Autorin Beate Maly: „Ich will als Frau in keine andere Zeit!“
Mit „Mord im Planetarium“ veröffentlichte die Bestseller-Autorin den zehnten Roman ihres beliebten Hobbyermittler-Duos Ernestine und Anton.
Sie gilt als deutschsprachige „Queen of Cosy Crime“ – doch wer Beate Maly auf fein gestrickte Krimis à la Agatha Christie reduzieren will, tut ihr Unrecht. Sie schreibt auch gut recherchierte historische Romane. Die sich wohltuend von dem, was heute im TV gerne als „geschichtlich“ ans Publikum gebracht werden soll abheben.
Denn während in schrillen Serien auf Zeitgeist gesetzt wird mit dem unsere Werte samt Gendergerechtigkeit, Geschlechterfluidität und female Empowerment auf historische Charaktere projiziert werden, setzt Maly auf größtmögliche Authentizität.
Und nimmt dafür gerne in Kauf, dass „ihrer“ Anna Maria Mozart, über die sie vor vier Jahren ebenfalls einen ausgezeichneten Roman geschrieben hat, von mancher Seite vorgeworfen wurde, „nicht modern zu sein“.
Bestseller-Autorin Beate Maly im Interview mit Andreas Bovelino
©kurier/Martin WinklerDass man aber auch mit ihrer Art Geschichtsschreibung das Publikum begeistern kann, beweisen die 600.000 Bücher, die Beate Maly in den letzten zehn Jahren verkauft hat.
Ihr neuer Roman spielt im Wien des Jahres 1927. Ernestine war ja schon in Pension, als sie vor fünf Jahren die ersten Ermittlungen aufnahm. Wie lange schafft sie das noch?
(lacht) Sie ist schon noch sehr fit, keine Sorge. Aber ja, irgendwann wird ein Ende sein, ganz unabhängig von ihrer Fitness. Weil ja ihr Schwiegersohn Jude ist ...
Und welche Beziehung hat sie denn nun eigentlich zu ihrem Partner, den Apotheker Arthur?
Das frag ich mich auch manchmal ... Aber im Ernst, da bleibt natürlich viel Spielraum für Fantasie – und das will ich eigentlich auch so beibehalten.
Apropos Spielraum: Praktisch alle Ihre Romane sind historisch, egal ob Krimi oder nicht. Dabei decken Sie ein Feld von der Mitte des 20. Jahrhunderts bis ins Hohe Mittelalter ab. Wie gelingt es Ihnen, sich in diese fernen Personen hineinzuversetzen?
Und wenn Sie sich selbst in eine der Epochen versetzen müssten, die Sie uns in Ihren Romanen so detailreich näherbringen – welche wäre das?
(lacht) Als Frau in gar keine! Nein wirklich, ich will als Frau in keine andere Zeit in der Vergangenheit.
Auch nicht in die vorletzte Jahrhundertwende, die wir doch alle gerne so nostalgisch betrachten, mit ihrem verblassenden K. u. k.-Glanz?
Nein, auch nicht. Nicht einmal wenn ich mir aussuchen könnte, in einer extrem reichen Familie leben zu dürfen. Ich freu mich über das Hier und Jetzt, in dem wir Frauen Freiheiten haben, die es früher einfach nicht gab – an die wir lange Zeit nicht einmal zu denken gewagt hätten.
Sie würde das genießen und feiern! Allein, dass sie jede Ausbildung machen darf, die sie will. Dass sie alleine auf die Straße gehen darf, ohne von einem Mann, der sie „beschützt“ begleitet zu werden. Das klingt für uns heute völlig irreal, war aber damals Lebensrealität. UND: Sie darf studieren, sie darf wählen! Das ist für uns Frauen heute selbstverständlich - aber vor gar nicht allzu langer Zeit, war das ein sehr umkämpftes Thema.
Stimmt. Aber der Arbeiterin ging's eben noch einmal um eine bedeutende Stufe schlechter. Weil's ja immer so ist, dass der Unterdrückte noch einmal jemanden braucht, den er unterdrücken kann ... Und auch wenn wir die finanzielle Seite betrachten, also die Entlohnung. Da standen Frauen auch entschieden schlechter da. Es gab noch im 19. Jahrhundert eine unglaublich hohe Zahl von Frauen, die sich prostituieren mussten, um überleben zu können. Obwohl sie Arbeiterinnen waren.
Sie gelten auch als „Queen of Cosy Crime“. Ein Titel, der Sie nervt?
Nein, gar nicht. Ich freu mich. Das hat ein Kollege von Ihnen einmal geschrieben und dann wurde es von anderen aufgenommen. Und es beschreibt mich ja ganz gut. Blutige Thriller wird man von mir nicht zu lesen bekommen. Da gibt’s großartige Kollegen und Kolleginnen von mir, die das wirklich toll machen. Aber ich sehe mir auch keine Filme in dieser Richtung an, das ist einfach nicht mein Ding.
