Damon und  Affleck bei der Premiere ihres neuen Action-Thrillers  „The Rip“.

Warum innige Männerfreundschaften wichtig aber rar sind

Die Faszination für eng verbundene Männer-Duos aus Hollywood zeigt, dass es für sie oft schwieriger ist, enge Bindungen aufzubauen. Ein Experte erläutert die Gründe.

Sie haben die Nächte durchgemacht, um an ihrem ersten gemeinsamen Drehbuch zu schreiben. Damals waren Matt Damon und Ben Affleck noch unbekannte Film-Studenten. Das Drama „Good Will Hunting“ war Anfang der 1990er-Jahre nicht nur ihr Durchbruch, sondern auch den Anfang einer der bekanntesten Männerfreundschaften der Popkultur.

Seither haben sie sich gemeinsam entwickelt, haben pausiert, sind wieder zusammengekommen – und einander nie ganz aus dem Blick verloren. Jetzt stehen sie wieder gemeinsam vor der Kamera in ihrem produzierten Netflix-Thriller „The Rip“.

Dogma Ben Affleck Matt Damon Copyright TBM UnitedArchives0016016

1999 in ihrem Film „Dogma“, bei dem sie auch Regie führten.

©imago/United Archives/imago images/United Archives

Filmstar George Clooney und Unternehmer und Hotelbesitzer Rande Gerber liefern eine zweite, noch glamourösere Freundschaftsvariante: Sie urlauben regelmäßig gemeinsam in ihren nebeneinanderstehenden Villen in Mexiko und haben sogar einen eigenen Tequila produziert. Ein Geschäft aus Freundschaft, nicht umgekehrt.

Stärke statt Gefühle

Dass solche Beziehungen bestehen, gilt keineswegs als selbstverständlich. Im Gegenteil. Tiefe Männerfreundschaften sind rarer, fragiler, oft stärker von äußeren Umständen abhängig. 

Der Wiener Psychotherapeut Markus Hahn erklärt, warum, und bezieht sich dabei auf die US-amerikanische Autorin Bell Hooks: „Sie beschreibt anschaulich, wie patriarchale Gesellschaften Männer nicht nur von anderen entfremden, sondern vor allem von sich selbst – von ihrem inneren emotionalen Reichtum. Männer lernen früh, dass Liebe, Empathie und Verletzlichkeit weiblich konnotiert und damit abzuwerten sind.“

FILES-US-ENTERTAINMENT-SPRINGSTEEN-OBAMA

Freunde seit mehr als 15 Jahren: Barack Obama und Bruce Springsteen. Sie fahren gemeinsam auf Urlaub, haben einen Podcast und ein Buch verfasst.

©APA/AFP/SAUL LOEB

Weniger Nähe erfahren 

Lieber Schon bei Buben beginne diese Dynamik. Studien zeigen, dass sie weniger körperliche Zuwendung erfahren, dass emotionale Nähe früher entzogen wird. Anerkennung werde laut Hahn häufiger über Leistung, Konkurrenz und Stärke vermittelt.

 „Offenbar verfügen Männer auch über ein kleineres Vokabular an emotionaler Sprache, Schwäche, Bedürftigkeit, Sich-Hilfe-Suchen ist meist stigmatisiert, es gilt stark zu sein. Schwäche bedroht den Selbstwert.“

Innige Bindung zum Vater fehlt oft

Die Ursache sei oft die fehlende innige Beziehung zum Vater, so der Therapeut. Männliche Fürsorge, Verletzlichkeit, Beziehungsarbeit – all das sei zwar gefordert, aber selten vorgelebt.„Dieses Orientierungsdefizit erzeugt Unsicherheit, die sich in Rückzug, Vermeidung, Überanpassung oder der Hinwendung zu vereinfachenden, misogynen oder autoritären Männlichkeitsentwürfen ausdrücken kann.“

Dabei ist es für Menschen generell lebensnotwendig, Beziehungen zu führen. Schon Säuglinge seien auf stabile Bindungen angewiesen, um sich entwickeln zu können.

Wichtig als Infrastruktur

„Bindungen beruhigen unser Nervensystem. reduzieren Stress und ermöglichen differenzierteres Denken“, erklärt Hahn. Die Welt erscheint verlässlicher, weniger bedrohlich. So gesehen ist Freundschaft kein sentimentaler Luxus, auf den man verzichten kann, sondern eine Form innerer Infrastruktur.

Vielleicht liegt darin auch die stille Faszination von Freundschaften wie jener zwischen Damon und Affleck. Sie erzählen nicht von ewiger Harmonie, sondern von Verlässlichkeit über Brüche hinweg. 

Von einer Beziehung, die nicht ständig zelebriert werden muss. Männerfreundschaften brauchen keinen großen Gestus. Aber sie brauchen laut Hahn Raum – und die Erlaubnis, mehr zu sein als nur ein gemeinsames Projekt.

Christina Michlits

Über Christina Michlits

Hat Theater-, Film- und Medienwissenschaften studiert. Nach Kennenlernen des Redaktionsalltags bei Profil und IQ Style, ging es unter anderem zu Volume und dem BKF. Seit 2010 bei KURIER für die Ressorts Lebensart und Freizeit tätig. Schwerpunkte: Mode, Design und Lifestyle-Trends.

Kommentare