Reihen von hohen, dicht bewachsenen Hopfenpflanzen wachsen auf einem sonnigen Feld.

"Teuerster Spargel der Welt": Was die Arzneipflanze 2026 alles kann

Hildegart von Bingen warnte ihm, Sterneköche zahlen Unsummen und die Medizin setzt ihn gegen Schlaf- und Angststörungen ein. Was Hopfen alles kann.

Der Hopfen ist ein „gottloses Unkraut“, das „die Menschen gefährdet“. Als die Engländer im 16. Jahrhundert begannen, die Kletterpflanze zum Bierbrauen zu verwenden, war der Widerstand enorm. König Heinrich VIII. verbot sie zweimal, doch Widerstand war zwecklos. 

Der Hopfen trat, dem Reinheitsgebot sei Dank, seinen Siegeszug an und wird heute auf allen Kontinenten außer in der Antarktis angebaut, vor allem aber da, wo viel Bier gebraut wird. Im bayerischen Hallertau wurden im Vorjahr auf fast 16.000 Hektar mehr als 37.000 Tonnen geerntet. In Österreich findet man ihn im Mühlviertel, im Waldviertel und im steirischen Leutschach.

Arzneipflanze 2026

Vielleicht hätten die schäumenden Engländer selbst Hopfen zu sich nehmen sollen, denn die beruhigende und schlaffördernde Wirkung ist wissenschaftlich nachgewiesen und das Potenzial der Kletterstaude im medizinischen Bereich groß. Deshalb wurde der Hopfen am Mittwoch zur österreichischen Arzneipflanze des Jahres 2026 gekürt.

Kein Fan: Hildegard von Bingen

Hildegard von Bingen wäre davon wohl nicht begeistert gewesen. Sie erkannte zwar die konservierende Wirkung des Hopfens an, der das Bier „vor einer gewissen Fäulnis“ bewahre, gleichzeitig fand sie jedoch, dass er bei Männern Melancholie verstärke. Diese Wirkung sei wohl eher dem Bierkonsum geschuldet, als dem Hopfen selbst, spekulierte der Präsident der Herbal Medicinal Products Platform Austria, die die österreichische Arzneipflanze kürt. 

Die arabischen Ärzte des 13. Jahrhunderts hingegen würden der Wahl wohlwollend zustimmen. Sie waren die Ersten, die auf die schlaffördernde Wirkung des Hopfens vertrauten. 

Hilft bei Schlaf- und Angststörungen

Ein „solides Potenzial“ bei Schlaf- und Angststörungen sieht etwa Christian Gruber von der MedUni Wien, vor allem in Kombination mit Baldrian oder Melisse. Diese Mischung „steht für gesunden, natürlichen Schlaf“, bestätigt auch Jost Langhorst, Professor für Integrative Medizin in Duisburg-Essen. Studien zeigen, dass dadurch die Schlafdauer länger und die Schlafqualität besser wird.

„Es ist nicht zu empfehlen, übermäßig Bier zu trinken, um einen Effekt zu erwarten.“ 

Christian W. Gruber MedUni Wien

Eine positive Wirkung wird dem Hopfen auch bei Beschwerden während der Menopause nachgesagt, die kann aber von Frau zu Frau stark variieren. Der Hopfen wirkt unter anderem auch antibakteriell und entzündungshemmend

Gesundes Bier? Leider nein!

Was für den Hopfen gilt, gilt leider nicht fürs Bier. Dort sorgt der Hopfen zwar für Geschmack und Haltbarkeit, die Hopfeninhaltsstoffe werden durch den Brauvorgang aber teilweise umgewandelt und abgebaut. Auch wenn der Hopfen für besseren Schlaf sorgt, der Alkohol sorgt für schlechteren. Flüssige Selbstmedikation kann man deshalb nicht empfehlen – außer es handelt sich um Hopfen-Tropfen oder -Tee. Aber Achtung, letzterer schmeckt bitter.  