Wobei Cosy Crime Sie halt nicht zur Gänze beschreibt, finde ich. Da sind natürlich die historischen Romane, über die wir gesprochen haben. Und ganz allgemein Themen, die ganz weit weg von „cosy“ sind. Ihr Roman über Hans Asperger zum Beispiel: „Aspergers Schüler“.
Da haben Sie recht ... Er war Arzt an der Kinderklinik der Uni Wien, wo er dann ab 1932 die heilpädagogische Abteilung leitete. Und die war damals wirklich etwas Besonderes. Ein Vorzeigeprojekt, in dem Kinderärzte, Kinderpsychologen und Pädagogen zusammengearbeitet haben. Dort ist ja eigentlich diese Diagnose Autismus-Spektrum-Störung entstanden. Aber wie wir heute wissen, wurden von dort später eben auch Kinder an den „Spiegelgrund“ überwiesen, wo sie schließlich ermordet wurden. Eines der dunkelsten Kapitel der österreichischen Geschichte ... Also nein, das hat mit „cosy“ wirklich gar nichts zu tun – und ich finde, dass es eines meiner besten Bücher ist.
Sie sind ja selbst in Sachen Autistisches Spektrum tätig, so viel ich weiß. Als Frühförderin, oder?
Genau, als mobile Frühförderin besuche ich Familien mit Kindern, die spezielle Hilfe benötigen. Dabei habe ich mich auf Kinder mit Autismus spezialisiert. Aber leider schaffe ich das zeitlich einfach nicht mehr, mit Jänner habe ich damit aufgehört.
Dass Sie überhaupt noch Zeit für diesen schwierigen Beruf gefunden haben, wundert mich. Sie scheinen ohne Pause zu schreiben, manchmal, wie gerade letzten Dezember, erscheinen zwei Bücher gleichzeitig von Ihnen.
Na ja, ich schreibe schon immer ein Buch nach dem anderen. Wenn manchmal zwei beinahe gleichzeitig herauskommen, hat das etwas mit der Veröffentlichungsstrategie der Verlage zu tun.
Dennoch ein beeindruckender Output. Wie sieht ein Beate-Maly-Arbeitstag aus?
Aufstehen, Kaffee trinken ... noch einen Kaffee trinken. Ich versuche, spätestens um halb acht mit dem Schreiben anzufangen. Mittags mache ich Pause, esse eine Kleinigkeit, dann mache ich weiter.
Das klingt nach Acht-Stunden-Tag.
Nein, eher nach Zehn-Stunden-Tag.
Und wie viele Seiten schaffen Sie dann an so einem Tag?
Das lässt sich wirklich nicht sagen. Manchmal geht’s flott dahin und manchmal kommen kaum mehrere Seiten zusammen, dann hänge ich ewig an einem Dialog oder an so Kleinigkeiten, wie der Frage, was der Kaugummi gekostet hat, den Estée Lauder gekaut hat. Da geht dann auch plötzlich mal ein halber Tag um bei der Recherche.
Genau diese Kleinigkeiten sind aber bei historischen Romanen sehr wichtig – weil sie den Leser wirklich in eine bestimmte Epoche eintauchen lassen.
Stimmt. Aber für alltägliche Fragen habe ich schon ein sehr umfangreiches Archiv, auf das ich zurückgreifen kann. Speisekarten, Rezepte, alte Kataloge, Bilder ... Und manches kommt auch unverhofft: Für den aktuellen „Mord im Planetarium“ hat mir ein Leser umfangreiches Material zukommen lassen. So ist es eigentlich erst zu diesem speziellen Thema gekommen.
Sie haben zu Beginn gesagt, Sie würden nicht gerne in einer der Epochen Ihrer Heldinnen leben müssen. Fragen wir umgekehrt: Welche würden Sie gerne in unsere Zeit holen? Und worüber würde die am meisten staunen?
Ich denke, das wäre wieder Aurelia. Und die würde ganz einfach darüber staunen, was sie heute alles tun kann. Dass sie alles lernen darf, was sie will, auch Technikerin, Ingenieurin ... Dass es keine Grenzen für sie gibt, was Bildung anbelangt.
Bestseller-Autorin Beate Maly
©kurier/Martin WinklerUnd was würde sie letztendlich machen?
Sie würde wohl Kunst studieren, denke ich. Vielleicht später Karikaturen zeichnen, ganz, ganz freche. Unter ihrem eigenen Namen, ohne Pseudonym. Das wäre für sie wohl ein unglaublich tolles Gefühl.
Die Lebensspannen mancher ihrer Protagonisten überschneiden sich doch einigermaßen. Der Jahrhundertwende-Kommissar Felix Zack, über den wir leider überhaupt noch nicht gesprochen haben, wäre zum Beispiel ein ideales Bindeglied für Aurelia und Ernestine. Reizt es Sie nicht, Ihre Helden und Heldinnen in einem Roman zusammenzubringen?
(lacht) Stimmt, daran habe ich überhaupt noch nie gedacht. Aber es ist eine wunderbare Idee!
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