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Jetzt geht's um Knopf und Kragen: Warum Krawatten im Trend sind

Das unnötigste Accessoire der Männergarderobe kommt nie aus der Mode. Warum die Krawatte jetzt breit, bunt und fröhlich sein darf und sie ihren Business-Status verloren hat.

Plötzlich hat sich das Erscheinungsbild im Alltag geändert: Egal ob im Büro oder beim Clubbing, man sieht wieder Männer, die den guten alten Schlips umgebunden haben. Und noch besser ist, dass die Krawatte, wie man sie heute wieder in Funktion sieht, trotzdem immer ein anderes Erscheinungsbild, einen anderen Style und somit auch die Laune des Trägers zeigt. 

Wer erinnert sich nicht an den blütenweißen Hemdkragen, den Karl Lagerfeld, der fast nie ohne Krawatte oder Halstuch außer Haus ging, dazu stylte, gepaart mit seiner schwarzen Sonnenbrille. Doch dieser obligatorisch blütenweiße Hemdkragen ist Geschichte, J. W. Anderson als neuer Chefdesigner für Dior neue Maßstäbe in Sachen Style und Krawatten-Code setzte. Bei seinem eigenen Label J. W. Anderson achtete er ja von Beginn an auf neue Silhouetten und Proportionen. 

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Dior Krawattenstyles: Sportlich mit kurzen Hosen von J.W. Anderson (Foto ganz oben) oder locker, elegant mit Cape

©Hersteller

Jetzt hatten auf den Laufstegen von Dior die männlichen Models Krawatten um den Hals gebunden. Und staunend nahmen die Gäste, darunter auch A$AP Rocky, selbst mit locker gebundenem Schlips im Publikum, auch die Vielfalt der Farben und Muster wahr, die eher aus den Kleiderkästen der Väter bekannt sind. Warum der Look dabei  locker  und fröhlich wirkte? Alle Krawatten waren lässig über  Hemden gebunden, deren oberste Knöpfe offen blieben. Die Hemden wurden auch nicht zwingend in die Hosen gesteckt und  der Hemdkragen selbst saß oft schief und wirkte, als hätte man sich in Eile angekleidet, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Ein Trend der offenbar den Nerv der Zeit getroffen hat. 

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Seidenkrawatte und breite Streifen von Valentino, 230 €, über https://mytheresa.com

©Hersteller

Die Krawatte galt in den 1960er- und 70er-Jahren als Zeichen von Bürgerlichkeit und Accessoire für Spießer. Schon damals wurde sie in der Alltagsmode immer mehr verdrängt und kam ab den 2010ern als Auswirkung von Finanzkrisen völlig aus der Mode – der Businesslook wurde unbeliebt, die Krawatten-Produktion ging zurück.  

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Seidenkrawatte in der Farbe Cloud-Dancer von Olymp, 39,99 €, über https://peek-cloppenburg.at

©Krawatten

Jetzt ist sie wieder da, denn der wieder aufkommende Trend Businesscore öffnete ein Fenster für das neue Spiel mit dem Stück Stoff. Modedesigner wie Dior, Brunello Cucinelli oder Louis Vuitton verleihen der Krawatte einen neuen Coolness-Faktor und codieren sie neu: Nach dem Businesscore, der sich an die ursprüngliche Funktion der Krawatte als eleganter, förmlicher Hemdzusatz im Büro anlehnte, erinnert sich die Krawatte jetzt an Zeiten, in denen sie als Sinnbild von Rebellion und Andersein getragen wurde. Eben als ein Stückchen Rock ’n’ Roll. Genau das, was auch Karl Lagerfeld einst mit seinem Black-Tie-Stil versprühen wollte, auch wenn es eher als eleganter Luxus-Couture-Style zu erkennen war.

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Elegant und klassisch mit kleinem Knopf bei Brunello Cucinelli

©Hersteller

Breit wie Bowie, schmal wie Warhol

Die schmalen, schwarzen Krawatten – einst It-Accessoire von Musikern wie den Beatles und aus Leder bei  den Blues Brothers – sind auch zurück. Außerdem sind bunte Muster und breite Formen wieder gefragt wie sie bei Miami Vice in den 1980er-Jahren Mode waren. Neu ist auch der Style, dass man sie, offenbar angelehnt an den amerikanischen College-Look der 1970er-Jahre, auch zu kurzen Shorts, Bermudas und  zu Jeans stylt.

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Blumen im typischen Muster von Etro, 195 €, über https://mytheresa.com

©Krawatten

Damals wussten ja Musiker und Künstler wie David Bowie oder Andy Warhol genau, welche Wirkung ein grob gebundener Krawattenknopf hat: Bowie liebte breite, locker gebundene Krawatten mit auffallenden Mustern wie Karo oder Streifen in den 1970ern.

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Hellgrüne Seide von Joop Collection, 49,99 €, über https://peek-cloppenburg.at

©Krawatten

In den 1990ern kombinierte er zu grellgrünen Anzügen und blau gestreiften Hemden, lieber bunt gemusterte Krawatten. Während Andy Warhol auf den Stil der 1960er-Jahre setzte: schmaler, kleiner, korrekter Knoten, weißer Hemdkragen und rote oder schräg gestreifte Krawatten. 

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Dior zeigt auch schmale Krawatten und kombiniert Hosenträger dazu

©Dior

Heute zieht die Freiheit, die von der Kunst  bekannt ist, in die Mode ein: Turnschuhe sind zur Krawatte erlaubt, genau wie Sportblousons und Lederjacken. So gesehen sind Krawatten universell einsetzbar wie nie: vom Business-Style bis zum Freizeitlook. Auch ihr Schnitt zeigt sich in sämtlichen Stilen von breiten Eighties-Modellen bis zu schmalen Skinny-Ties, die nach den 1960er-Jahren dank angesagter Indie-Rock-Bands wie Franz Ferdinand oder Arctic Monkeys wieder in Mode kamen. 

Dior Homme: Photocall - Paris Fashion Week - Menswear Spring/Summer 2026

Daniel Craig mit lockerem Krawattenknopf, Sneakers und Jeans bei der Show Dior Homme in Paris  

©Getty Images for Dior Homme

Obwohl das einstige soldatische Halstuch mit der heutigen Form nicht mehr viel Ähnlichkeit hat, sind Name und Verarbeitung gleich geblieben: Das längliche Stück Textil wird bis heute besonders verarbeitet. Seit den 1920er-Jahren wird der Stoff diagonal zur Webrichtung geschnitten, damit er sich beim Binden besser an den Hals anlegt und der Knoten nicht sperrig wirkt.

Louis Vuitton: Runway - Paris Fashion Week - Menswear Spring/Summer 2026

Korrekt gebunden: Krawatte und Sportblouson bei Louis Vuitton

©Getty Images/Kristy Sparow/Getty Images

Das einstige  Statement-Piece der Eleganz, ist heute ein fröhliches Style-Instrument mit dem man auch spielen darf.

Florentina Welley

Über Florentina Welley

Mag. Florentina Welley schreibt seit 2006 als Lifestyle-Autorin über ihre Lieblingsthemen: Mode, Reise, Design und Kunst. Darüber hinaus konzipiert sie Shootings, kuratiert auch Kunst- und Designevents. Auch Film-Erfahrung hat sie, etwa als Co-Produzentin für den Spielfilm „Die toten Fische“, darüber hinaus ist sie in Werbung und Medien bekannt für Konzepte, Textierungen jeden Genres und Modeproduktionen samt Styling, Regieassistenz, Ausstattung und Kostümbild.

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