Der teueste Spargel der Welt

Eine teure Gourmetrarität hingegen ist der Hopfenspargel. Einst waren die knackigen Wurzeltriebe ein Arme-Leute-Essen. Durch die Umstellung auf maschinelle Bearbeitung geriet der Hopfenspargel fast in Vergessenheit. 

Erst seit wenigen Jahren ernten einzelne Bauern die Sprossen wieder in mühevoller Handarbeit. Ein bis zwei Stunden dauert es, ein Kilo aus der Erde zu holen. Das hat seinen Preis: Der „teuerste Spargel der Welt“, beliebt in der Gourmetküche, wird ab Hof um 50 bis 60 Euro pro Kilo verkauft. Im Einzelhandel kann das Kilo auch 130 Euro kosten.

Auch in Deutschland wird eine Arzneipflanze des Jahres gekürt. 2026 ist das der Ingwer. Ausschlaggebend dafür sei die Neubewertung seiner gesundheitsfördernden Wirkung, so der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde, der die Auswahl mit der Gesellschaft für Phytotherapie getroffen hat. Ingwer wird bei Erwachsenen vorbeugend gegen Reisekrankheit oder zur Behandlung leichter Magen-Darm-Beschwerden eingesetzt.  Weitere kann Ingwer bei vorübergehender Appetitlosigkeit sowie bei leichten Gelenkschmerzen und Erkältungssymptomen helfen. 

Die österreichischen Arzneipflanzen der vergangenen Jahre:

  • 2025: Artischocke Ihre Blätter werden seit der Antike zur Behandlung von Leber- und Gallenfunktionsstörungen sowie bei Verdauungsbeschwerden eingesetzt. Extrakte aus Artischockenblättern können die Bildung und den Fluss der Gallenflüssigkeit fördern sowie erhöhte Blutfettwerte senken. Darüber hinaus haben sie antioxidative und zellschützende Eigenschaften. Derzeit werden  mögliche Wirkungen bei entzündlichen Darmerkrankungen und zur Senkung des Blutzuckerspiegels untersucht.
  • 2024: Safran Das „rote Gold“ gilt als natürliches Antidepressivum. „Verschiedene Studien haben die antidepressive Wirkung von Safran bei leichten bis mittelschweren Depressionssymptomen belegt“, heißt es bei der Herbal Medicinal Products Platform Austria (HMPPA), Expertinnen und Experten österreichischer Unis, die die  Auswahl treffen. Als Arzneipflanze hat Safran eine lange Tradition  bei Regelbeschwerden und  Verstimmungszuständen.
    Safran wirkt auch entkrampfend und entzündungshemmend, er verbessert die Gehirnleistung und stärkt die Konzentration.
  • 2023: Rosenwurz Auszüge der Wurzel werden als traditionelle Arzneimittel bei Stresssymptomen wie Erschöpfung und Schwächegefühl eingesetzt. Rosenwurzextrakte senken den Stresshormonspiegel und stimulieren den Energiestoffwechsel. Für einzelne Inhaltsstoffe sind mittlerweile auch schützende Effekte auf Nervenzellen sowie antivirale und antibakterielle Eigenschaften nachgewiesen.

Weitere Arzneipflanzen des Jahres in Österreich waren der gelbe Enzian (2022), die Mariendistel (2021), der Lavendel (2020), das Edelweiß (2019), Cannabis (2018) und Mutterkraut (2017). em

Über Marianne Lampl

Redakteurin und Digital Producer bei KURIER und freizeit.at, dem Digitalformat der KURIER freizeit. Geboren im Burgenland, für den Besuch einer Kunstschule mit 13 Jahren nach Wien gekommen. Studierte dann später in Graz Journalismus und arbeitete anschließend in Wien beim ORF, bei Heute und PULS24.at, unter anderem als Ressortleiterin für Szene, Lifestyle, Entertainment und Kultur. Seit 2024 bei KURIER und freizeit.at.

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