Das Innere Kind muss erwachsen werden
Die Psychoanalytikerin Diana Pflichthofer plädiert in ihrem neuen Buch dafür, dass wir uns der Anziehungskraft des Erwachsenseins wieder mehr bewusst werden müssen.
Vielleicht erscheint es, wenn einen die Chefin nach dem Arbeitsmeeting rügt und sagt: „Das hättest du besser machen sollen.“ Vielleicht kommt es im Streit mit der Partnerin oder dem Sonntagsessen bei den Schwiegereltern. In Momenten, in dem man sich klein und hilflos fühlt. Das – wie es Psychologin Stefanie Stahl mit ihrem Podcast popularisiert hat – „innere Kind“.
Damit hat sie einen Nerv getroffen. Immer mehr Magazine, Blogbeiträge aber auch psychologische Ratgeber widmen sich dieser Metapher für Gefühle und Verhaltensmuster, die wir in unserer Kindheit erworben haben und die Erwachsene unbewusst beeinflussen. Auch wenn die Metapher zu einem gewissen Teil sinnvoll ist: Die inflationäre Verwendung dieses Begriffs bereitet Psychoanalytikerin Diana Pflichthofer große Sorge. In ihrem neuen Buch „Ewig Kind?“ appelliert sie daran, sich vielmehr dem inneren Erwachsenen zuzuwenden.
Doch von vorne. Wieso wurde das innere Kind so populär? „Zum einen“, sagt die Psychoanalytikerin, „liegt es an einer zunehmenden Idealisierung des Kindlichen.“ Eine Art Gegenreaktion auf eine Zeit, in der Kinder wenig Aufmerksamkeit erhielten und als kleine Erwachsene im Alltag mitliefen. In gewisser Weise war das eine Überlebensstrategie. „Um den Zweiten Weltkrieg waren Menschen oft gefühlsabgespalten; für Emotionen war wenig Platz.“ Das innere Kind war der Pendelschlag in die andere Richtung, ein Fokus auf das emotionale Leben der Kinder. „Bis zu einem gewissen Punkt ist das auch richtig. Nur haben wir vergessen, die Abbiegung zu nehmen.“
Wachstumskrankheiten
Mittlerweile liege der Fokus zu sehr auf diesem Bild. „Wer sich zu viel mit dem inneren Kind beschäftigt, läuft Gefahr, auch von der Umwelt zu verlangen, dass es sich um einen kümmert.“ Wir kommen in eine Opferhaltung. Und das führe zu Allmachtsfantasien, Wachstumskrankheiten oder Regression.
„Ich glaube, dass wir es verlernen, mit negativen Gefühlen umzugehen.“ Die Klimakrise sei ein gutes Beispiel. „Die ist ja eigentlich eine Verzichtskrise. Wir haben begrenzte Ressourcen. Wenn wir wollen, dass diese für acht Milliarden Menschen reichen, müssen wir auf etwas verzichten. Doch das kommt für uns nicht in Frage.“ Anstatt sich mit der Realität (wie ein Erwachsener) auseinanderzusetzen, mache man sich (wie ein Kind) etwas vor. „Wir reden uns ein, dass Elektroautos die Lösung sind und fahren genauso viele Kilometer wie vorher.“
Eine zweite Eskalation sieht Pflichthofer in der grassierenden Nein-Allergie. „Ein Nein führt heute schnell zu einem Affektsturm. Das oberste Beispiel ist der US-amerikanische Präsident. Leider hat das in dem Fall große Auswirkungen.“
Erwachsensein ist also nicht nur im Kleinen, sondern auch im Großen unabdingbar. Doch wie kommt man nun dorthin? Zunächst hilft die Erkenntnis: „Erwachsensein hat Anziehungskraft.“ Es ist erstrebenswert. „Im nächsten Schritt muss man erkennen, dass man bestimmte psychische Fähigkeiten erlernen muss.“ Selbstreflexion, Selbstsicherheit, Empathie und der vielleicht wichtigste Punkt: Gefühlsregulation.
Gefühle regulieren
Ein Beispiel: „Das Kind kommt mit einem blutenden Knie zu Ihnen. Es hat Angst, dass da jetzt ein Loch im Knie ist, das nie heilen wird. Dann wissen Sie als Elternteil, dass das weh tut, aber nicht gefährlich ist. Wir sagen dann nicht mehr wie früher: Stell dich nicht so an. Sondern: Ich verstehe, dass das wehtut und wir machen jetzt das und das und das und dann wird es wieder gut. Wir helfen dem Gegenüber, die Gefühle zu verarbeiten. In der Psychotherapie heiße das Containment.“ Je mehr man das übe, desto mehr könne man Gefühle regulieren.
Das heiße nicht, dass man Containment von außen nicht immer ein Stück weit brauche. „Wenn man sich über einen Vorfall am Arbeitsplatz ärgert, hat man auch als Erwachsene das Bedürfnis, den Partner oder eine Freundin anzurufen.“ Das sei eine gesunde Verarbeitungsstrategie.
Und damit richtig erwachsen.
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