gesellschaft, Stil, Reise und mehr. Hunderte Interviews, von Beyoncé und Quentin Tarantino über Woody Allen und Hugh Grant bis Jennifer Lopez und Leonardo DiCaprio sowie in der deutschsprachigen Kulturszene. Reportagen vom Filmfestival Cannes bis zur Fashionweek Berlin. Liebt Kino, Literatur und Haselnusseis.

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