Was bewirken strikte Fastentage im Körper?
Aschermittwoch. Ab nun vierzig Tage Fasten – eine Tradition, die älter ist als jeder Detox-Trend. Ob im Christentum (das an die 40 Tage Fasten von Jesus in der Wüste erinnert), Judentum, Islam oder Buddhismus: Fastenzeiten gehören seit jeher zu den Religionen. Heute ist Fasten allerdings längst nicht mehr alleine eine Glaubensfrage, sondern ein Lifestyle-Thema mit medizinischem Unterbau. Während früher der Verzicht vor allem moralisch gedacht war, wird er heute biochemisch erklärt.
Der Boom der unterschiedlichesten Fastenmethoden ist auch Ausdruck eines Zeitgeistes, der bei allem Überfluss und aller Hast nach Ruhe und Pausen sucht, wie Ulrike Göschl erklärt. Sie ist Kurärztin im Retreat & Health Resort Marienkron in Mönchhof im Burgenland.
In den Fettstoffwechsel kommen
Hier werden klassische fünftägige Fastenkuren ebenso angeboten wie sanftere Formen, etwa intermittierendes Fasten – immer medizinisch begleitet. „Fasten ist kein Wettkampf und auch nicht als Abnehmdiät zu sehen“, sagt Göschl. „Viel mehr als 10 Tage unter 500 Kalorien täglich oder Nullfasten machen als Gesundheitsintervention keinen Sinn. Ab da beginnt der Körper, Substanz abzubauen – und das schadet mehr, als es nützt.“
Nach etwa zwei Tagen ohne Nahrung sind die Glykogenspeicher geleert, der Körper schaltet um – vom Zucker- in den Fettstoffwechsel, Ketose genannt. Das eigentliche Ziel des Fastens. Weil der Insulinspiegel während dieser Zeit dauerhaft niedrig ist, werden die Zellen wieder empfindlicher gegenüber Insulin. Eine gute Vorbeugung gegen Diabetes. Studien deuten auch darauf hin, dass entzündliche Prozesse im Körper reduziert werden.
Ulrike Göschl Kurärztin im Retreat & Health Resort Marienkron.
Autophagie anregen
In der Phase der Ketose wird zudem die Autophagie aktiviert – jener zelluläre „Frühjahrsputz“, bei dem beschädigte Zellbestandteile recycelt werden. Ein biologischer Reset, der erklärt, warum sich viele nach dem Fasten klarer, leichter und fokussierter fühlen. „Nach zwei Tagen sind Müdigkeit oder Kreislaufbeschwerden in der Regel weg“, so Göschl.
Die Expertin empfiehlt Fastenkuren maximal zweimal pro Jahr, im Abstand von etwa sechs Monaten. „Ab dann schleicht sich oft wieder der Schlendrian ein – man isst unaufmerksamer, unstrukturierter.“
Was viele jedoch unterschätzen: Nicht das Fasten alleine ist entscheidend, sondern das Danach. „Die Aufbauphase ist mindestens so wichtig wie die Kalorienreduktion selbst“, betont die Ärztin. Wer nach dem Fasten zu fettig, zu schwer oder zu hastig isst, nimmt dem Körper den Lerneffekt.
Auch mit Mythen räumt man in Marienkron auf. Schwarzer Kaffee etwa ist erlaubt – er stört den Stoffwechsel während des Fastens nicht. Bitterstoffe sind ausdrücklich erwünscht: Rucola, Radicchio oder Chicorée unterstützen Leber und Verdauung in der Aufbauphase.
Radicchio unterstützt die Leberfunktion
Diätologin Anna Lesnjakovic begleitet die Gäste ebenfalls und gibt Tipps für die Zeit daheim: „Auch wenn ich zwischendurch ständig etwas Gesundes wie Nüsse esse, steigt der Insulinspiegel an. Snacks halten ihn in einem Dauerhoch. Man sollte sich bewusst machen, dass Nüchternphasen wichtig sind.“ Drei, vier Stunden stollten es schon sein. Verbieten wolle sie kein Lebensmittel. Es herrsche viel Unsicherheit durch Halbwissen und widersprüchliche Empfehlungen.
Kein Verbot
„Auch der oft verteufelte Weizen etwa, in Form von Nudeln und Brot, ist eine Kohlenhydratquelle und liefert gute Ballaststoffe und Mineralstoffe. Vollkornweizen sollte es sein. In der Regel isst man ihn nicht isoliert: Eine Eiweißquelle und Salat oder Gemüse sollten nicht fehlen“, so Lesnjakovic. Genau auf diese Ausgewogenheit der Komponenten müsse mehr Augenmerk gelegt werden, ohne etwas strikt zu streichen. „Denn durch übermäßige Schonung können sich Empfindlichkeiten mit der Zeit verstärken oder sogar entstehen“, warnt die Diätologin.
Generell sei Fasten weniger Verzicht als die Erinnerung ans Wesentliche. Und an die Erkenntnis, dass auch der Stoffwechsel Pausen braucht.
Das Retreat & Health Resort Marienkron hat eine Umfrage mit mehr als 1.000 Befragten veröffentlicht. Fast jeder Zweite (46,5 %) will in diesem Jahr fasten – sei es durch einzelne Fastentage, Intervallfasten oder während der traditionellen Fastenzeit (auch der muslimische Fastenmonat Ramadan startete am Dienstag). Top-3-Vorsätze: Schlaf, (mehr) Sport und gesündere Ernährung.
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